Isarvorstadt/Au Auf die lange Kiesbank geschoben

Zwei Architektenentwürfe für den Klenzesteg zwischen Reichenbach- und Wittelsbacherbrücke schlummern seit Jahren in der Schublade. Die Groko im Rathaus zeigt kein Interesse an dem Projekt

Von Johannes Korsche, Ludwigsvorstadt/Au

Es gibt in München ein Sprichwort: "Da muss noch viel Wasser die Isar runter." Unfreiwilligerweise gibt es dazu auch ein Bauvorhaben, passenderweise an der Isar, für das dieses geflügelte Wort hätte erfunden werden müssen, wenn es das nicht schon geben würde: den Klenzesteg. Seit mehr als dreißig Jahren mäandert die Debatte über den Isarsteg für Radler und Fußgänger schon durch die Stadt. Bürgerbeteiligungen, ein Realisierungswettbewerb 2013, zwei Siegerentwürfe - eigentlich liegt alles bereit, um den Klenzesteg zwischen Wittelsbacher- und Reichenbachbrücke über die Isar zu spannen. Allein, es passiert seit nun bereits sechs Jahren nichts mehr. Obwohl der Klenzesteg mit der höchsten Prioritätsstufe, die es für solche Projekte gibt, in den Projektlisten der Stadt geführt wird. Inzwischen fragen sogar schon Bürger bei dem Auer Bezirksausschuss nach, was denn aus dem Klenzesteg geworden ist. Warum also ist der Isarsteg im Nirgendwo der Planerakten hängen geblieben?

Am breiten Widerstand der Anwohner und der örtlichen Stadtteilparlamente jedenfalls liegt es in diesem Fall nicht. Der Bezirksausschuss (BA) Ludwigs-, Isarvorstadt unterstütze den Klenzesteg mehrheitlich, sagt der BA-Chef Andreas Klose (Grüne/Rosa Liste). Der sei "eine schöne Sache", wenngleich nicht allzu wichtig. Der Bezirksausschuss Au hat vor kurzem erst wieder darauf gepocht, den Klenzesteg "umgehend" zu bauen. Befürworter sehen vor allem die Vorteile der Brücke: Auf der knapp einen Kilometer lange Strecke zwischen Wittelsbacher- und Reichenbachbrücke suchen Fußgänger und Radler momentan vergebens eine Möglichkeit, von der Isarvorstadt zum begrünten, gegenüberliegenden Isarufer zu gelangen. Der neue Steg sollte da ungefähr in der Mitte der Strecke Abhilfe schaffen, in Verlängerung der Klenzestraße. Gerade für die Bewohner des dicht besiedelten Glockenbachviertels wäre das sicherlich eine willkommene Abkürzung.

Dass der Klenzesteg gerade jetzt wieder in den Fokus rückt, könnte auch an der fortwährenden Debatte in der Stadt um Verbesserungen für Radler und Fußgänger liegen. Der Münchner Radentscheid, für den aktuell Unterschriften gesammelt werden, ist da nur ein Beispiel. Kritiker des Klenzestegs finden die neue Querung über die Isar dagegen überflüssig, zu teuer und auch optisch unpassend. Würde sich der Klenzesteg doch an sehr prominenter Stelle über die Isar spannen, direkt in die Sichtbeziehung zwischen den altehrwürdigen Steinbrücken und der Maximilianskirche am Flussufer.

Trotz der Bedenken schrieb die Stadt das Projekt im März 2013 europaweit aus. Mehr als 80 Bewerbungen gingen damals ein. "Da war die Crème de la Crème des Brückenbaus dabei", erinnert sich Oliver Englhardt, der die Tragwerksplanung eines Siegerentwurfs überblickte. Davon wurden zehn vielversprechende Ideen ausgewählt, die in einem städtebaulichen Wettbewerb mit fünf weiteren, "gesetzten" Teams aus Architekten, Ingenieuren und Landschaftsgärtnern zum Wettbewerb eingeladen wurden. Insgesamt gingen daraufhin 14 Entwürfe für den Klenzesteg bei der Stadt ein.

Verbindung zwischen dem Glockenbachviertel und der Au: Auf Höhe der Klenzestraße könnte der Steg über die Isar führen.

(Foto: Catherina Hess)

Die Stadt konnte also aus dem Vollem schöpfen und wählte zwei Entwürfe aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Brücke des Architekturbüros "Hoe Architects" nimmt sich auffallend zurück, ordnet sich mit ihrer schlanken, unauffälligen Konstruktion der Isar und der Sankt Maximilian-Kirche unter. "Wir haben versucht, einen Steg zu bauen, der in der Landschaft keine dominierende Rolle einnimmt", erklärt Architekt Jürgen Hermann von Hoe Architects die damalige Idee. Eine Brücke sei immer ein "Eingriff in die Naturlandschaft", der sollte bei seinem Steg allerdings möglichst gering sein.

Das Team um das Architekturbüro Christoph Mayr Architekten wiederum stellte die Brücke selbst in den Vordergrund. Blicke auf sich ziehend, verbindet sie die Isarufer in einem in sich verdrehten Schwung. "Das Besondere unseres Designs ist dabei, dass die Bänke und die Treppe, nicht aufgesetzte oder angefügte Elemente, sondern integrale Bestandteile der Brückengestalt und des Tragwerks sind", sagt Christoph Mayr zu seiner Idee. Außerdem teilt sich der Steg auf der Ostufer-Seite in zwei Abgänge, einer führt direkt auf die Wiese an der Isar. Je nachdem, was man sich dort gewünscht hätte - unauffällig oder sehenswürdig- für beides wäre ein Entwurf bereit gestanden. Etwa 198 000 Euro ließ sich die Stadt den Wettbewerb insgesamt kosten, teilt das Baureferat mit. Im Anschluss an die Kür der Wettbewerbsentwürfe wurden beide Büros aufgefordert, ihre Entwürfe noch präziser nachzubereiten und vor allem eine Kostenprognose zu erstellen. Beide Teams geben an, dass sie eine solche Überarbeitung vorgelegt hätten.

Und seitdem? "Funkstille", sagt Hermann. Auch Mayr sagt, er und sein Team habe seitdem "nichts mehr gehört". Zu welchem Ergebnis diese Kostenprognose kam, wollen sie nicht sagen. Diese Prognosen müssten noch aufbereitet werden, so das Baureferat, da die auch mit dem Realisierungszeitpunkt zusammenhänge. Allerdings bestätigt das Referat, dass ungeachtet der höchsten Priorität "das Thema jedoch nicht prioritär behandelt" wurde und bezieht sich dabei auf den Haushaltsbeschluss 2019. Man werde daher "im Sommer 2019 den Stadtrat mit einem neuen Vorschlag zur weiteren Umsetzung der Brückenstandorte in Priorität 1+ und 1 befassen", teilt das Referat mit. Neben dem Klenzesteg betrifft das 46 weitere Brückenstandorte, die mit jener höchsten Priorität versehen sind.

Ob der Klenzesteg bei so vielen Projekten an vorderer Stelle steht, ist fraglich. Zumal, wenn man einer oft geäußerten Vermutung Glauben schenkt, die versucht das lange Warten auf den Steg zu erklären. Dabei kommt immer wieder ein Datum auf: 16. März 2014, Kommunalwahlen in München. Aus der rot-grünen Stadtratskoalition wird eine schwarz-rote. Nicht nur der Architekt Mayr vermutet, dass der Klenze-steg vor allem von der CSU als "Grünen-Projekt" angesehen wurde. Einer schlichten Politikerlogik folgend - "was der politische Gegner gut findet, muss ich schlecht finden" - werde der Klenzesteg nicht weiter verfolgt. Oder wie Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher sagt: "Es gibt in der Groko keinen Treiber mit Einfluss für das Projekt. Die CSU ist dagegen, die SPD ist auch nur halb begeistert." Er selbst habe sich immer für den Klenzesteg eingesetzt und habe auch einen Favoriten-Entwurf. Den unauffälligeren Entwurf der Hoe Architeken, vielleicht noch ergänzt durch einen gesonderten Abgang ins Hochwasserbett der Isar, wie es der andere Entwurf vorschlägt.

Zwei Abgänge auf der Ostufer-Seite: Klenzesteg nach einem Entwurf des Büros Christoph Mayr Architekten.

(Foto: Christoph Mayr Architekten)

Und Bickelbacher scheint mit seiner Einschätzung nicht ganz Unrecht zu haben. Denn tatsächlich will Alexander Reissl, SPD-Fraktionschef im Rathaus, grenzenlose Begeisterung für den Klenzesteg nicht signalisieren. Ob die SPD den Steg denn will? Das wolle er "so nicht beantworten". Man müsse den Klenzesteg im Zusammenhang mit den anderen Brückenprojekten sehen. Da gebe es vielleicht sinnvollere, vielleicht weniger sinnvollere. "Das sollte man bald mal abwägen", sagt Reissl. Aber ob das noch vor der nächsten Kommunalwahl im kommenden Jahr passiert, weiß er nicht. Er nehme das Beispiel des Klenzestegs viel eher, um das Vorgehen bei solchen Projekten grundsätzlich zu hinterfragen. Warum brauche jedes Projekt immer eine Machbarkeitsstudie? "Machbar ist prinzipiell alles", sagt er, "man muss es wollen".

Und gewollt hat der aktuelle Koalitionspartner der Sozialdemokraten den Klenzesteg noch nie so recht. Schon 2009 hat die CSU dagegen gestimmt, einen Klenzesteg-Wettbewerb auszuloben. Auch heute findet Hans Theiss (CSU) die "Isar grundsätzlich schützenswert". Deswegen solle zunächst der verkehrliche Nutzen geklärt werden. Dann müsse man schauen, ob der einen Eingriff in den Isarraum rechtfertigt. Denn für "eine nette Spielerei", wie er sagt, "ist der Isarraum zu schön". Er wünsche sich prinzipiell zwar "mehr Mut bei der Architektur", aber doch lieber nicht an dieser Stelle.

Der Isarvorstädter BA-Chef Andreas Klose jedenfalls wird davon kaum überrascht sein. Er will momentan ohnehin keine Dringlichkeitsanträge stellen, um den baldigen Bau des Stegs einzufordern. "Damit warten wir lieber die nächste Kommunalwahl ab." Vielleicht gibt es ja dann wieder eine andere Koalition im Münchner Rathaus.