International Dance Festival MünchenGleichschritt im Highspeed-Modus

Lesezeit: 3 Min.

Welturaufführung von Richard Siegals Videoinstallation „art.Life“ im Kunstbau des Lenbachhauses.
Welturaufführung von Richard Siegals Videoinstallation „art.Life“ im Kunstbau des Lenbachhauses. (Foto: Richard Siegal art. Life Filmstill)

Was steckt hinter dem Phänomen des unter japanischen Studenten ungeheuer populären  Japanese Precision Walk? Richard Siegal hat es erkundet und zeigt im Lenbachhaus eine aufwendige Videoinstallation als Weltpremiere.

Von Sabine Leucht

Die spinnen, die Japaner! So, wie sich Obelix in den „Asterix“-Comics über die Römer wundert, schüttelt man als Westeuropäerin innerlich über die Menschenmassen den Kopf, die in Japanischen Highschools zu synchronen Highspeed-Performances aufmarschieren: Japanese Precision Walking oder Shudan Kodo heißt die eigentümliche Gruppen-Aktion, für die junge Japaner und mittlerweile auch Japanerinnen ein hartes Training auf sich nehmen.

Es gibt etliche Videos davon bei Youtube & Co. und einen regelrechten Tiktok-Hype um sie. Die Formationen dieses Kunst-Sport-Hybrids erinnern an Vogelschwärme, nur dass Vögel sich nie rück- oder seitwärts in die Gruppe einfädeln und keiner Schrittlängen-Norm unterliegen. Aber auch die Assoziation mit Militäraufmärschen drängt sich auf. Zumal aus der Perspektive einer sich gerade remilitarisierenden Welt. Und zumal ein zentraler Frontmann, eine Art Richtungs-Dirigent, kurze Kommandos bellt.

Richard Siegal bei der Welturaufführung seiner Videoinstallation "art.Life" im Kunstbau des Lenbachhauses
Richard Siegal bei der Welturaufführung seiner Videoinstallation "art.Life" im Kunstbau des Lenbachhauses (Foto: Albert Vidal Vertex Comunicacio)

Diese Assoziation kennt auch Richard Siegal, obwohl ihm der Shudan-Kodo-Meister Jiro Omi erklärt hat, dass der Ursprung dieser Choreografien im Sozialisationsprozess liegt, den alle Japaner durchlaufen: Sie lernen früh, sich als Gruppe zu organisieren, um sich im Notfall schnell in Sicherheit bringen zu können. So wie sich unsere Schulkinder paarweise zum Feueralarm aufstellen, müssen sich in diesem Land der über 6800 Inseln viel mehr Menschen für deutlich größere und häufigere Katastrophen wie Erdbeben und Tsunamis wappnen. Und außerdem: Ohne die entsprechende Disziplin käme man in Tokio vermutlich noch nicht mal heil über die Straße.

Siegals Faszination für Shudan Kodo ist rund 15 Jahre alt. Die Kraft seiner exakten Gruppenbewegungen sprangen ihn beim ersten Sehen geradezu aus dem Bildschirm an: „Das ist etwas, was im zeitgenössischen Tanz und dem Diskurs darüber fehlt oder zumindest unüblich ist“, sagt der US-amerikanische Choreograf, der in seinen hochenergetischen Arbeiten für große internationale Kompanien und sein 2016 in München gegründetes und bis vor Kurzem dem Schauspiel Köln angegliedertes Ballet of Difference (BoD) Ballett-Konventionen dekonstruiert und dennoch auf höchste Präzision und Struktur setzt.

Als Siegal das erste Mal Shudan Kodo  sah, war er fasziniert

Als Siegal vor rund zwei Jahren für ein Gastspiel in Japan war, war zunächst kein kultureller Austausch geplant. Aber man traf sich wieder, nach einem Jahr Planung, um Ende 2024 mit rund 53 Athletinnen der Nippon Sports Science University in Yokohama und den BoD-Tänzern Karin Honda und Ian Sanford das Material zu proben und aufzuzeichnen, das nun in die neue Produktion „art.Life“ eingeflossen ist.

Die 20-minütige Video-Installation ist bis zum 15. Juni im Kunstbau des Lenbachhauses im Dauerloop zu sehen und hatte beim International Munich Dance Festival Weltpremiere. Dessen neuer künstlerischer Leiter Tobias Staab hat lange mit Siegal zusammengearbeitet und hatte den Ehrgeiz, den in München wohlbekannten Choreografen ganz neu zu präsentieren. Und ja, „art.Life“ ist dichter und überraschender als Siegals zuletzt zu Dance eingeladene Arbeiten. Und das ist nicht nur der Kürze, sondern auch dem hohen Abstraktionsgrad geschuldet. Das Verhältnis zwischen Original-Shudan-Kodo-Formationen und nach erweiterten Regeln neu choreografierten Passagen ist laut Siegal etwa fifty-fifty.

Doch da ist auch die elektronische Soundlandschaft von Alva Noto, das Licht- und Videodesign von Matthias Singer und Lukas und Teresa Nikol. Und da sind allerlei Verfremdungseffekte am Werk: „Ich war neugierig darauf, die Körper mit dem Boden, auf dem sie tanzen, verschmelzen zu lassen und wie die Kamera das Verhältnis zwischen Zuschauern und Performern verändern kann“, erklärt der Choreograf.

Der menschliche Körper löst sich in Pixel auf oder wird klein wie ein Insekt

Sich der Gruppe entgegenstellende oder durch sie hindurch navigierende Antagonisten kommen im Video ebenso vor wie extreme Zooms, Fischeye- oder die totale Vogelperspektive. Gleichzeitig zersplittert die riesige Projektionsfläche in immer mehr Fenster, und der menschliche Körper löst sich in Pixel auf oder wird klein wie ein Insekt, das in einem komplexen schwarz-weißen Webmuster herumkrabbelt. Das ist so irritierend wie anregend und erzählt indirekt von der Macht des Digitalen über unsere analoge Existenz und vom Verschwinden des Individuums in dem, was wir Kollektiv oder System nennen. Und dabei bleibt alles sehr spielerisch und lockert die paramilitärische Strenge des Shudan Kodo auf.

Von Herbst an leitet Richard Siegal die Ballettsparte des Nürnberger Staatstheaters und bringt die Reste seines Ballet of Difference zurück nach Bayern, das die Stadt Köln trotz dessen internationaler Erfolge nicht mehr wollte. Das neu gemischte Ensemble wird „Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference“ heißen und mit sechs Siegal-Produktionen an den Start gehen. Voraussichtlich 2028 steht der Umzug ins Interim in die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände an. „Ich liebe die Ironie, die darin liegt, dass dieser als Weihestätte der NS-Ideologie geplante Nazi-Bau in Zukunft die Theaterkunst erhöhen und ein Ort der Offenheit und Diversität werden soll“, freut sich Siegal. Kollektive Aktionen wie Shudan Kodo könnten dort künftig zwar prinzipiell auch gut funktionieren. Aber nicht als Eröffnungsgeste. Seine aktuelle Vision für diesen Ort: „Ihn mit Freude fluten.“

art.Life, bis 15. Juni, täglich außer montags, 10 bis 18 Uhr, Lenbachhaus / Kunstbau, Luisenstraße 33, Eintritt frei

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Anne Teresa de Keersmaeker beim Dance Festival München
:Überzeitlich schönes Tanztheater

Mit „Fase“ wurde Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker 1982 schlagartig berühmt. Warum dieser Klassiker des zeitgenössischen Tanzes immer noch fasziniert. Eindrücke von der umjubelten München-Premiere im Volkstheater.

Von Rita Argauer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: