25 Jahre Lichterkette Die Stadt leuchtet weiter

Harriet Austen ist die Geschäftsführerin des Vereins "Lichterkette e.V.".

(Foto: Stephan Rumpf)

Vor 25 Jahren protestierte München mit einer Lichterkette gegen Fremdenhass. Harriet Austen und viele ehrenamtliche Helfer haben aus der Aktion ein langfristiges Hilfsprojekt geschaffen.

Von Martina Scherf

Sie weiß noch genau, wie sie am Abend des 6. Dezember 1992 auf der Barer Straße in der Maxvorstadt stand, eine Kerze in der Hand, und mit ihr standen da Hunderte, Tausende andere Münchner in einer endlos langen Kette. "Wir hatten bei einer Freundin mit den Kindern Nikolaus gefeiert, und als wir rausgingen, waren wir überwältigt: Teil einer so großen Bewegung zu sein, das war berührend," erzählt Harriet Austen: einer Bewegung für Solidarität, gegen Fremdenhass.

Die Bilder von der Münchner Lichterkette gingen um die Welt - der Filmproduzent und Mitinitiator Gil Bachrach hatte einen Hubschrauber organisiert, um das Ereignis aus der Luft zu dokumentieren: Statt der erwarteten 100 000 waren 400 000 Menschen gekommen und hatten sich mit Kerzen in der ganzen Stadt aufgereiht. "Wäre der öffentliche Nahverkehr nicht zusammengebrochen, dann wären es noch mehr geworden," sagt Harriet Austen. Dabei hatten sie damals kein Facebook oder Whatsapp, nicht mal E-Mails, nur Fax, Telefon und Zeitungen.

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München stand still an diesem Nikolausabend vor 25 Jahren, eine halbe Stunde lang, als leuchtendes Zeichen für Menschlichkeit, ganz ohne politische Reden. Viele Münchner Promis hatten sich eingereiht, Politiker, ganze Firmenbelegschaften. Der FC Bayern war in Mannschaftsstärke angetreten.

Vorangegangen waren Ausschreitungen und Mordanschläge auf Flüchtlinge in Hoyerswerda, Mannheim, Solingen, Rostock und Mölln. Es gab Tote, Erwachsene und Kinder, sowie Dutzende Schwerverletzte. Da beschlossen Giovanni di Lorenzo, damals SZ-Redakteur und heute Chefredakteur der Zeit, die Filmproduzenten Gil Bachrach und Christoph Fisser sowie die Werbeagentin Chris Häberlein, nicht länger tatenlos zuzusehen, sondern ein Zeichen zu setzen.

"Die Idee entstand bei einem weinseligen Abend mit hitzigen Diskussionen im Babalu in der Leopoldstraße", erzählt Christoph Fisser, der noch immer im Vorstand der Lichterkette ist. Sie hatten an jenem Abend einen Handzettel entworfen, den jeder an zehn Freunde weiterreichen sollte, eine Art Kettenbrief. Im Kreisverwaltungsreferat wurden sie ausgelacht, als sie ein paar Wochen später eine Demonstration mit 100 000 Teilnehmern anmeldeten.

Zahlreiche Städte in Bayern und Deutschland hatten sich damals angeschlossen, "aber nur in München existiert der Verein bis heute", sagt Harriet Austen. Ein Verein war damals notwendig geworden, weil so viele Spenden eingingen, von einfachen Bürgern bis zu großen Konzernen. Anfangs stemmten die Lichterketten-Freunde alles mit Ehrenamtlichen und unterstützten Flüchtlingsprojekte.

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Doch bald war klar: Um langfristig etwas zu bewirken, brauchten sie ein festes Büro und eine hauptamtliche Geschäftsführerin. So kamen sie auf Harriet Austen. "Ich habe es nie bereut", sagt die studierte Volkswirtin und Wirtschaftsjournalistin, "es ist einer der vielseitigsten und sinnvollsten Tätigkeiten, die man haben kann."

Von einem kleinen Büro in der Sonnenstraße aus dirigiert sie ein großes Netzwerk an Unterstützern und Partnern. In Teilzeit, nebenher schreibt sie weiterhin Wirtschaftsporträts, das ist ihr wichtig. Alle anderen Mitglieder arbeiten ehrenamtlich für den Verein. Austen ist ein kontaktfreudiger Mensch, "so kenne ich mittlerweile Hinz und Kunz in München", sagt sie. Die "Lichterkette e. V." ist längst eine Marke für soziales Engagement und Glaubwürdigkeit geworden.