Münchner Ausstellung  „United by Jazz“Wenn Jazz und Kunst zusammen jammen

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Auf der Heizung liegen lassen? Milen Till ist dieses Missgeschick mit einer Schallplatte mal passiert. Inspiration genug für seine Installation „Melting Jazz“, wo die Venyl-Objekte zerfließen wie die Uhren der Kunst von Salvador Dalí.
Auf der Heizung liegen lassen? Milen Till ist dieses Missgeschick mit einer Schallplatte mal passiert. Inspiration genug für seine Installation „Melting Jazz“, wo die Venyl-Objekte zerfließen wie die Uhren der Kunst von Salvador Dalí. Milen Till

Geschmolzene Platten auf einem Wäscheständer, Erinnerungen an Henri Matisse und Piet Mondrian –  Jazz war immer schon dicht dran an der bildenden Kunst. Das zeigt jetzt eine besondere Ausstellung in der Pasinger Fabrik.

Von Jutta Czeguhn

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Wem ist das nicht auch schon passiert? Die helle Freude über eine Flohmarktplattenrarität, und zu Hause beim Probelauf springt sie von der Nadel. Verformt wie ein Pfannkuchen. Vinyl-Cracks raten in solchen thermoplastischen Katastrophen zu allerhand verwegenen Verfahren, um den verzogenen Tonträger wieder plan und hörbar zu bekommen: kontrollierte Erwärmung im Backofen, fünf Minuten föhnen auf warmer Stufe, fünf fette Enzyklopädie-Bände als Auflage. Oder man macht eben das Beste aus der Deformation – Kunst. Wie Ex-DJ Milen Till; ihn hat derlei Missgeschick zu seiner Installation „Melting Jazz“ inspiriert. Der Wäscheständer mit 61 geschmolzenen Platten ist eines der Schaustücke der Ausstellung „United by Jazz“ in der Pasinger Fabrik. Kunst und Jazz finden hier zusammen wie Musiker bei einer guten Jamsession. Und Musik gibt es reichlich.

Pasing und der Jazz. Diskophile Jazz-Fans bekommen da in den Galerieräumen der Fabrik leuchtende Augen und sie erinnern sich mit viel Wärme im Herzen an Manfred Scheffner und an Elektro Egger in der Gleichmannstraße, wo so mancher Schüler des örtlichen Karlsgymnasiums seine Freistunden und mitunter auch ganze Vormittage verbrachte. Wem, wie anfangs auch dem Fabrik-Kurator Stefan Maria Mittendorf, diese weit übers Lokalhistorische hinaus bedeutsame Jazz-Geschichte nicht geläufig sein sollte: SZ-Journalist Oliver Hochkeppel hat für die Ausstellung erhellende Texte verfasst. Schließlich gehörte auch er zu jenen Karlsgymnasiasten und hat 1983 bei Elektro Egger – das verrät er einem natürlich nur unter dem Siegel vollkommener Verschwiegenheit – in einen Moment enthemmter Begeisterung seine erste Jazz-CD mitgehen lassen. Verjährt. Und von einem Enthusiasten wie Manfred Scheffner gewiss auch verziehen.

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Scheffner, er lebte von 1939 bis 2019, hatte in München bei der Bahn gearbeitet und beim ADAC das Notrufsystem mit aufgebaut, ehe er 1967 bei Elektro Egger anheuerte. Dort brachte er System ins Unsortierte, schließlich hatte er damals schon seinen ersten „Bielefelder Katalog“, ein akribisches Verzeichnis für Jazzschallplatten, herausgebracht. Viele Kataloge sollten folgen und einige Originale sind auch in der Ausstellung zu sehen. Bei Egger installierte Scheffer nicht nur den Versand „jazz by post“, sondern gründete auch zusammen mit Karl Egger und Manfred Eicher in Pasing 1969 das Musiklabel ECM Records.

Ein autofreier Sonntag? Dieter Rehms Cover für das „Art Ensemble of Chicago“.
Ein autofreier Sonntag? Dieter Rehms Cover für das „Art Ensemble of Chicago“. Dieter Rehm

Der Beginn einer legendären Jazz-Erfolgsgeschichte, die in der Schau nachgezeichnet und gefeiert wird. Als Memorabilien aus den frühen Jahren des Labels sind nicht nur Fotografien und Manschettenknöpfe (!) zu sehen, sondern auch etliche Platten-Cover von ECM und Enja, dem anderen bedeutenden Münchner Jazz-Label. Sie dürften heute einiges an Sammlerwert besitzen. Denn sie sind Zeugnisse eines für dieses Musikgenre typischen, sehr freien und experimentellen Cover-Designs, mit der die Produzenten die hörende Kundschaft auch visuell inspirieren wollten. Fotokunst trifft Jazz: Einer der herausragenden Gestalter ist hier der Fotograf Dieter Rehm, von 2010 bis 2022 Präsident der Akademie der Bildenden Künste in München, und auch als „das Auge von ECM“ bekannt. Ihn lernte Kurator Stefan Maria Mittendorf bereits Ende der Achtzigerjahre in München kennen, da war er selbst noch Schüler und Rehm Assistent bei seinem Firmpaten, dem in diesem April gestorbenen Maler und Kunstprofessor Gert Winner.

