Isarvorstadt Mekka der Graffiti-Szene

Auf dem Viehhof-Gelände steht eine 1200-Quadratmeter-Wand Künstlern offen

Von Birgit Lotze, Isarvorstadt

Die Hallenrückseite im Viehhof ist 1200 Quadratmeter groß. Genug Platz sogar für die 20 Graffiti-Künstler, die man von diesem Freitag bis zum Sonntag beim "Live-Painting" beobachten kann. Eine so große weiße Wand - das ist neu in München. Kein Wunder, dass sich so viele renommierte Street-Art-Künstler aus unterschiedlichen Städten, meist der ersten und der mittleren Generation aus den Achtziger- und Neunzigerjahren entstammend, ans Werk gemacht haben.

Früher hatte jede Stadt, jedes Land andere Einflüsse. Leute taten sich zu "Crews" zusammen, die gemeinsam malten und so den "Style" entwickelten. In den Achtzigerjahren habe man am Graffito sehen können, wer aus Frankreich kam, wer aus New York oder Amsterdam, sagt ein Sprayer der mittleren Generation, der seinen Namen nicht nennen will. Heute erleichtere das Internet den Zugang zu anderen Szenen und Bildern. Die negative Folge: Dadurch gibt es keinen echten Münchner Style mehr.

Man müsse sich die Achtung erkämpfen, sagt der Münchner Insider. "Jeder schaut, dass er einen eigenen Style kreiert. "Wenn jemand ein Bild von dir sieht und sagt, das ist von dem und dem, dann hast du gewonnen." Die Anerkennung durch die Szene, der sogenannte "Fame", sei wichtig, und die erarbeite man sich über Superlative: Man hinterlasse besonders viele Bilder, besonders aufwendige oder besonders große, "XXL sozusagen", so der Sprayer. Man sprühe an besonders markanten Stellen: an gut sichtbare Stellen wie auf einem Zug, an schwer erreichbaren wie Brücken - "an Stellen, wo sich die Leute denken: krass, wie hat er das gemacht?"

Sprayer sind nicht mitteilsam, wenn es um eigene Daten geht. Sie stecken im Dilemma: Ihren Namen können sie erst öffentlich machen, wenn sie genug Geld mit ihrer Leidenschaft verdienen und nicht mehr auf illegales Sprühen angewiesen sind. Um gut zu werden, müssen sie allerdings Hunderte Bilder hinterlassen - und sich auf ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Soko-Einheiten der Polizei einlassen. Der große Wunsch der Szene sind deshalb Wände, an denen sie sich weiterentwickeln können. München hat angeblich lediglich eine "legale Wand": die Mauer an der Tumblingerstraße, am Ende der Ruppertstraße. Auch Loomit, bekannter Münchner Sprayer der ersten Generation, verwaltet im ehemaligen Kunstpark-Ost eine Fläche. " Aber da sollen nur gute Bilder drauf. Darauf achtet er. Das ist nichts zum Üben."

Früher war mehr los. Die bayerische Landeshauptstadt fiel europaweit durch eine rege Szene auf. Die Möglichkeiten zur Entwicklung seien deutlich besser gewesen, behauptet der Sprayer. Es gab die riesige Flohmarkthalle an der Dachauer Straße, danach Riem und die Halle in der Nähe vom Feierwerk. München gelte nicht mehr als eine der großen Nummern in Europa. Aber auch New York sei nicht mehr das Mekka für die Sprayer wie in den Achtzigerjahren. Berlin sei inzwischen die Weltstadt, nirgendwo sonst würden auch nur annähernd so viele Dosen verkauft.

Dass der Reiz fehlt, wenn man an legalen Flächen malt, will der Sprayer nicht für jeden gelten lassen. Es könne auch ein Reiz sein, viel Zeit zu haben und aufwendig zu malen. Es sei in jedem Fall sinnvoll, mehr legale Flächen anzubieten. "Vielleicht gehen dann viel mehr den legalen Weg. Eine restriktive Anti-Graffiti-Politik funktioniert jedenfalls nicht." Gesprüht werde trotzdem. "Das wird nie aufhören, solange es Spraydosen und Farbe gibt. Das ist auch deine Stadt, du bist Teil dieser Stadt und willst dich zeigen."