Jahrestag:Leises Erinnern an die Opfer des Amoklaufs

Jahrestag: "Wir vermissen euch": Die Schüler der Mittelschule Moosach erinnern an die Opfer des Amoklaufs von vor einem Jahr.

"Wir vermissen euch": Die Schüler der Mittelschule Moosach erinnern an die Opfer des Amoklaufs von vor einem Jahr.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • An der Mittelschule in Moosach haben Schüler und Lehrer ein Jahr nach dem Amoklauf im OEZ der Opfer gedacht.
  • Von der Schule selbst waren keine Opfer zu beklagen, jedoch mussten Schüler die Tat zum Teil aus nächster Nähe mitansehen.
  • An anderen Schulen hatten Schüler verschiedene Aktionen ins Leben gerufen - oder bewusst von Gedenkfeiern abgesehen.

Von Melanie Staudinger

Ein Jahr ist vergangen seit dem Tag, der sich in das Gedächtnis der Schüler der Mittelschule in Moosach eingebrannt hat. An dem sie kauernd in einem Schnellrestaurant zuschauen mussten, wie ein 18-Jähriger um sich schoss und neun Menschen tötete, darunter viele Jugendliche. Ein Tag, an dem sich viel verändert hat und mit dessen Nachwirkungen sich die Schule bis heute beschäftigt. Vor einem Jahr haben die Jugendlichen ihre Angst und Wut an einem in der Schule errichteten Gedenkort verarbeitet: Sie haben gebastelt, gemalt und ins Trauerbuch geschrieben - damit ihre toten Freunde nicht in Vergessenheit geraten.

An diesem Mittwoch hat die Schule die Gedenkecke wieder aufgebaut. Es soll ein leises Erinnern sein, das hat die Schülermitverwaltung mit der Schulleitung und den Lehrern so beschlossen. "Unsere Schüler wollten bewusst kein großes Tam-Tam an der Schule haben", sagt Rektorin Sabine Keramati. Etwas tun wollten sie aber trotzdem. Deshalb spielt die Schulband M4 YoungSouls bei der Gedenkfeier an der Hanauer Straße, die die Arbeitsgruppe "Wir alle sind Moosach" am kommenden Samstagabend organisiert. Drei Stücke haben die jungen Musiker ausgesucht: "Flashlight" von Jessie J., "Read All About It" von Emeli Sandé und "Photograph" von Ed Sheeran . "Sie wollten etwas, das zum Nachdenken anregt", sagt Keramati.

Ihre Schule pflegt einen offenen Umgang mit dem Thema, wie auch die Grund- und Mittelschüler aus Unterhaching, die für ihren getöteten Klassenkameraden Can L. ein Fußballturnier organisierten. Gymnasiasten aus Unterhaching erinnern mit einem Dokumentarfilm an die Bluttat. Andere Schulen haben sich gegen Gedenkfeiern entschieden. "Sie wollen die Wunden bewusst nicht wieder aufreißen", sagt Schulamtsleiterin Alexandra Brumann.

Seit einem Jahr nun wagen die Lehrer und Schulleiter vieler Schulen einen Spagat zwischen der Aufarbeitung der Geschehnisse und dem Bedürfnis der Schüler nach Normalität. "Kinder reagieren unterschiedlich", sagt Brumann. Die einen wollen trauern, die anderen reden. Ein paar brauchen psychologische Hilfe, andere wiederum werden in ihren Familien aufgefangen. Um zu helfen, standen 35 Psychologen des Kriseninterventions- und Bewältigungsteams (Kibbs) zur Verfügung. Kultusminister Ludwig Spaenle lud alle beteiligten Lehrer dreimal ein, nicht nur um ihnen zu danken, sondern auch, um ihnen eine Plattform zum Austausch zu bieten.

Für Mittelschüler sind die Klassenleiter wichtige Bezugspersonen. Sie haben ihre Telefonnummern und können sich jederzeit an sie wenden. Das machten viele bereits während des Amoklaufs. Die ganze Nacht waren die Pädagogen beschäftigt, wie Keramati berichtet. Über Whatsapp suchten sie nach Schülern, beruhigten und trösteten. "Uns war von Anfang an klar, dass sehr viele Schüler in irgendeiner Form betroffen sein werden", sagt Keramati. Denn das Schnellrestaurant sei ein beliebter Treffpunkt der Kinder gewesen, fast wie ein Wohnzimmer.

Am Tag nach dem Amoklauf stand fest: Kein Schüler der Moosacher Mittelschule wurde getötet. Viele aber mussten mit ansehen, wie Freunde oder Bekannte starben. "Moosach ist wie ein Dorf. Jeder kennt jeden, da ist es egal, auf welche Schule die Kinder gehen", sagt Keramati. Die Trauerarbeit begann sofort. In der eigens anberaumten Schulversammlung schalteten alle ihr Handy aus. Ein paar Momente der Ruhe, jeder durfte erzählen, was ihn bewegt. Dann kamen die Sommerferien und mit ihnen entspannte sich die Situation für viele. Für die anderen gab es Treffen mit speziell geschulten Lehrkräften.

"Das war wie ein Coaching. Die Schüler haben sich ausgetauscht und gegenseitig Mut gemacht", berichtet die Schulleiterin. Und sie haben darüber gesprochen, wie sie ihr Zusammenleben in der Schule, die für ihr pädagogisches Konzept bereits mit dem Innovationspreis der Stiftung Bildungspakt Bayern ausgezeichnet wurde, noch besser gestalten können. Anti-Mobbing-Seminare wurden zuvor schon angeboten, aber jetzt schauen die Jugendlichen noch mehr darauf, dass keiner ausgegrenzt wird. Das will nicht heißen, dass es nicht mehr zu Reibereien kommt. Aber es herrsche ein bewussterer Umgang mit schwierigen Situationen, sagt die Rektorin.

Die Schüler haben gelernt, dass Einmischung sich lohnt. Als sie erfahren haben, dass ein Erinnerungsort für die Opfer der Bluttat an der Hanauer Straße entstehen soll, erkundigten sie sich bei der Stadtverwaltung über die Einzelheiten. Dieses Mitreden und Engagieren habe den Jugendlichen über die Trauer hinweggeholfen, sagt Keramati. Die Mittelschule Moosach hat ihren Weg gefunden. Wie Ed Sheeran in "Photograph" singt: "We make these memories for ourselves" ("Wir machen diese Erinnerungen für uns selbst").

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