Wer schon einmal in einer mindestens mittelgroßen Stadt gewohnt hat, der weiß, was mit einem „Nachbarschaftsitaliener“ gemeint ist: ein gemütliches Restaurant, das erstens angenehm unkompliziert und zweitens bezahlbar ist, und in dem man drittens verlässlich gute, aber wenig überraschende Gerichte wie Spaghetti Bolognese oder eine Pizza bestellen kann. Aber wie nennt man ein italienisches Restaurant, das zwar gemütlich und bezahlbar ist, in dem die Küche aber doch überraschend ist? Oder wann haben Sie das letzte Mal einen Miesmuschel-Toast gegessen? Willkommen im Gufo.
Phänotypisch ist das Gufo ein Zwitterwesen: In der einen Hälfte des Restaurants sind die Tische mit weißen Decken und Kerzen eingedeckt, in der anderen fühlt es sich ohne Tischdecken etwas kneipiger an. Gerne hätten wir bei einem unserer Besuche auch mal in der Romantik-Ecke gesessen, es wurde uns versagt. Vielleicht gibt es da einen Trick bei der Reservierung, das müsste man mal ausprobieren. In der Kneipen-Ecke stehen die Tische eng, die Gespräche sind laut, aber es ist ja eigentlich auch schön, wenn beim Essen wild geschnattert und nicht nur andächtig gekaut wird.
Zur Vorspeise also „Pane alle Cozze“ (10,50 Euro): intensive Miesmuscheln auf Brioche. Obendrauf, laut Karte, „Gufo’s Bagna Verde“, eine Art Kräuter-Mayonnaise. Frisch geröstetes Brot, leichte Säure – passt! Aber wer denkt sich denn sowas aus? Nun, Robinson Kuhlmann und Dominik Obalski, die man aus den nach ihnen benannten Gastronomien Robinson Bar im Glockenbachviertel und Obalski am Schyrenplatz kennt.
Wir probieren auch Puntarelle mit Birne. In Deutschland nennt man Puntarelle auch Vulkanspargel, es handelt sich um eine der vielen Chicorée-Varianten, die in der italienischen Küche beliebt sind. Hier sind die grünen Puntarelle kaum gegart, sehr knackig, sehr bitter, sehr gut. Die Birnenspalten sind eingelegt, obendrauf braune Butter. Bei einem anderen Besuch kosten wir Burrata mit gepickelten Radieschen und Granatapfelkernen (beide Gerichte 9,50 Euro) und Artischockenherzen mit Mönchsbart (7,50 Euro).

Das wirklich Interessante an diesen drei Vorspeisen ist: Sie klingen sehr raffiniert, sind es irgendwie auch. Aber gleichzeitig scheinen sie sowenig gekocht, bearbeitet zu sein, dass man sich auch als mittelbegabte Köchin in etwa vorstellen kann, wie diese Gerichte zubereitet wurden. Fast so, als könnte man sie selbst ohne allzu viel Anleitung nachkochen. Man würde es halt nur niemals tun, weil wer hantiert zu Hause schon mit Puntarelle oder würde sie auf dem Markt überhaupt erkennen? Wer pickelt Radieschen? Wer legt Miesmuscheln auf ein Brot?
Dasselbe Prinzip erkennen wir bei den Paccheri mit Salsiccia (14,50 Euro). Die Nudeln sind perfekt al dente gekocht, gut, das muss man wirklich ein bisschen üben. Aber auch hier wieder die Soße: ein ganz schlichter Sugo aus dem Saft der groben Würste und sicher auch einem Schwaps Pastawasser. Ein bisschen Zwiebel dazu und Zucchinischeibchen, die kaum irgendwie behandelt wurden, so scheint es. Das Gericht kommt ganz einfach, ganz schlicht daher, aber doch souverän. Kleiner Abzug in der B-Note: Die Pasta kommt schon mit einem großen Hut aus frisch gehobeltem Käse aus der Küche – das will aber gar nicht jeder.

Schon aus Neugierde probieren wir die „Linguine e Ostriche“ – Austernpasta. Die Austern sind zahlreich, bei einem Preis von 19,50 Euro kommen sie sicher aus der Dose – aber warum eigentlich nicht. Der Sud erneut: Einfach, aber schmackhaft.
Die Hauptgerichte folgen demselben Rezept. Beim nächsten Besuch würden wir sicher noch einmal „Chicken Parm“ essen: Sehr, sehr knusprig panierte Hühnerbrust unter einer Haube aus Tomaten und Parmesan, dazu kalt angemachter Rotkohl (18,50 Euro), so ähnlich wie „Cotoletta alla bolognese“, aber moderner. Überzeugend fanden wir auch den Rinderschmortopf „Peposo“ (20,50 Euro) mit einer geschmeidig-käsigen Kartoffelcreme und wildem Brokkoli.

Gibt es also gar nichts zu bemängeln am Gufo? Oh doch. Beim ersten Besuch haben wir das „Risotto ai Porri“ bestellt (15,50 Euro), laut Karte spielen bei diesem Gericht auch Fontina-Käse, gereifter Balsamico und Kräutersaitlinge eine Rolle. Schalotte liebt Lauch fast ebenso sehr wie Zwiebeln, aber bei allem Wohlwollen: Das Gericht war ein echter Reinfall. Die Geschmäcker flossen zu einer unguten Kombination ineinander, sodass man sie nicht mehr auseinanderhalten konnte, der Teller ging mehr als halbvoll zurück.
Und das sehr junge Service-Team gab sich bei unseren Besuchen zwar freundliche Mühe, aber ein bisschen Mühe war es doch: Lieber einmal mehr in die Knie gehen beim Einschenken um den Strich für 0,1 Liter auf dem Glas zu finden, die ein oder andere Getränkebestellung wurde vergessen, und welcher von den beiden Rotweinen war jetzt nochmal der Kräftige? Aber die Mannschaft ist erkennbar noch unerfahren, das wird sich mit der Zeit sicher geben.
Pizza oder Spaghetti Bolognese standen bei unseren Besuchen übrigens gar nicht auf der Karte. Aber sie haben uns auch nicht gefehlt.
Gufo, Zugspitzstraße 10, 81541 München, Telefon: 089/85635381, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 17.30 bis 1 Uhr, gufo-restaurant.de, www.instagram.com/restaurant_gufo
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
