Süddeutsche Zeitung

Jahresrückblick 2021:Münchens magische Kulturmomente

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Vom Eröffnungsrausch in der Isarphilharmonie bis zu Lachtränen im Regen: Auch in einem schwierigen Jahr wie diesem gab es für die SZ-Redaktion Augenblicke voller Schönheit, Inspiration und Glück.

Von SZ-Autoren, München

Auch das zweite Pandemiejahr, das soll hier nicht verschwiegen werden, war kein gutes Jahr für die Kultur. Im Gegenteil. Schließungen und strenge Corona-Regeln machten Künstlern, Veranstaltern und Publikum das Leben schwer. Dass es dennoch so viel Schönes zu erleben gab, macht Hoffnung.

Farbenspiele

Nein, das Schelmenstück ist keine offizielle Theatergattung. Der Architekt Arno Lederer ist trotzdem ein Schelm. Er hat das neue Münchner Volkstheater gebaut und vollkommen zurecht in diesem Jahr dafür hymnische Kritiken geerntet. Denn er und sein Sparringspartner, der Generalübernehmer Georg Reisch, mit dem Lederer schon öfter zusammengearbeitet hat, sind nicht nur vielgepriesen im Budget und im Zeitplan geblieben. Sie haben vor allem ein ganz besonders schönes, ja überaus menschenfreundlich und warmherzig anmutendes Theater gebaut. Mit welchem Trick dies in sonst so grauen Zeiten ewigen Waschbetons bei öffentlichen Bauten gelingen kann? Lederer verrät es auf einer kleinen privaten Führung, in einem bezauberndem und nur scheinbar gemütlichem Schwäbisch. "Wir haben einfach die Farbe weggelassen im Entwurf für den Wettbewerb. Zeigen Sie der Jury etwas anderes als Weiß, und Sie sind gleich raus", sagt er verschmitzt. Dabei war er innerlich schon längst wild entschlossen. Lederers Theater sollte nicht nur außen Backsteinrot sein und gekrönt von einem irreal perlmuttfarbenen Bühnenturm. Im Inneren empfängt es die Besucherinnen und Besucher mit mineralisch matten Tönen in Gelb, Blau und Grün. "In derselben Abfolge wie sie Goethe für sein Haus in Weimar gewählt hat", sagt Lederer. Denn der Mensch brauche Farbe, und grau ist alle Theorie. Susanne Hermanski

Kaiserschmarrnwetter

Man kann sich Schöneres vorstellen, als im Nieselregen zu sitzen und Filme zu schauen. Kann man? Bei der Eröffnung des weitgehend ins Freie verlegten Münchner Filmfests am 1. Juli trübten die dunklen Wolken höchstens den Sommerhimmel, nicht aber die Stimmung der Gäste. Im Gegenteil war es zauberhaft mit anzusehen, wie sich Hunderte Menschen in den alten und neuen Open-Air-Kinos der Stadt versammelten, um das zu tun, was viele Monate lang nicht oder nur eingeschränkt möglich war: auf großer Leinwand einen Film zu schauen, gemeinsam. In den Gesichtern der meisten Besucher setzte sich ein beseeltes Lächeln fest. Trotz der Berieselung von oben. Wegen der Berieselung von vorne. Auf der Leinwand lief das bayerisch-heitere "Kaiserschmarrndrama", und das Glück, das unverschämt eingegroovte Eberhofer-Ensemble nach langer Kultur-Dürre gemeinsam mit anderen erleben zu dürfen, war stärker als jede Schlechtwetterfront. Bernhard Blöchl

Ohne Groll bei Hader

Josef Hader hat später im Interview erzählt, dass er vor diesem Auftritt in München erstmals in seinem Leben Funktionsunterwäsche gekauft hat, in einem Bergsteigergeschäft. Tatsächlich zeigte sich beim "Neustart Kultur" nach dem langen Lockdown zumindest beim Open-Air-Kabarett im Deutschen Museum der späte Mai mit acht Grad und Dauerregen von seiner denkbar unfreundlichsten Seite. Aber nicht nur Hader, auch seine Zuschauer hatten sich auf die Wetterunbilden so gut eingestellt wie auf einen Besuch des Wacken-Festivals. Dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur unangepasste Kleidung gibt, ist ja seit Corona auch in der Kultur ein Lehrsatz. Kaum ein Stuhl war also freigeblieben, als ob die Leute gewusst hätten, was der Berichterstatter aus vertraulichsten Quellen erfahren hatte: Dass der Wiener Star nicht wie angekündigt sein altes, sondern schon sein neues Programm spielen würde - 17 Jahre nach seiner letzten Kabarett-Premiere. Schon deswegen ein echtes Ereignis also, das Hader in seinem typischen Stil mit einem grandiosen Amoklauf für Herz und Hirn noch veredelte. Was machte es da schon aus, dass an Mitschreiben nicht zu denken war. Oliver Hochkeppel

Schuh mit Schubidu

Als magischster Moment des Jahres drängt sich das "Harry Potter"-Theaterstück in Hamburg förmlich auf: "Die Magie kehrt zurück!", versprach das Plakat, und die überwältigende Vorführung mit einem nun 22 Jahre gealterten Zauberlehrling löste es ein - mit Tricks und Special-Effects (Dampf aus den Ohren, über dem Publikum fliegende Seelenfresser), auf die Siegfried & Roy neidisch gewesen wären. Aber mit gut sechs Stunden Länge macht das Stück eher den erneut abgesagten Passionsspielen Konkurrenz, und der "Moment" zieht sich am Ende doch gehörig. Kurzweiliger war da doch eine andere Bühnenfassung eines Films: "Der Schuh des Manitu" als Musical im Deutschen Theater. Da gibt es ebenfalls Kinoeffekte von der Achterbahnfahrt mit 3D-Brillen bis zum Live-Geräuschemacher, nur eben kleiner, charmanter und mit viel Schubidu. Beim dritten Mitsingen von "Ich trinke Ouzo, und was machst du so" in Prosecco-Laune mit dem besten Freund aus Schulzeiten für ein schwules Pärchen gehalten zu werden - zauberhaft! Michael Zirnstein

Flaschengeistertheater

Es gibt Augenblicke, da hilft eigentlich nur Anfassen. Sonst glaubt man nicht, dass etwas tatsächlich real ist. Im Theater ist das naturgemäß etwas schwierig, zumindest was die Vorgänge auf der Bühne betrifft. Aber den Impuls zu unterdrücken, die Schauspieler im Werkraum der Kammerspiele zumindest einmal anzustupsen, war Ende Mai - zurückhaltend formuliert - entgegen die Natur. Über Monate konnte man die Akteure nur auf dem Bildschirm betrachten, ihre Stimmen kamen aus PC-Lautsprechern. Genau diese Inszenierung ",Wir Schwarzen müssen zusammenhalten' - Eine Erwiderung", hatte es als Live-Stream gegeben. Sogar als einen guten. Und nun gab es die Live-Version. Im Werkraum, mit echten Schauspielern. Die waren von vorheriger Playmobil-Größe auf irgendetwas ab 1,60 Meter angewachsen, so als hätte Aladin mehrere Geister aus der Flasche befreit. Die ersten Sätze kamen von Michael Pietsch: "Wir haben auf Euch gewartet. Schön, dass Ihr da seid." Bewegter Applaus entlud sich, der jedes Gänsehauthärchen einzeln aufstellte. Yvonne Poppek

Weißwurstmagie

Im April 2019 starb Hannelore Elsner, sie hat nicht nur im Kino eine große Lücke hinterlassen. Allzu gern erinnert man sich an die Treffen mit der wunderbar eigensinnigen Schauspielerin: Einmal schimpfte sie einen ganzen Abend lang über eine in ihren Augen ungerechte Filmkritik in der SZ, ein anderes Mal traf man sie auf einem Berlinale-Empfang, wo sie lachte, plauderte - und nebenbei einen Teller voller Weißwürste durch die Menschenmenge balancierte. Sie stand bis kurz vor ihrem Tod vor der Kamera, im November 2021 lief ihr letzter Kinofilm an: Wegen Corona wurde der Start von "Hannes" um fast zwei Jahre verschoben, besser wurde er dadurch leider nicht. Aber Elsner war eine Schau, so wie immer eigentlich, hier spielte sie eine ehemalige Lehrerin im Pflegeheim. Als man sie endlich auf der großen Leinwand sah, ganz zart, zerbrechlich und starrköpfig wie immer, waren all die Erinnerungen wieder da, an die Schimpftiraden, ihr wunderbares Lachen und die Weißwürste. So etwas nennt man wohl Kinomagie. Josef Grübl

