Israelisches Generalkonsulat "Sie gehören wie selbstverständlich zu uns"

Der Blick in die Vergangenheit war wichtig: Auch Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, erzählte von ihren Kindheitserinnerungen aus der NS-Zeit.

(Foto: Robert Haas)

Bei der Einweihung erklärt Ministerpräsident Horst Seehofer die Juden kurzerhand zum fünften Stamm Bayerns - mitten im alten Nazi-Viertel.

Von Kassian Stroh

Hier ist jeder Quadratmeter beladen mit Geschichte, alles ist voller Symbolik. Hier der "Führerbau" der Nazis, heute die Hochschule für Musik und Theater, nebenan das NS-Dokuzentrum, erbaut auf den Ruinen der einstigen Parteizentrale der NSDAP.

Und dieser eher schmucklose Bürozweckbau erst inmitten all dieser Nazi-Bauten, erbaut in den Fünfzigerjahren. Fast fertig renoviert, bezugsfertig erst in einigen Wochen, aber seit Dienstag schon eingeweiht: das neue israelische Generalkonsulat des Staates Israel in München. "Wo einst der Terror seine Machtzentrale hatte, zeigt jetzt der Staat Israel Flagge", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer. "Sie setzen auf Verständigung, Dialog, Begegnung." Das sei ein "bewegender Tag".

Karolinenplatz Israelisches Generalkonsulat im alten Naziviertel
Karolinenplatz

Israelisches Generalkonsulat im alten Naziviertel

Dass der Neubau auf historischem Grund errichtet wird, lässt sich als später Triumph der Opfer über die Täter interpretieren. Dan Shaham, Chef des Hauses, wäre dies jedoch zu wenig.   Von Kassian Stroh

Ein Drittel des bayerischen Kabinetts ist zu diesem Festakt gekommen, der Oberbürgermeister natürlich auch, viele Repräsentanten des jüdischen Lebens in Bayern und Deutschland. Das Konsulat ist viel zu klein für derartige Feierstunden, deshalb sitzen sie nun alle nebenan im großen Saal der Musikhochschule. Einen kurzen Film bekommen sie zu sehen, in dem bayerische Ingenieursstudenten von ihren Praktika in Israel erzählen und ein paar Israelis von ihren Gedanken über Deutschland, doch ansonsten richten sich die Blicke vor allem zurück.

Bewegende Erzählungen aus dem Holocaust

Tzipi Hotovely zum Beispiel, die Vize-Außenministerin Israels, beginnt ihr Grußwort damit, vom Großvater ihres Mannes zu erzählen, der das Konzentrationslager Dachau überlebt habe, dessen sieben Geschwister und Eltern aber von den Nazis ermordet worden seien. Es gebe keinen Menschen in Israel, der keine persönliche Beziehung zum Holocaust habe, sagt Hotovely. Deshalb stehe sie hier nun mit "sehr starken emotionalen Gefühlen" und sehe: "Das Zentrum des Bösen ist zu einem Ort geworden, der das Böse bekämpft."

Oder Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, die von ihren kindlichen Erinnerungen an die Nazis berichtet und damit, wie so oft bei derlei Anlässen, die berührendste Rede hält. Sie erinnert an den Hitlerputsch von 1923, an die Pogromnacht vom 9. November 1938, an das Münchner Abkommen vom selben Jahr, aufgrund dessen die Tschechoslowakei zerschlagen wurde, eine entscheidende Marke auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, unterzeichnet genau in diesem "Führerbau".

"Diese Ereignisse bilden die unsichtbare Kulisse dieses Tages" und begründeten eben auch den Auftrag, gegen Antisemitismus einzutreten und für das Existenzrecht Israels. Auch weil "der Mut und der Willen zur Versöhnung" der Juden Basis war für die heutigen guten Beziehungen Israels zu Deutschland, aufgenommen vor ziemlich genau 50 Jahren. Noch so eine symbolische Marke.

Tzipi Hotovely, Dan Shaham, Charlotte Knobloch und Horst Seehofer (von links) feiern die Einweihung des neuen Hauses.

(Foto: Robert Haas)

Seehofer spricht von "Wunder der Geschichte"

Für Symbolik hat auch Seehofer viel übrig, und wenn es um die Beziehungen zu Israel oder die zwischen Nicht-Juden und Juden geht, nimmt er diese sehr ernst. So spricht er vom "Wunder der Geschichte", dass 70 Jahre nach dem Krieg die bayerisch-israelische Freundschaft so gut sei wie heute. (Wenngleich die Realität im Jahre 2015 auch ist, dass solch eine Einweihungsfeier nur unter dem Schutz eines massiven Polizeiaufgebots stattfinden kann.)

Seehofer hat auch ein Versprechen dabei. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, habe ihm geschrieben voller Sorge, dass nun so viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen, die erzogen worden seien mit Ressentiments gegen Juden und Hass auf Israel. Derlei Gedanken werde man mit aller Kraft entgegentreten, gelobt Seehofer. Wer hier lebe, müsse sich zu "unseren Werten" bekennen.

Geschenke hat der Ministerpräsident auch dabei: Für die Israelis einen Korb mit Brot und Salz zum Einzug und für Charlotte Knobloch ein verbales, weil er ihr nun einen alten Wunsch erfülle: Vier Stämme habe der Freistaat bislang gekannt, die Altbayern, die Franken, die Schwaben und die Vertriebenen. Am Dienstag deklariert Seehofer kurzerhand einen weiteren: "Die Juden sind der fünfte Stamm Bayerns. Sie gehören wie selbstverständlich zu uns."

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