Isarvorstadt Demokratie im Kleinen

Bei der Einwohnerversammlung für Kinder und Jugendliche in der Isarvorstadt geht es um Fußballplätze und Parkour-Strecken. Vor allem aber lernen junge Leute, dass sie politisch Einfluss nehmen können

Von Jana Sauer, Isarvorstadt

Sie sind aufgeregt: Ein paar Kinder im Jugendtreff Tröpferlbad in der Isarvorstadt sitzen ganz vorn auf der Kante der Holzbank. Heute sind sie in einer wichtigen Funktion hier: als Entscheidende. Die Einwohnerversammlung für Kinder und Jugendliche im zweiten Stadtbezirk war die erste überhaupt, inzwischen gibt es sie auch in anderen Stadtteilen.

Organisatorin Beate Bidjanbeg händigt jedem Kind eine rote Karte aus. Den kleinsten Teilnehmer verstimmt das, er geht noch nicht in die Schule: "Ich kann noch nicht lesen," beschwert er sich. Bidjanbeg, Kinder- und Jugendbeauftragte im Bezirksausschuss, kann ihn beruhigen, er muss gar nicht lesen. Die Karte ist nur seine Stimme. Ist er für einen Antrag, hält er sie hoch. "Uns ist wichtig, dass die Kinder ihre Anliegen selbst vorbringen und entscheiden, ob sie anderen Vorschlägen zustimmen möchten," erklärt Bidjanbeg. Mit drei Buben im Grundschulalter stellt der kleine Erstwähler einen offiziellen Antrag: Beim Spielplatz am Roecklplatz soll man vernünftig Fußball spielen können. "Es gibt keine richtigen Tore, und der Ball rollt dauernd auf die Straße," beschwert sich Levin. "Wir wünschen uns einen anderen Boden. Wenn man auf dem Beton hinfällt, tut man sich total weh," ärgert sich sein Freund Theophil. "Wer von euch hat sich bei mir schon ein Pflaster geholt, weil er da hingefallen ist?", fragt Philipp Roller. Einige Arme strecken sich zaghaft in die Luft.

Kinderwünsche aus der Isarvorstadt: Viel Natur möchten die kleinen Großstädter, dazu Spielmöglichkeiten drinnen und draußen - mit und ohne Tiere.

(Foto: Privat)

Roller arbeitet im Kubu, kurz für Kunterbunt. Das Kinder- und Jugendhaus liegt direkt neben dem Spielplatz. Verletzen sich Kinder dort, kommen sie ins Kubu. Roller ist zur Unterstützung eines seiner Schützlinge mitgekommen, Nikola heißt der und ist der älteste Jugendliche im Raum. In seinem Antrag fordert er eine Parkour-Strecke für die Grünfläche neben dem Bolzplatz am Glockenbach. Bei der Sportart überwinden Läufer springend und kletternd Hindernisse. Nikolas wichtigstes Argument: Parkour ist keine laute Sportart, Anwohner würden also nicht gestört. Philipp Roller betont: "Für Jugendliche wird in der Stadt sehr wenig gemacht. Draußen gratis Sport zu machen, ist kaum möglich."

Straßen sind eine Gefahrenquelle für Kinder, Querungshilfen sollen dazu beitragen, sie zu entschärfen.

(Foto: privat)

Nikola hat sich gut vorbereitet und Bilder von ähnlichen Strecken mitgebracht. Nach der Versammlung schaut sich Beate Bidjanbeg die Fotos mit dem jungen Sportler genau an. Da laufe schon eine Überplanung für die Fläche, erklärt sie, aber sie werde den Antrag ganz schnell noch hinterherschieben, damit er rechtzeitig Gehör finde. Erhält ein Kinder-Antrag eine Mehrheit, übernimmt der Bezirksausschuss ihn und reicht ihn an die Stadt weiter.

Bidjanbegs größtes Ziel an diesem Tag: "Die Kinder sind ein Teil unserer Gemeinschaft. Sie sollen lernen, dass sie Einfluss haben." Mutter Katharina bedeutet das viel: "Der Bezirksausschuss hat mit uns einmal eine Begehung auf einem geplanten Spielplatz gemacht, da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass eine Bürgerbeteiligung wirklich gewollt ist. Hier können die Kinder im Kleinen lernen, wie Demokratie funktioniert."