Sehnsucht nach Licht

Und es war Sommer. Und es regnete einmal nicht. Und es gab Literatur zu hören, draußen sogar! Und fast alle waren da! Man möchte noch viel mehr Ausrufezeichen hinschreiben in der Erinnerung an einen der wenigen wirklich hochgestimmten, kulturseligen Abende in diesem Jahr. Das Literaturhaus hatte mutig für Juni eine "Sommer Edition" des Literaturfests ausgerufen, hatte für die Eröffnung eine Bühne auf den Platz vor der Brasserie Oskar Maria bauen lassen. Eine bunte Schar an Zuhörern, darunter Schriftstellerinnen, Verleger, Politikerinnen, hatte sich an den Tischen versammelt und lauschte gemeinsam einem ungewöhnlichen Duo: der belarussischen Autorin Volha Hapeyeva, deren Gedichte Melancholie wie auch leisen Humor atmen. Und ihrer Kollegin Nora Gomringer, die - zusammen mit dem Musiker Philipp Scholz - in einer kraftvollen Performance dem Dunklen ebenso Raum gab wie der Sehnsucht nach Licht. Und so war an diesem Abend zwar alle Schwere des Lebens zu spüren - doch auch eine süße, derzeit so seltene Leichtigkeit. Antje Weber

Intimes Zwiegespräch

"Verzeih mir den Zaun!" Franka Kaßner sitzt auf einem Stein und liest den Brief vor, den sie an Hermann Levi, "einen hochverehrten Freund aus einer anderen Zeit", geschrieben hat. Sie spricht, als würde der jüdische Dirigent und langjährige Königliche Hofkapellmeister (1839-1900) auf dem Felsen ihr gegenübersitzen. Doch der liegt hier lang begraben, dank Kaßner nun beschützt von einer Decke aus hellglänzenden, handgeschliffenen Kupferschuppen, umgeben von dünnen Metallstäben. Die Künstlerin erzählt ihrem Gegenüber von der "Rüstung", mit der sie ihn, den viel Gedemütigten, zunächst umgeben wollte, redet von der Empathie, die sie durch ihn gelernt habe zu entwickeln. Und beruhigt ihn, denn der Zaun solle ihn nicht isolieren, sondern sichtbar machen. Nichts stört das intime Zwiegespräch auf dem Partenkirchner Riedberg. Die kleine Schar an Zuhörern ist atemlos still. Und die Erinnerung an das jahrelange, würdelose Gezerre um die Grabstätte des ehemaligen Generalmusikdirektors verblasst. Zumindest für einige kostbare Augenblicke. Sabine Reithmaier

Schaurig schön

Leichen pflastern seinen Weg zur Krone von England. Mit "Richard III." hat William Shakespeare 1592 ein faszinierendes Psychogramm des Bösen entworfen, anziehend und abstoßend zugleich. In der Produktion des Hofspielhauses gab in diesem Herbst der als Hollywood-Schurke und James-Bond-Gegenspieler zu Ruhm gelangte Götz Otto den englischen Bösewicht. Laut Shakespeare ist Richard ein "Krummrücken", keineswegs also in Besitz eines Idealkörpers. Dass er im Renaissancehof der Alten Münze, dem atmosphärisch dichten Ausweich-Spielort des Hofspielhauses, in stattlicher Größe von 1,98 Meter erschien, war ein Besetzungs-Coup von Intendantin Christiane Brammer. "Ward je in dieser Laun' ein Weib gefreit? Ward je in dieser Laun' ein Weib gewonnen?" triumphiert Otto, nachdem er erst Lady Annes Mann sowie ihren Vater gemeuchelt hat, um im nächsten Coup sie selbst zu freien. Sein seelenloses Tun untermalt er höchst perfide, indem er Shakespeare-Sonette zur Gitarre performt. Schaurig-schöner ward ein Schurke selten erlebt. Barbara Hordych

Ein Lied als Geschenk

Es war ein sehr persönlicher und hoch emotionaler Moment in einer Ausstellung, die reich an solchen Momenten war. Beim Betreten des Musikzimmers, des wohl schönsten der historischen Räume in der Villa Stuck, trat eine junge Dame (mitunter war es auch ein junger Herr) auf die Besucherinnen und Besucher zu und lud sie mit den Worten "Darf ich Ihnen ein Lied schenken?" ein, Platz zu nehmen. Was folgte war ein nahezu engelsgleicher Gesang, und der Klang eines Schubert-Lieds erfüllte den Raum, erzählte von Frieden und Sehnsucht, von Lust und Schmerz. "Sonic Blossom" hieß das performative Kunstwerk, das Lee Mingwei mit Hilfe junger Opernsängerinnen und -sänger im Rahmen seiner Ausstellung "Li, Geschenke und Rituale" im Museum Villa Stuck erblühen ließ. Wer die Ausstellungsrunde von der Seite der historischen Räume her begonnen hatte, für den war dies der Auftakt zur Ausstellung, und man trug die Melodie im Kopf wie ein Geschenk durch die Ausstellung mit sich. Alle, die den Weg über das Neue Atelier genommen hatten, stießen erst am Ende ihres Ausstellungsbesuchs auf dieses musikalische Geschenk Lee Mingweis - und verließen wie verzaubert die Villa Stuck. Evelyn Vogel

