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Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt:Hochkultur, Subkultur und Gemüsegärten

Was kann bleiben, etwa vom Bahnwärter Thiel, was muss weichen? Studierende der Landschaftsarchitektur beschäftigen sich mit dem Viehhof-Gelände, speziell mit dem geplanten Grünzug

Von Birgit Lotze, Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt

Der von Arnold Zenetti vor rund 150 Jahren erbaute Viehhof zwischen den Bahngleisen des ehemaligen Südbahnhofs und dem Schlachthof gilt heute noch als eines der rauesten, aber auch charmantesten Areale im Schlachthofviertel. Rinder und Schweine werden allerdings dort schon seit 2007 nicht mehr die Rampe hinuntergetrieben und für die Schlachtung vorbereitet. Die Stadt bebaut das Areal: Der Komplex für das Volkstheater entlang der Tumblingerstraße, wo früher die Pferdeställe waren, nach dem Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Lederer Ragnarsdottir Oei, ist sogar schon bald fertig. Und es gibt einen Masterplan für die Weiterentwicklung: mit 600 Wohnungen, Platz für Kleingewerbe und einem Weg von der Ehrengutstraße zur Ruppertstraße.

Den Bereich entlang der Gleise hat die Stadt im Masterplan als Grünanlage deklariert. Mit dieser Grünfläche haben sich Studierende der Technischen Universität München im Sommersemester in ihren Abschlussarbeiten im Bachelor-Studiengang Landschaftsarchitektur und -planung am Lehrstuhl von Regine Keller beschäftigt. Ihre Entwürfe waren bis Ende Dezember in einer Freiluftausstellung an drei Orten auf und um den Viehhof zu sehen - beim Bahnwärter Thiel an der Südseite des Viehhofgeländes, im Kulturzentrum Luise an der Ecke Tumblinger- und Ruppertstraße und auf der Pizza Zenetti, Zenettiplatz 3 - allesamt öffentlich zugängliche Orte.

Baustelle Volkstheater

Weit gediehen: der Neubau des Volkstheaters.

(Foto: Robert Haas)

"Wir fanden die Aufgabenstellung spannend", sagt Felix Lüdicke, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Studierenden betreute. Die Entwürfe bauten auf dem Masterplan auf, danach zeichneten sich neben dem Grünzug vor allem zwei Vorgaben ab: Nach Süden hin, zu den Gleisen, ist eine Lärmschutzwand vorgesehen, und einige Mauern stehen unter Denkmalschutz, der lässt keine Veränderungen zu. Auch stellte sich den Studierenden die Frage, wie es denn mit Bahnwärter Thiel weitergehe, ein in München herausragendes Kulturprojekt mit Ausstellungen, Konzerten, Theater und Clubnächten, der an dieser Stelle als Zwischennutzer angesiedelt ist. "Kann was bleiben? Muss alles weg?" In der Entwurfsvorgabe für die Studierenden hieß das dann: Wie viel Subkultur braucht die Hochkultur? Welche informellen Praktiken verträgt der öffentliche Freiraum? Wie viel alte Strukturen sollen bleiben, wie viel wilde "Stadtnatur" darf sein?

Viel Bestehendes sei in den Entwürfen aufgegriffen worden, "der Park als Identifikationsort", wie Landschaftsarchitekt Lüdicke es beschreibt. Der Gemüsegarten als Weiterentwicklung des aktuell von Anwohnern dort bestellten Südgartens finde sich wieder, wie auch die ehemalige Bahnrampe, immer wieder das Gleis, auch das alte Pflaster tauche hie und da auf, Teile von Bahnwärter Thiel. Der Park als Naturort, als Erlebnislandschaft, als Kulturort. Auch als Prozess werde er in einigen Entwürfen begriffen. Vielleicht sei es sinnvoll, den Park nicht als Ganzes anzulegen, sondern in "Bauabschnitten" und jetzt schon zu beginnen. Dadurch könne man schon jetzt für Anwohner etwas schaffen, und der Park werde zum Bindeglied zu dem Neuen, das später dazukomme.

