Ein Lichtkreis, darin ein Flügel und ein einzelner Ton: E. Oder e. Aus Stücken in E-Dur und e-Moll hat Víkingur Ólafsson das Programm gefügt, das vor gut zwei Wochen auf CD erschienen ist und das er nun live in der Isarphilharmonie spielt. Gewichtiges ist darunter mit dem Ruch musikalischer Heiligkeit: Bachs letzte Partita BWV 830, Beethovens späte Opera 90 und 109, dazwischen eingeklemmt Schuberts frühe e-Moll-Sonate D 566.
Als Synästhetiker sieht Ólafsson bei E grün. Und war zudem auf der Suche nach einer Entsprechung zur Kreisform von Bachs Goldberg-Variationen, mit denen er zuvor ein Jahr getourt ist. Also gehen Bach, Beethoven, Schubert nahtlos ineinander über, ohne jede Konzert- oder Atempause. Aber mit einer Fülle an Details, minutiös ausgearbeitet und scharf gegeneinander geschnitten. Sie entstehen aus den Kontrasten, mit denen Ólafsson arbeitet, oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig: in extremen Tempowechseln, zwischen Staccato und Legato, Stimmen, bei denen er oft eine herausleuchtet, während andere im Schatten murmeln.
Zu erleben sind immer neue, oft ungewohnte Farbmischungen zwischen beiden Händen und Pedal – und die Frage, was das Ganze eigentlich soll, dieser 80-minütige Kreis aus Bach, Beethoven, Schubert. Ein live geschaltetes Spotify, bei dem eins ins andere strömt, für Nicht-Experten kaum unterscheidbar? Ein Gottesdienst für Großkomponisten, die, wie dereinst bei der großen Auferstehung, im All-Einen kreisen, aller Epochen- und Formenunterschiede verlustig?
Synästhetiker mögen innerlich im Grünen schwimmen, andere werden zwischendurch unweigerlich kurz einnicken. Oder abhusten, vorzugsweise und ausgerechnet im letzten Satz von Beethovens Opus 109. Weil Ólafsson davor die Hände vom Flügel hebt, für eine einzige, pathetische Pause, ein Ausrufezeichen: Spotify ist offline! Um danach zu einer mündlichen Erklärung anzuheben, minutenlang auf Englisch, wie all das zusammenhängt. Schlauer wird man daraus nicht unbedingt.