Das Zeitfenster

Früher wäre es die Regel gewesen, in diesem Jahr war es die Ausnahme, die an ein Wunder grenzte. Nein, diese Szene trug sich nicht zu in einem Samstag im Baumarkt und auch nicht in der U-Bahn zur Rushhour - es war eine leibhaftige Kulturveranstaltung, bei der die Gäste nur zu schwirrten! Ohne Masken, weil allesamt geimpft oder getestet, und ohne mit Abstand sitzen zu müssen: die Intendantin der Kammerspiele, der Chef des Deutschen Museums, der Direktor der Stuckvilla, der Intendant der Salzburger Festspiele, die Filmfestchefin, Politik, Adel und die Anwohner. Alle waren sie da, um gemeinsam zu feiern. Bescheiden, bei einem Glas Prosecco oder Wasser und ganz ohne Buffet, aber immerhin. Denn auch die Isarphilharmonie, der Interimsbau des Gasteigs mitsamt seiner riesigen, offenen Vorhalle ist pünktlich und im Zeitrahmen fertig geworden - und nicht nur das neue Volkstheater als der andere große, ambitionierte, städtische Kulturbau. Als wäre dies nicht schon Mirakel genug, fiel das festliche Eröffnungskonzert auch noch in die einzige Corona-Verschnaufpause, Anfang Oktober. In der Folge atmete der gesamte Abend eine Freiheit, eine Leichtigkeit und eine Art der Freude, die fast verschwunden schien in den vergangenen beiden Jahren. Und wie sie doch immer so typisch war für das München der vergangenen Dekaden samt seinem überreichen Kulturleben. Jetzt, da kämpft es um sein Überleben. Susanne Hermanski

Zwei Wochen Glück

Es war ein langer, wundervoller Moment, der gut zwei Wochen dauerte, Ende Oktober, Anfang November. Das "Spielart"-Festival eroberte die Stadt, man radelte von Spielort zu Spielort, sah manchmal fünf Aufführungen an einem Tag. Welt tat sich auf, weil "Spielart" ein ungeheuer internationales Theaterfestival ist, und man nun Sachen sehen konnte, die wegen der Pandemie in Europa, Deutschland, München lange vermisst worden waren. Immer wieder verzauberte vor allem die Begegnung mit Menschen, die ein Anliegen haben, die die Nähe zum Publikum suchen, die ein ganz anderes Theater machen, als die Häuser hierzulande zeigen. Erst am allerletzten Tag holte die Inzidenz das Festival ein, nun herrschte wieder Maskenpflicht. Und wenn man danach an Corona erkrankte, was wegen der lange zurückliegenden Doppelimpfung sehr glimpflich verlief, dann war man gewappnet. Man begab sich in Quarantäne, aber war reich angefüllt mit den "Spielart"-Erlebnissen, dachte an die vielen herrlichen Menschen, die dort aufgetreten waren. Davon konnte man noch lange zehren. Egbert Tholl

Wohlige Vertrautheit

Was macht das Wunder eines magischen Moments aus? Ist es, dass man etwas völlig Neues, Unbekanntes erlebt? Oder ist es eher ein überraschendes, weil fast vergessenes Gefühl der wohligen Vertrautheit? Im Falle des australischen Singer-Songwriters Scott Matthew war es jedenfalls Letzteres, das einem bei seinem Konzert im Oktober im Ampere in den Bann schlug. Da dauerte es kaum eine Sekunde und man war von seiner sehnsuchtsvollen Stimme und seinem schelmenhaften Charme wieder gefangen. Und man fragte sich erneut, wie er das macht. Einen mit Liedern wie "The Wish" in tiefste seelische Abgründe zu stürzen und danach wie eine Ulknudel herumzualbern und herzhaft überdreht zu lachen. So nahe beieinander hat man das sehr selten, und es ist auch das, was seine Konzerte besonders macht. Da vergisst man für den Moment auch, dass man eine Maske im Gesicht hat, und überhaupt die Pandemie, wegen der Matthew seit 2018 nicht auf Tour war. Das rückt erst danach wieder in den Vordergrund, wirkt nach dieser seelischen Kur aber nicht mehr so schlimm. Jürgen Moises

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