100 Jahre Freistaat Bayern "Hoch die Republik"

Residenz

Im bayerischen Königshaus scheint am Vormittag des 7. November noch alles in bester Ordnung zu sein. Die Töchter König Ludwigs III. besuchen die Heilige Messe, der Monarch selbst hält Audienz. Am Nachmittag ergötzt sich Ludwig im Englischen Garten, wo er - so jedenfalls ist es auf einer später angefertigten Zeitungskarikatur zu sehen - von zwei Passanten angesprochen wird: "Majestät, genga S' heim, Revolution is." In einer anderen Lesart ist es ein radelnder Polizist, der Ludwig warnt. Egal, wer es war und ob die Geschichte stimmt oder nicht - eines lässt sich nicht leugnen: So richtig im Bilde ist der König nicht über die Stimmung im Lande.

Das ändert sich, als er am Abend mit dem Vorsitzenden des Ministerrats Otto von Dandl und Innenminister Friedrich von Brettreich spricht. Die königlichen Minister raten ihm dringend, München vorerst zu verlassen, zumal sich auch die Residenzwache der Revolution angeschlossen hat. Der Aufenthalt in sicheren Gefilden außerhalb der Stadt, so versicherten Dandl und Brettreich, werde nur vorübergehend sein, so lange, bis sich die Lage beruhigt habe oder loyale Truppen einträfen. Dummerweise hat auch der königliche Chauffeur bereits die Fronten gewechselt und auch die offiziellen Automobile sind fahruntüchtig, weshalb der Monarch mit einem Mietauto vorliebnehmen muss, das dann auch noch eine Panne hat.

Zwei Soldaten, die ahnungslos auf dem Lande weilen, müssen die Limousine aus dem Morast ziehen. Der König und seine Familie suchen zunächst auf Schloss Wildenwart im Chiemgau Zuflucht, später dann in Österreich auf Schloss Anif bei Salzburg. Am 13. November entbindet er dort die bayerischen Beamten und Soldaten von ihrem Treueeid.

Sendlinger Straße

In der Nacht zum 8. November besetzen Revolutionäre die Druckerei der Münchner Neuesten Nachrichten. Die Zeitung mit Sitz in der Sendlinger Straße ist die einzige, die am nächsten Morgen in der Stadt erscheinen darf. Auf der Titelseite ist die Proklamation des Freistaates Bayern abgedruckt: "An die Bevölkerung Münchens! Das furchtbare Schicksal, das über das deutsche Volk hereingebrochen, hat zu einer elementaren Bewegung der Arbeiter und Soldaten geführt. Ein provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat hat sich in der Nacht zum 8. November im Landtag konstituiert. Bayern ist fortan ein Freistaat."

Angekündigt wird ferner eine konstituierende Nationalversammlung, für die auch Frauen das Wahlrecht haben, außerdem verspricht Kurt Eisner den Menschen: "In dieser Zeit des sinnlos wilden Mordens verabscheuen wir alles Blutvergießen. Jedes Menschenleben soll heilig sein." Und auf überall in der Stadt verbreiteten Plakaten steht zu lesen: "Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik!"

Blutiges Ende

Nach dem Sturz der Monarchie in der Nacht auf den 8. November beruft Kurt Eisner den "Provisorischen Nationalrat" ein, und er stellt eine provisorische Regierung zusammen, der auch SPD-Chef Erhard Auer, eigentlich sein politischer Kontrahent, angehört. Als Ministerpräsident bleibt Eisner seinen ethischen Prinzipien treu, die der Moralphilosophie Immanuel Kants folgen. Er wird von der radikalen Linken ebenso angegriffen wie von der bürgerlichen oder monarchistischen Rechten. Dennoch kann Eisner Teile seines Programms durchsetzen: Achtstundentag, Frauenwahlrecht oder die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht. Zudem strebt er eine Politik der die Völkerversöhnung an.

Um jedoch eine solidarische, friedliche Gesellschaft zu schaffen, fehlt ihm die Zeit: Die Landtagswahl am 12. Januar 1919 wird ein Debakel für Eisner. Seine USPD erringt nur drei von 180 Sitzen. Auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des neuen Landtags, vor dem Eisner am 21. Februar 1919 seinen Rücktritt erklären will, wird er von dem völkisch-nationalistischen Offizier Anton Graf Arco auf Valley ermordet. Die Folge ist eine Radikalisierung der politischen Kräfte auf beiden Seiten. Am 7. April beschließt der Münchner Zentralrat die Ausrufung der "Räterepublik Baiern", woraufhin der mittlerweile zum Ministerpräsidenten gewählte SPD-Mann Johannes Hoffmann mit seiner Regierung zunächst nach Nürnberg und schließlich nach Bamberg zieht.

Am 13. April kommt es zu einem Umsturzversuch konterrevolutionärer "Republikanischer Schutztruppen", der in einem Scharmützel am Hauptbahnhof niedergeschlagen wird. Danach proklamieren die Kommunisten, angeführt von Eugen Leviné und Max Levien, eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) will ebenso wie Ministerpräsident Hoffmann den Münchner Revolutionären mit Waffengewalt den Garaus machen. Reichswehr und Freikorps marschieren am 1. Mai in München ein, wo die siegreichen Weißen Truppen ein Massaker veranstalten, dem nach jüngsten Schätzungen etwa 1200 Menschen zum Opfer fallen. wg