Navigieren mit dem Kompass, dem Sextanten, mit Seekarten, geleitet von den Sternen, den Rufen aus dem Ausguck, diesem zugigen Krähennest hoch droben im Mast, von Leuchttürmen, Leuchtfeuern, den trügerischen. Und heute im Vertrauen auf Radar, auf GPS. Seit sich der Mensch aufs Meer hinausgewagt hat, sucht er nach Orientierung. Um wieder sicher anzukommen an Land, mit welcher Absicht auch immer.
„Im Meer der Neuerscheinungen steuern wir Leser auf Sicht“, sagt Elisabetta Cavani. Auch ihr, der Buchhändlerin, ergehe es da nicht anders. Seit 2019 versucht sie mit ihrem Festival für italienische Literatur eine möglichst präzise Positionsbestimmung. Was lesen die Italienerinnen und Italiener? In welche Richtung treibt die italienische Literatur? Auf dem Flyer fürs Ilfest 2026 sieht man ein Schifflein schaukeln auf wilden Ozeanwellen aus sich kräuselnden Buchseiten. Vorne am Bug eine Frau mit Fernrohr.
Cavani, die 25 Jahre lang ihre Buchhandlung „Ital-Libri“ in München betrieb und seit 2016 ausschließlich online Bücher verkauft, hat schon in den vergangenen Festivalausgaben viel Gespür bewiesen für aktuelle Diskurse in der zeitgenössischen italienischen Literatur. An den diesjährigen drei Ilfest-Tagen – 24., 25. und 26. April – im Neuhauser Trafo fischen Cavani und ihr rühriges Team wieder in einem Meer der Möglichkeiten, machen Sichtungen, ziehen ungewöhnliches Treibgut an Bord. Wer mitsegeln möchte bei diesem Törn: Alle Lesungen und Diskussionen werden simultan übersetzt.

Am Eröffnungsabend (24. April, 19 Uhr) stellt Fabio Stassi sein Buch „Bebelplatz“ vor. Es entstand nach einer Reise durch Deutschland, wo er jene Orte – den Münchner Königsplatz und den Bebelplatz in Berlin – aufsuchte, an denen die Nationalsozialisten 1933 ihre Bücherverbrennungen inszenierten. Stassi durchforschte Akten über Plünderungen von Buchhandlungen und Bibliotheken und entdeckte auf den Verbrennungslisten auch die Namen fünf italienischer Autoren: Pietro Aretino, Emilio Salgari, Ignazio Silone, Maria Volpi und Giuseppe Antonio Borgese, dem späteren Ehemann von Thomas Manns Tochter Elisabeth. Ein Buch über die Widerstandskraft von Literatur, die auch heute von so mancher Staatsgewalt panisch gefürchtet wird.
Doch wo setzen die Mechanismen der Zensur ein? Wer bestimmt darüber, welche Bücher die Menschen überhaupt erreichen? Gianluigi Simonetti (25. April, 17 Uhr) wirft in seinem Buch „Caccia allo Strega“ den Blick auf den Premio Strega, den bedeutendsten Literaturpreis Italiens, der seit 1947 verliehen wird und nach einem Likör (übersetzt: „Hexe“) benannt ist. Er fragt nach der Rolle der großen Verlage, der Kritiker und der Jury bei der Jagd nach diesem einzigen literarischen Preis in Italien, der sich auf Ansehen, Sichtbarkeit und Verkäufe der Bücher auswirkt. Simonetti hat die Long- und Shortlist-Titel der vergangenen Jahre untersucht und betrachtet sie als Wasserstandsmelder der kulturellen und politischen Lage Italiens.

Ilfest präsentiert im Trafo unter anderem auch zwei Debütantinnen, deren Bücher sogar auf Deutsch vorliegen. Claudia Lanteris Roman „L’isola e il tempo“ („Die Insel und die Zeit“) spielt auf einem vulkanisches Eiland im Kanal von Sizilien. Ein rätselhafter Yachtunfall lässt den Fischerjungen Nonò nicht los, die Suche nach der Wahrheit wird ihn ein Leben lang begleiten, auch wenn irgendwann die Erinnerungen verschwimmen (25. April, 15 Uhr). Übers Meer von Marokko nach Kalabrien kamen in Emanuela Anechoums Buch „Tangerinn“ die Vorfahren von Mina, die längst in London lebt und nun ihren Vater zu begraben hat. Eine Geschichte über Familie, Identität und die Suche nach Zugehörigkeit (26. April, 11.30 Uhr).

Das Mittelmeer ist global gesehen ein Planschbecken, und doch verlaufen dort 20 Prozent des globalen Schiffsverkehrs. Luca Misculin ist mit seinem Buch „Mare aperto“ tief eingetaucht in die Historie der Seestraße vor Sizilien, dort, wo sich Europa und Afrika am nächsten sind. Kein „mare nostrum“, sondern ein einzigartiger, oft erbarmungsloser Transitraum (26. April, 17 Uhr).
Gefroren ist das Wasser, über das der Münchner Gastroexperte Peter Peter in seinem neuen Buch „Gelato“ philosophiert (25. April, 16 Uhr). „Das Eis, höchste Kultur!“ schwärmt darin Friedrich Nietzsche. Auch beim Ilfest, deutet Elisabetta Cavani an, werden Buch- und Eiskultur aufs Schönste verschmelzen.
Ilfest – Italienisches Literaturfestival München, 24. bis 26. April, im Neuhauser Trafo, Nymphenburgerstraße 171a, Infos zu Programm und Eintritt unter www.ilfest.de

