Leben an der Isar:"Wir sind keine Penner, wir sind nur obdachlos"

Leben an der Isar: Seit 18 Monaten ist die Theaterwissenschaftlerin Gabriele unter der Wittelsbacherbrücke zuhause.

Seit 18 Monaten ist die Theaterwissenschaftlerin Gabriele unter der Wittelsbacherbrücke zuhause.

(Foto: Robert Haas)

Gabriele ist 66 Jahre alt und wohnt mit ihrem Partner unter der Wittelsbacherbrücke. Was man für so ein Leben braucht? Härte und Disziplin.

Von Margarethe Gallersdörfer

Gabrieles Stimme kann auch mal scharf werden. Denn Wilhelm hat zwar gerade noch gesagt, Gabriele solle sprechen, aber eigentlich redet er selbst ganz gern. Immer wieder stellt er sich vor ihre Matratze, klinkt sich ins Gespräch ein, will seine eigene Geschichte erzählen. "Wilhelm, jetzt lass mich ausreden!", sagt Gabriele dann. Erst war sie nicht sicher, ob sie es riskieren möchte, dass jemand sie in der Zeitung erkennt. "Das ist doch Abstieg hoch fünf", sagt sie. Gabriele ist deshalb auch nicht der Name, unter dem man sie sonst kennt. Aber erzählen will die 66-Jährige dann doch. Und Wilhelm lässt sie - auch wenn Gabriele ihn noch ein paar Mal zur Ordnung rufen muss.

Es geht ihr auf die Nerven, wenn die Dinge nicht geordnet sind. Härte und Disziplin brauche man für ein Leben wie ihres, sagt sie. "Hygiene ist sehr wichtig", ruft Wilhelm dazwischen. Gabriele kann bei der Inneren Mission duschen, ihr Kulturbeutel liegt immer an derselben Stelle, und wenn sie ihre Brille nicht gleich findet im Rucksack - da, wo sie hingehört - wird sie nervös. Man dürfe nicht aufhören, seine Sachen in Ordnung zu halten, sagt sie. "Wir sind keine Penner, wir sind nur obdachlos. Das kann jedem passieren", erklärt Wilhelm.

Auch einem Menschen wie Gabriele. Eigentlich ist sie studierte Theaterwissenschaftlerin und Bühnen- und Kostümbildnerin. Mit 32 hat sie umgesattelt, weil ihr damaliger Freund sagte, sie sei zu viel unterwegs, und wurde Porzellanrestauratorin; 18 Jahre lang arbeitete sie in dem Beruf. Stolz erzählt sie, wie sie sich durchgebissen hat, denn in beiden Berufen hatten Männer ihr vorhergesagt, es sei schwierig, hineinzukommen. Gabriele hat es trotzdem geschafft. Doch nach einem Auslandsaufenthalt in Portugal ging es bergab - sie fand keine Arbeit mehr, schlug sich mit Billigjobs durch. Wie es genau gekommen ist, dass sie nun seit 18 Monaten unter der Wittelsbacherbrücke lebt, mag sie nicht erzählen. Inzwischen lebt sie von ihrer Rente. Aber sie glaubt immer noch daran: "Wo ein Wille ist, ist auch Weg."

Im Einband ihres Taschenkalenders stehen Vorsätze für dieses Jahr: "Kein Fett, kein Alk, keine Zigaretten, kein Weißmehl, Sport (Cholesterin), Vollkorn". Sie hat "Fett im Blut", sagt sie, und muss gut auf sich aufpassen. Momentan liest sie ein Buch über "Die fünf Tibeter", eine Abfolge von Sportübungen, und geht manchmal auf den Trimm-dich-Pfad.

Ihre Heimat sei die Isar, hat mal jemand über sie gesagt. Gabriele zuckt mit den Schultern. Die Isar an sich ist nun mal kein Haus, sondern ein Fluss - und zwar einer, der ganz schön unwirtlich werden kann, wenn man unter einer seiner Brücken wohnt. Beim letzten Hochwasser mussten die Wittelsbacher ihre angestammten Plätze unter den Pfeilern am Untergiesinger Ufer verlassen und oben an der Straße zelten. Weil es die "Wittelsbacher" waren, drückte die Polizei ein Auge zu.

Überhaupt, die Münchner Polizisten seien nett zu ihnen. Sogar Wilhelm, der erzählt, Polizei und Justiz hätten ihm viel Unrecht getan, gibt das zu. "Die können wir ruhig mal loben", sagt Gabriele, "schreiben Sie das: Die Polizei ist sehr freundlich zu den Wittelsbachern." Ab und zu brächten junge Polizisten Sandwiches vorbei: "Und neulich sind sie mit dem Auto morgens um halb sechs hier durch und haben gewunken, ich hab zurückgewunken."

Obdachlose, heißt es oft, leben am Rand der Gesellschaft. An ihrem Platz unter der Wittelsbacherbrücke fühlen sich Gabriele und Wilhelm aber eher mittendrin. "Wir sind die Sozialstation", sagt Gabriele und lacht. Viele Leute blieben stehen, sprächen sie an und erzählten dann plötzlich von ihren eigenen Problemen: Ärger mit den Nachbarn, Angst vor dem Arztbesuch, Furcht, die Miete nicht mehr zahlen zu können. "Die können mit uns reden, weil wir mit ihrem Leben gar nichts zu tun haben", vermutet Wilhelm.

Eine Wohnung zu finden ist schwer für die beiden. Gabriele hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Vermieter niemanden wollen, dessen Miete vom Wohnungsamt kommt. Aber das Leben unter der Brücke hat auch Vorteile, findet sie. In einer eigenen Wohnung könne es schnell einsam werden. "Und Einsamkeit gibt's hier nicht, wir sind eine nette Clique", sagt sie und zeigt zum anderen Brückenpfeiler, neben dem vier Ungarn ihr Lager aufgeschlagen haben. Man ist frei, man kennt sich, man muss nicht viel erklären.

"Alle sind freundlich und friedlich", erzählt Gabriele, die in Wohnheimen auch schon anderes erlebt hat, "und viele Passanten haben uns sehr lieb gewonnen." Also werden Wilhelm und Gabriele vorerst wohl Wittelsbacher bleiben - auch, wenn für den Winter noch einiges fehlt. Sie könnten Winterjacken und -schuhe, Decken und Thermowäsche gebrauchen, sagt Wilhelm zum Abschied.

© SZ vom 12.09.2015/infu
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