Was auf dem Viehhof-Areal noch passieren könnte, haben TU-Studenten sich überlegt. Vanessa Mariacher hat sich den Bahnwärter Thiel vorgenommen.

(Foto: Vanessa Mariacher)

Die Ausstellung "Viehhofviertelpark" zeigte insgesamt 14 Entwürfe für den geplanten Park im neuen Viehhofviertel. Sie wendete sich an Anwohner und Besucher des Viertels und wollte Ideen und Impulse zur weiteren Entwicklung setzen. Sie war Teil des Projekts Viehhof, mit dem die Geschichtswerkstatt Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt auf Anregung von Beate Bidjanbeg, der Kulturchefin im Bezirksausschuss, die Geschichte des Geländes dokumentieren und den Wandel begleiten will. Franz Schiermeier, Architekt und Verleger mit lokalhistorischem Sachverstand, Bahnwärter-Thiel-Chef Daniel Hahn und zwei Künstler, die auf dem Gelände arbeiten, standen den Studierenden zur Seite.

Abgesehen von dem großen Theater-Neubau und den Baumaschinen und Fahrzeugen ist das Gelände noch von den baulichen Strukturen des ehemaligen Viehhofs geprägt. Immer noch gibt es Metzger, Messerschleifer und einige Händler. Der größte Teil aber wurde in den vergangenen Jahren zwischengenutzt - lange durch das allsommerliche Viehhofkino. Nun sollen hier 600 Wohnungen gebaut werden, 200 mehr als eigentlich vorgesehen, in meist sechsstöckigen Häusern. Außerdem soll es mehr Platz für Läden, Dienstleistungsangebote und Betriebe geben. Angestrebt wird eine möglichst breite Nutzungsmischung in einem verdichteten Gebiet, das der umliegenden Bebauungsstruktur entspricht. Eine ganze Reihe von Gebäuden auf dem Areal steht unter Denkmalschutz. Das betrifft auch Reste der ehemaligen Einfriedung mit Backsteinmauern inklusive Eisengitter und Tor beim Wirtshaus am Schlachthof und an der Tumblingerstraße. Diese Elemente müssen erhalten werden. Das Gewerbe soll an den von Verkehrslärm umspülten Bereichen angesiedelt werden. An die Ecke Zenettistraße und Thalkirchner Straße, die vom Verkehrs- und Anlagenlärm am meisten betroffen sein soll, soll deshalb ein Gewerbehof entstehen. Dieser soll es den jetzigen Betrieben auf dem Viehhof dauerhaft ermöglichen, auf dem Gelände zu bleiben.

Landschaftsarchitekt Felix Lüdicke, der auch die Piazza Zenetti betreut hat, steckt derzeit bereits im nächsten Projekt - wieder auf dem Viehhof. Der Master-Studiengang beschäftigt sich mit dem Straßenraum in dem neuen Viertel. Zwischen den Häusern verlaufen laut Masterplan der Stadt sogenannte Erschließungsbügel, ohne Autoverkehr, nur für Möbel- und Mülltransporter, Feuerwehr. Allerdings erschienen sie in der klassischen Straßenoptik, was dort vielleicht gar nicht sein müsse. "In jedem Fall ist die Aufgabenstellung auch da wieder spannend", sagt Lüdicke. Und vielleicht ergebe sich ja auch die Möglichkeit, das nachzuholen, was bei der Freiluftausstellung nicht möglich war: einen Diskussionsabend zur Ausstellung, bei der man auch Impulse aufnehmen könne. Auch Beate Bidjanbegs Intention ist der Dialog mit den Anwohnern. Sie hatte deshalb dazu aufgefordert, sich zu den Entwürfen zu äußern. Ideen und Vorschläge würden an den Bezirksausschuss und an das Planungsreferat weitergeleitet, sagte die Vorsitzende des Unterausschusses Kultur.

© SZ vom 11.01.2021
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