Als der Tunnel auf der A 96 bei Gräfelfing noch nicht so stauanfällig war: Dieter Rehms Cover für Mick Goodricks Album „In Pas(s)ing, erschienen 1979 bei ECM Records.
Als der Tunnel auf der A 96 bei Gräfelfing noch nicht so stauanfällig war: Dieter Rehms Cover für Mick Goodricks Album „In Pas(s)ing, erschienen 1979 bei ECM Records. Dieter Rehm

In Rehms Arbeiten, die zwischen 1978 bis 1996 für ECM entstanden, findet scheinbar Entferntes ganz entspannt zusammen. Für Lester Bowies „The Great Pretender“ etwa steht eine geisterhaft grelle Figur bei Nacht in irgendeinem südbayerischen Weiher. Und immer wieder Motiv: der Autobahntunnel auf der A 96 bei Gräfelfing, durch den Rehm damals zwischen Memmingen und München mit seinem Ford Capri pendelte. Freiheit, Einsamkeit, das Unterwegssein. „In Pas(s)ing“ heißt wortspielerisch das Album von Mick Goodrick, auf dem Cover auch hier die erstaunlich verkehrsarme Tunnelröhre.

Keine Luftbläschen aus dem Saxofon? Mulo Francel, fotografiert  von Mike Meyer.
Keine Luftbläschen aus dem Saxofon? Mulo Francel, fotografiert  von Mike Meyer. Mike Meyer

Neben den Cover-Arbeiten Rehms präsentiert die Ausstellung weitere fotografische Positionen, die sich hauptsächlich dem Künstlerporträt widmen und in den Ausstellungsräumen zwanglose Zwiesprache halten. Da ist, wie zum Empfang, im Lichthof der Fabrik Michael Steiners großformatige Serie mit „Jazzfaces“, die den dort Speisenden munter auf die Teller gucken und mittels QR-Codes „hörbar“ werden. International unterwegs ist der gebürtige Franke Mike Meyers. Zu seinen Auftraggebern gehören Großkunden der Auto- und Modeindustrie, Firmen und Zeitungsmagazine, aber auch Musiker wie etwa Mulo Fancel. Den Quadro-Nuevo-Chef lässt er für sein Album „the sax & the sea“ samt Instrument abtauchen. Fotografien wie diese wollen beeindrucken durch Perfektion. Doch bleiben seine technisch brillanten Nahaufnahmen mit den Gesichtern beispielsweise von Trompeter Till Brönner oder Sängerin Cassandra Steen eher stumm.

Stimmwunder und Vokalakrobat Bobby McFerrin, fotografiert von Ralf Dombrowski.
Stimmwunder und Vokalakrobat Bobby McFerrin, fotografiert von Ralf Dombrowski. Ralf Dombrowski

Zum Instrument wird die Kamera in den Porträts von Ursula Sonnenwald oder Ralf Dombrowski. Der Münchner Musikjournalist, Jazzautor und Fotograf, der in der Schau auch für die zahlreichen Hörstationen zuständig ist, sucht Resonanzen. Wie Sonnenwald lässt er die Musik hören. Aus seinen ungestellten Aufnahmen, entstanden unter anderem bei Konzerten in der Münchner Unterfahrt, scheint die Vokalperkussion des Stimmwunders Bobby McFerrin zu tönen. Dee Dee Bridgewater grüßt und schickt den Betrachtern „musical healing“. Ganz anders die Fotos des jungen kolumbianischen Fotografen David Mesa. Ihn hat Stefan Maria Mittendorf durch Zufall entdeckt bei einem Treffen mit dem queeren Berliner Jazzsänger Erik Leuthäuser, der die Szene gerade gehörig aufmischt. Sie erinnern mit ihrer rohen Verletzlichkeit und inszenierten Authentizität an jene Bilder des musikbesessenen Starfotografen Wolfgang Tillmans aus den 1990er-Jahren.

