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Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt:Alarm am Rückzugsort

An der südlichen Pestalozzistraße soll ein Informationszentrum zur Bestattungskultur entstehen. Die Lokalpolitiker lehnen das Projekt ab, weil sie befürchten, dass der Alte Südfriedhof dann von Touristen überrannt wird

Von Birgit Lotze, Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt

Trotz des Widerstands aus dem Stadtviertel gegen ein Besucherzentrum am Alten Südfriedhof hat das Baureferat auf Betreiben des Referats für Gesundheit und Umweltschutz (RGU) hin einen Antrag auf Vorbescheid bei der Lokalbaukommission gestellt. Die Friedhofsverwaltung, die Teil des RGU ist, möchte dem Friedhof von der Pestalozzistraße 62 aus ein 300 Quadratmeter großes Informationszentrum für Friedhofs- und Bestattungskultur angliedern - ein Plan, der im Stadtrat bereits 2016 und 2019 Zustimmung gefunden hat.

Im Viertel befürchtet man Gräber-Tourismus, will keinen Besuchermagneten. In der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) forderten die Mitglieder einstimmig, alle Planungen "umgehend" zu stoppen. "Unser Horrorszenario ist, dass Busse an der schmalen Pestalozzistraße Leute ausladen und Touristengruppen mit Audio-Guides durch den Friedhof marschieren", sagte Beate Bidjanbeg (SPD), Vorsitzende des Unterausschusses für Kultur. Das liefe dem Kulturdenkmal-Charakter des Alten Südfriedhofs "völlig entgegen".

Alter Südfriedhof in München, 2017

Der Südfriedhof ist mehr als nur beschaulich. Er spiegelt auch das kulturelle, geistige und wirtschaftliche Leben des 19. Jahrhunderts in der Stadt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass Interesse besteht, den Südfriedhof stärker in den Fokus internationaler Besucher zu rücken, hatte der frühere CSU-Stadtrat Richard Quaas 2019 zu verstehen gegeben. Er sprach davon, aus dem Südfriedhof ein "Aushängeschild" zu machen und plädierte für ein Museum für Bestattungskultur, ähnlich wie es dies bei großen Friedhöfen von europäischem Rang wie dem Wiener Zentralfriedhof gibt. Das Potenzial böte der Südfriedhof, das sehen auch andere Münchner so, denen die Friedhofsverwaltung dafür einen Raum verschaffen möchte. Eingerichtet im Jahr 1593 als Pestfriedhof, war er von 1788 bis 1868, 80 Jahre lang, die einzige Begräbnisstätte für die Toten aus dem Stadtgebiet, weshalb dort die Gräber einer ganzen Reihe prominenter Münchner zu finden sind.

Geplant ist nun, nach der Betriebsbeschreibung im Antrag auf Vorbescheid, ein Gebäude, ein- oder zweistöckig, in dem wechselnde Ausstellungen von der Historie bis zu Gegenwart gezeigt werden. Auch soll man dort Informationen und Beratung generell zu den Themen Friedhöfe, Bestattung, Tod und Trauer erhalten. Besucher sollen sich dort, davon war immer wieder die Rede, Audio-Guides ausleihen können.

"Wir lehnen das Vorhaben grundsätzlich ab", sagt der Vorsitzende des Bezirksausschusses Benoît Blaser (Grüne). Trotz ausdrücklichem Wunsch sei der BA seit 2016 nicht in die Planungen einbezogen worden. Der BA halte die damals geäußerten Bedenken aufrecht. Der Alte Südfriedhof sei "ein Ruheraum für Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren" und als "Biotop" besonders schützenswert. Er beherberge seltene Tier- und teils ausschließlich dort vorkommende Pflanzenarten, es gebe Efeu-Kugelglanzkäfer, Pirole, Fledermäuse und Flechten.

Alter Südfriedhof München

Schon jetzt gehen Wächter regelmäßig Streife, auch um Feiern an den Gräbern zu verhindern.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Der Bezirksausschuss erwähnt in seiner Stellungnahme auch, dass der Ruheraum Südfriedhof mehr und mehr zu einem Naherholungsraum wird. Immer mehr Menschen nutzten ihn, zumal es sehr wenige Grünflächen im Viertel gebe. "Wir befürchten, dass dieser einmalige Naturraum und eine der wenigen Grünflächen unseres Stadtbezirks bei einer zusätzlich geförderten Nutzung nicht erhalten bleiben kann in seiner jetzigen Form."

Das Infozentrum beschleunige diese Entwicklung, so die Befürchtung. Der vorgesehene Standort liege völlig abseits vom Anschluss an das ÖPNV-Netz, konstatiert Beate Bidjanbeg. Das spreche eher für Besucherströme und Anfahrten mit Charter-Bussen. Die Besucherzahlen seien nicht absehbar, aber es würden wohl viele Gäste erwartet. "Andernfalls wäre ein Informationszentrum und eine mitunter internationale Bewerbung des Friedhofs als sogenannter Sightseeing-Spot nicht rentabel", heißt es in der Stellungnahme des BA zur Bauvoranfrage.

Anlass zu dem geplanten Ausbau mit einem Informationszentrum gab der Friedhofsverwaltung die Renovierungsbedürftigkeit des städtischen Anwesens an der Pestalozzistraße 60 und 62. Die Straßenreinigung ist dort untergebracht, sie benötigt einen Waschplatz und mehr Platz in der Tiefgarage, einen Raum nutzen die Friedhofsmitarbeiter. In einem weiteren Trakt war ein Pfadfinderstamm untergebracht, der wegen des Plans, an dieser Stelle das Info-Zentrum zu bauen, bereits ausziehen musste. Der Bau- und Planungsausschuss der Ludwigs- und Isarvorstadt hatte bereits zuvor klargestellt, dass er den neuen Baukörper weiterhin ablehnt. "Damit braucht die Tiefgarage nicht so groß zu werden wie geplant. Dadurch besteht die Möglichkeit, auf dem Grundstück bestehende Bäume zu retten." Für den Umbau sollen vier Bäume fallen.

© SZ vom 29.09.2020

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