Isarvorstadt Das Ende der Himmelsmitte

Nach 32 Jahren schließt der esoterische Buchladen "Midheaven" an der Reichenbachstraße. Die 72-jährige Inhaberin Helena Mayer-Hajek kann aus einem bewegten Leben erzählen - und vom Wandel der Kundeninteressen

Von Renate Winkler-Schlang, Isarvorstadt

"Midheaven", für einschlägig Interessierte eine wichtige Adresse an der Reichenbachstraße, muss schließen. Helena Mayer-Hajek, seit 32 Jahren Inhaberin dieses esoterischen Buchladens, weiß seit Mai, dass sie Ende des Jahres raus muss. "Das Haus wurde verkauft. Der neue Eigentümer hat sich nicht vorgestellt. Aber er hat mir gekündigt." Sie erzählt das ohne Verzweiflung in der Stimme, inmitten von Büchern und Buddha-Figuren, heilender Steine und Aura-Soma-Fläschchen. Es riecht nach Räucherwerk. Leise plätschert Meditationsmusik.

"Neulich habe ich ein Buch verkauft, das ich nicht mehr nachbestellen werde. Da habe ich fast geweint, dass das jetzt weg ist." Es werden noch viele traurige Momente kommen bis zum Schlussverkauf, viele kleine Abschiede mit lieb gewonnen Stammkunden. Doch Mayer-Hajek hat ihren Frieden gemacht mit dieser Schicksalswendung: "Ich bin im Flow damit." Ein Satz, der passt zu dieser sanften Powerfrau im Blumenshirt, kräftig geschminkt, mit wallenden Locken und zahlreichen Armbändern an beiden Handgelenken. "Ich bleibe ja lebendig und in Kontakt." Vor ein, zwei Jahren hätte sie sich noch verzweifelt gefühlt, wütend, ohnmächtig, sagt die 72-Jährige. Jetzt nicht. Sie hätte zwar gerne weitergemacht und müsse auch weiter Geld verdienen. Dennoch komme das Ende für sie persönlich wohl zum richtigen Zeitpunkt, zumal der Internethandel auch bei ihr das Geschäft immer schwieriger gemacht habe. Künftig werde sie sich dem direkten Vertrieb ätherischer Öle widmen. "Ich bin ja noch so voller Elan", sagt sie.

Ein Leben zwischen Buddha und Bhagwan: Helena Mayer-Hajek hat die Kündigung für ihren Laden sehr getroffen, verzweifelt ist sie aber nicht. "Ich bin im Flow damit", sagt die Diplombibliothekarin, die ihre Kunden mitunter schon lange kennt. "Die meisten haben sich unglaublich entwickelt", sagt sie.

(Foto: Catherina Hess)

"Hallo, meine Liebe. Wie geht es Dir", fragt sie eine Kundin. Sie nimmt sich Zeit, kann zuhören, und, wenn es gewünscht wird, Denkanstöße geben. Oftmals habe sich jemand bedankt für ein Gespräch. "Ich war oft eine Ermutigerin." An ihrem 40. Geburtstag im Juli 1986 hat Helena Mayer-Hajek mit einer Freundin den Laden eröffnet. "Es gab keine Alternative, es musste so sein", sagt sie. Die gebürtige Tschechin und englische Staatsbürgerin, die in München die amerikanische Schule besuchte, in Giesing an der University of Maryland eingeschrieben war, ohne ernsthaft zu studieren, hatte eine bewegte 68er-Jugend. Sie reiste mit ihrem damaligen Mann, der am Goethe-Institut tätig war, "jedes Jahr drei Monate kostenlos um die Welt", lebte als Anhängerin von Bhagwan, der sich später Osho nannte, mit ihrer Tochter "in großen Kommunen mit 200 Leuten". Er war ihr "Meister". Heute würde sie das nicht mehr so nennen. "Inzwischen ruhe ich in meiner eigenen Mitte, bin Meisterin meiner Gedanken."

So jemanden haut eine Kündigung nicht völlig um. Beschreibt sie heute ihre Identität, ordnet sie ihre Eigenschaften den Chakren, den Energiezentren im Körper, zu.

Schon als sie einst als Rezeptionistin in einem Schloss arbeitete, wo die Kommune wohnte, hat sie dort Bücher und Kristalle verkauft. Später wurde sie Diplombibliothekarin. Es war kein Zufall, dass "Midheaven" an der Reichenbachstraße gegründet wurde, erzählt sie, denn unweit davon war das Münchner Zentrum der Sannyasin, wie sich die rotgewandeten, eine hölzerne Mala um den Hals tragenden Anhänger Bhagwans nannten. "Es war perfekt hier." Auch der Name des Ladens hat eine Bedeutung: Midheaven, Medium Coeli oder Himmelsmitte, nennt man im Horoskop den höchsten Punkt. Er steht für die Ziele, die sich im beruflichen Tun ausdrücken.

Feste Größe für einschlägige Vorlieben: Neben Büchern gibt es in dem Geschäft auch Aura-Soma-Fläschchen, Räucherwerk oder heilende Steine zu kaufen.

(Foto: Catherina Hess)

Die berufliche Himmelsmitte von Helena Mayer-Hajek wird es nur noch wenige Wochen geben. Zeit, zurückzublicken auf die vergangenen 32 Jahre, in denen sich auch die Esoterik-Kundschaft verändert hat: "Die meisten haben sich unglaublich entwickelt zu mehr Respekt, Liebe, Füreinander. Sie sind klarer. Früher waren viele chaotisch, wussten nicht, was sie wollen." Sehr viel verändert habe die Yoga-Bewegung: "Yoga ist Mainstream geworden."

Stets zeigten viel mehr Frauen als Männer Interesse an den Themen, für die ihr Laden steht. Dabei hat sie auch eine Ecke mit Büchern übers Mann-Sein. Doch auch die Frauen tragen nicht mehr wie in früheren Jahren die Bücher stapelweise aus dem Laden: "Das gibt es nicht mehr." Dennoch: Immer wieder läutet an diesem Tag die Ladenglocke. Eine Frau kauft einen Rosenquarz, er soll ihren Sohn beim Jura-Büffeln unterstützen. Eine andere bestaunt die Postkarten, die nächste sammelt Prospekte über Retreats, Workshops und Heiler-Praxen. Ein Mann in Lederhose stürmt herein - er will aber nur kurz wissen, ob sie ein Päckchen für ihn angenommen hat.

Astrologie, so erklärt Mayer-Hajek, gehe derzeit nicht so. Auch die Lust der Leute auf Feng Shui sei abgeflacht. Bücher über Reiki, die Energieheilung durch Handauflegen, werden seltener bestellt. Tantra, Gesundheit, esoterische Selbstoptimierung seien eher gefragt. Auch Tarot und Pendel, Engelskarten sind immer im Angebot. Sie verweist auf die beiden Regalfächer mit Oshos Werken, auf in ihrer Welt wichtige Autoren wie Eckhart Tolle, Louise Hay, Doreen Virtue, Katie Byron, auf Literatur über Satsang und Advaita, das Streben nach höchstem Wissen. Es gibt auch schon die Kalender für 2019, das Jahr, in dem für Helena Mayer-Hajek vieles anders wird. "Now is all that is" - jetzt ist alles, was zählt - steht auf einem geschrieben.