Joachim-Jung-Ausstellung in IsmaningMalerischer Streifzug in die eigene Biografie

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Joachim Jungs Aquarell „Selbstporträt als Kind“ ist einer der Hingucker in der Ausstellung „Bildnisse – Punkte – Streifen“.
Joachim Jungs Aquarell „Selbstporträt als Kind“ ist einer der Hingucker in der Ausstellung „Bildnisse – Punkte – Streifen“. (Foto: Joachim Jung)

In seiner aktuellen Ausstellung „Bildnisse – Punkte – Streifen“ setzt sich Joachim Jung, der sonst gern die Lebensgeschichten historischer Persönlichkeiten künstlerisch verarbeitet, poetisch mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinander.

Von Udo Watter, Ismaning

Wenn ein Bild einen Sog entwickelt, ist damit fast immer eine sinnliche Gefährdung verbunden. Das visuell Rauschhafte verführt die Augen dazu, den Boden sicherer Betrachtung zu verlassen. In manchen seiner Werke, die derzeit in einer Ausstellung „Bildnisse – Punkte – Streifen“ im Ismaninger Schlosspavillon zu sehen sind, gelingt es dem Maler Joachim Jung indes, einen Sog zu entfalten, der durch die schwebende, atmosphärische Gesamtkomposition gleichsam wieder ausbalanciert wird, seines potenziell gefährdenden Charakters quasi enthoben. Denn der Mann, der da im Bild inmitten von bunten Punkten und Streifen geht – es ist der Künstler selbst –, wirkt im Kontext dieser leicht magnetisch anmutenden, formalen Flankierung dennoch gut aufgehoben und leichtfüßig; das vielschichtige Spiel mit ästhetischen Ebenen hat Tiefe, aber nichts erschreckend Abgründiges.

Joachim Jung ist als Maler ein Spurensucher, der sich in seiner langen kreativen Karriere oft über die akribische biografische Annäherung und Auseinandersetzung mit bildenden Künstlern oder anderen geistigen Größen Inspiration für schöpferische Einverleibung und Verwandlung holte – etwa in seinen bekannten Werkzyklen und Serien über Paul Klee, Alexander von Humboldt oder zur Familie Mann.

Für die aktuelle Ausstellung, die noch bis Januar 2026 in der Galerie im Ismaninger Schlosspark nördlich von München präsentiert wird, hat der  1951 geborene Jung aber diesmal in die eigene Lebensgeschichte geschaut. Ausgangspunkt seines neuen Zyklus’ war eine Wolldecke in seinem Kinderzimmer, genauer: deren Streifen- und Punktemuster. Schon als Kind hat sich Jung, der diese Decke noch heute besitzt, seiner Umwelt zeichnerisch anzunähern gesucht. Er wollte offensichtlich mithilfe von Papier und Stiften die Welt sichtbar machen und hatte dabei besonders Tiere und deren unterschiedlichen Farben, Formen und Muster im Auge. Ein Bild der aktuellen Ausstellung zeigt den kleinen Joachim, wie er im Bett liegend zeichnet, beobachtet von Stofftieren und zwei großen getupften Punkten: gleichsam die Darstellung eines kindlich-kreativen Aktes der Welterschließung mit biografischer Credibility.

Joachim Jung hat schon häufiger im Ismaninger Schlosspavillon ausgestellt.
Joachim Jung hat schon häufiger im Ismaninger Schlosspavillon ausgestellt. (Foto: Robert Haas)

Für Rasmus Kleine, Leiter des Kallmann-Museums Ismaning und Kurator der Ausstellung, ist Jung ein Künstler, der in seinen Bildern immer auch „spannende, atmosphärische Erzählungen“ schaffe. Zum einen zeigen ihn die Bilder in unterschiedlichen Lebensaltern, als Zeichner, Fußgänger und Spielenden, und deuten die narrative Dimension eines Lebenslaufs an. Zum anderen „kehren bestimmte formale Elemente wie Streifen und Punkte in unterschiedlichen Kontexten wieder, die auf einer ungegenständlichen Ebene, unabhängig von der Erzählung, eine ästhetische Wirkung erzeugen und miteinander korrespondieren, aber dennoch Teil der gegenständlichen Welt sind“, wie Kleine es ausdrückt. „Es gibt Querverbindungen auf erzählerischer Ebene und auf formaler Ebene.“ Wer will, kann darin ein vielschichtiges Spiel von Gegenwart und Gedächtnis erkennen, nicht zuletzt angeregt von alten Fotografien und Gegenständen aus Jungs Kindheit und Jugend.

Fast alle gezeigten Arbeiten sind auf Papier. Diesen Werkstoff schätzt der in München lebende Jung vor allem deswegen, weil er auf jede Form der Bearbeitung reagiert, sich verändert, wellt und dadurch einen objekthaften Charakter annimmt: „Papier merkt sich alles.“ Betont wird dies noch dadurch, dass die Bilder der Ausstellung nicht gerahmt sind. Aus dem Rahmen fallen sie eh.

Ausstellung „Bildnisse – Punkte – Streifen“ mit Werken von Joachim Jung, Galerie im Schlosspavillon, Ismaning, bis zum 11. Januar 2026

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