Jazzsänger Erik Leuthäuser,  fotografiert von David Mesa 2023 in Berlin.
Jazzsänger Erik Leuthäuser,  fotografiert von David Mesa 2023 in Berlin. David Mesa
Sängerin Kennedy aus der Formation Kennedy Administration, live at Swinging Hannover. Eine Fotografie aus Michael Steiners Serie „Jazzfaces“.
Sängerin Kennedy aus der Formation Kennedy Administration, live at Swinging Hannover. Eine Fotografie aus Michael Steiners Serie „Jazzfaces“. Michael Steiner
Der Posaunist, Multi-Instrumentalist und Sänger Ray Greene, 2025, fotografiert von Ursula Sonnenwald.
Der Posaunist, Multi-Instrumentalist und Sänger Ray Greene, 2025, fotografiert von Ursula Sonnenwald. Ursula Sonnenwald

Musik und Kunst. Kurator Mittendorf beschäftigt diese symbiotische Beziehung, seit er als Student zum ersten Mal im Münchner Lenbachhaus Wassily Kandinskys Gemälde „Impression III“ sah. Das Bild war 1911 kurz nach einem Konzert mit Musik von Arnold Schönberg entstanden, das Wassily Kandinsky zusammen mit Franz Marc besucht hatte. Der Toneindruck, das Musikerlebnis als „gelber Klang“ auf Leinwand. Komponist und Maler, beide wohl Synästhetiker, mit der Fähigkeit Klänge als Farben und Farben als Klänge wahrzunehmen, wurden Freunde, für eine gewisse Zeit.

Kassettenband-Collage als Hommage an Piet Mondrian: Eine Arbeit von Gregor Hildebrandt aus Start- und Endbändern von Audiokassetten auf Leinwand aus dem Jahr 2020..
Kassettenband-Collage als Hommage an Piet Mondrian: Eine Arbeit von Gregor Hildebrandt aus Start- und Endbändern von Audiokassetten auf Leinwand aus dem Jahr 2020.. Roman März

Der Einfluss des Zwölf-Ton-Konstrukteurs auf modernen Jazz ist heute unbestritten. Ein Künstler, den man in der Pasinger Ausstellung im Zitat begegnet, ist Piet Mondrian. Sein Gemälde „Broadway Boogie Woogie“ wurde für Kurator Mittendorf ebenfalls zu einem Schlüsselerlebnis. Mondrian, der in seiner Wahlheimat New York exzessiv Jazz hörte, als den Sound eines neuen urbanen Lifestyles, scheint in dieser Komposition aus farbigen Linien und  „Kästchen“ in Rot, Gelb und Blau eine Art Jazz-Partitur visualisiert zu haben. Nach Pasing hat es dieses ikonische Gemälde aus dem Moma natürlich nicht geschafft. Eine Annäherung, eine Hommage an Mondrians Motiv und Rhythmus aber ist Gregor Hildebrandts minimalistisch geometrisches Streifenbild. Für die Collage hat er weiße und schwarze Start- und Endbänder von Audiokassetten auf Leinwand verklebt. Ein Hoch auch auf die Zeit der Kassettenrecorder, Mixtapes und den leidigen Bandsalat!

Wenn Töne fließen: Maxim Fomenkos „Matisse in blue#2“, Öl auf Leinwand aus dem Jahr 2018.
Wenn Töne fließen: Maxim Fomenkos „Matisse in blue#2“, Öl auf Leinwand aus dem Jahr 2018. Maxim Fomenko

Mit Musik aufgeladen ist auch eines der berühmtesten Künstlerbücher überhaupt, Henri Matisse’ „Jazz“, aus dem Jahr 1947. Seinen pulsierenden Illustrationen in Scherenschnitttechnik huldigt in der Fabrik  Maxim Fomenko mit seinem Werk „Matisse in blue #2“ (Druckexemplar). Eine interessante Entdeckung von Kurator Mittendorf ist eine Serie von Gemälden des queeren Brooklyner Künstlers Logan T. Sibrel, die von einer großen Rätselhaftigkeit sind, intime Einblicke in einen Zustand urbaner Kälte und Isolation geben. Stillleben, zu denen Jazzmusik der perfekte Soundtrack sein könnte.

Was liest der Mann gerade? Der Titel gibt den Hiweis: Logan T. Sibrels „Mad Forest“, Öl auf Leinwand, 2024.
Was liest der Mann gerade? Der Titel gibt den Hiweis: Logan T. Sibrels „Mad Forest“, Öl auf Leinwand, 2024. Logan T. Sibrel, Courtesy Galerie Thomas Fuchs.

Den perfekten Soundtrack zu dieser von Stefan-Maria Mittendorf in Kooperation mit der Fotografin Annette Hempfling präzise kuratierten Ausstellung liefert eine Konzertreihe, für die Stefanie Boltz verantwortlich zeichnet. Die Münchner Jazz-Sängerin bringt darin den Titel der Ausstellung „United by Jazz“ auf einen – natürlich sehr flexiblen – Grundton. Zu den Musikerinnen und Musikern, die von April bis Juli auf den Konzertbühnen der Pasinger Fabrik auftreten werden, gehören unter anderem das Eva Moreno Trio (3. Mai),  Mulo Francel und Tim Collins (17. Mai), das Erik Leuthäuser Quartett (13. Juni) sowie Boltz selbst gemeinsam mit Nenad Uskokovic (20. Juni).

United by Jazz – Was Kunst und Jazz verbindet, Ausstellung und Konzertreihe, bis 12. Juli, Pasinger Fabrik, Galerie 1–3, August-Exter-Straße 1, Infos unter www.pasinger-fabrik.de

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