Theater:Gefangen im eigenen System

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Theater: "Don Karlos" am Staatstheater Nürnberg: Links Maximilian Pulst als Karlos, rechts Yascha Finn Nolting als Marquis von Posa.

"Don Karlos" am Staatstheater Nürnberg: Links Maximilian Pulst als Karlos, rechts Yascha Finn Nolting als Marquis von Posa.

(Foto: Konrad Fersterer)

Jan Philipp Gloger inszeniert in Nürnberg Schillers "Don Karlos" als strenges, faszinierendes Sprachspiel

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Auftritt Elisabeth von Valois, Königin von Spanien. Auftritt der Frau, die einst Don Karlos innig verbunden war, dann aber dessen Vater Philipp heiratete, den König, die Staatsraison wollte es so. Die Königin ist nackt. Das sieht man kaum, im Licht von Tobias Krauß ist ihr Körper ein Geheimnis. Dann kleidet Lisa Mies, die hier die Eboli spielt, Llewellyn Reichman sorgfältig an, erst das weiße Unterkleid, dann den dunklen Brokat, der wirkt wie ein Panzer, der den Körper einsperrt wie in ein Gefängnis.

Jan Philipp Gloger, Schauspielchef des Staatstheaters Nürnberg, inszeniert dort Schillers "Don Karlos"; er macht das sehr klug, sehr genau, ungeheuer präzise in der Sprache. Da soll noch mal einer sagen, ach, diese jungen Schauspieler heute, die können Schiller gar nicht mehr sprechen. Können sie, und wie. Erspüren den Rhythmus der strengen Form und sprechen doch so, als wäre diese Sprache ihre eigene. Recht viel mehr als die Sprache haben sie hier auch nicht, aber das reicht vollkommen aus. Zur Sprache tragen sie (meist) sehr strenge Kostüme, entsprechend dem explizit unlustigen spanischen Hofzeremoniell. Und dann ist da noch ein Ding.

Glogers Klassikerinszenierung ist eine perfekte Parabel fürs Heute

Das Ding ist ein großer Holzkasten aus unterschiedlich durchbrochenen Einzelteilen, dicht gefügt, aber wundersam lichtdurchlässig. Marie Roth hat den Kasten gebaut, hinter dessen Wänden sich vortrefflich andere Menschen belauschen lassen, und den man auffalten kann zu fünf Flügeln einer Mühle, die von den Darstellen angeschoben werden, ein System, das sich dreht und dreht, das manchmal Figuren einzuklemmen droht und dann wieder eine Wand ist, an der alles zu zerschellen droht. Der Kasten, das System, ist immer da, nur einmal beginnt es langsam im Boden zu versinken, dann, wenn der idealistische Marquis Posa (Yascha Finn Nolting) vom König Philipp Gedankenfreiheit fordert, wenn also der Gedanke aufkommt, dieses System, in dem der König genauso feststeckt wie alle anderen, könnte aufgebrochen werden.

Sie sind alle Gefangene, und deshalb ist es richtig, dass Llewellyn Reichman am Anfang nackt ist, weil man so sieht, wie sie eingepasst wird in eben dieses System, das keine Individualität zulässt. Leuchten mit herrlicher Wärme wird sie dennoch. Auch Karlos, der schwärmerische Maximilian Pulst, und Philipp, der mit möglicher Empathie hadernde Janning Kahnert, entledigen sich einmal der Kleidung, probieren eine Flucht, die scheitern muss. Gloger erzählt - und darin ist der Abend das, was eine gute Klassikerinszenierung sein kann, eine Parabel fürs Heute - mit höchster Präzision, wie die Macht diejenigen in sich einsperrt, die glauben, sie inne zu haben. Bezüge zum derzeitigen Weltgeschehen liegen dabei so auf der Hand, dass man sie gar nicht mehr betonen muss.

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