Kurzkritik:Struktur und Eleganz

Die hellwache Susanna Mälkki dirigiert die Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie. Ein Abend mit einer Musik, die aufs Wesentliche konzentriert ist.

Von Harald Eggebrecht

Ein Programm höchst unterschiedlicher Klangwelten boten die Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie unter der kundigen, regiesicheren und hellwachen Leitung von Susanna Mälkki. Die Stücke erschienen in ihrer Eigenart auch wie Physiognomien ihrer Schöpfer. Es begann mit Anton Weberns sechs Orchesterstücken op. 6: Düsternis und feinster Klangsinn, Andeutung und Klage in kürzester Form, orchestrale Fülle auf knappstem Raum und die Erkundung von Piano- und Pianissimoregionen. Weberns Musik gibt auf einzigartige Weise Antwort auf Sergiu Celibidaches Fangfrage: "Was ist länger, ein Bruckner-Adagio oder ein Chopin-Nocturne?" Mit äußerlich gemessener Kürze oder Länge lässt sich Musik nicht fassen, sondern wie sie im Entstehen erlebt wird, begründet Wirkung und Nachwirkung. Susanna Mälkki "bewegte" das große Orchester so elegant wie strukturierend: Musik, aufs Wesentliche konzentriert.

Dagegen die hellen, geschmeidig beredten Klanggefilde des Oboen-Konzerts von Richard Strauss, 1945 geschrieben gleichsam als Ausweg aus tiefer Depressivität. Andrey Godik, Solo-Oboist der Philharmoniker, spielte das so anregend und alle ansprechend, dass das Publikum ihn begeistert feierte. Wie Godik Virtuoses fast beiläufig bot, stets auf Gesanglichkeit und weitbogige Phrasierung bedacht war, wie er farbenreich und sehnsuchstvoll das Melodiöse beschwor im Zusammenspiel mit Orchester und Dirigentin - es war reines Vergnügen. Er dankte, inständig musiziert, mit Händels Klage "Lascia ch'io pianga", dabei an den Krieg in der Ukraine mahnend.

Danach entfaltete Susanna Mälkki mit Maß und Feuer, nie lärmend Jean Sibelius' "Lemminkäinen-Legenden". Die vier Stücke erzählen vom Helden Lemminkäinen und seinen Abenteuern, ohne deshalb nur Programm-Musik zu sein. Sie erzählen nämlich vor allem von Sibelius' unvergleichlich dunklen Klangfarbenmischungen, von der brennenden Nervosität und Mitteilungsdringlichkeit eines jungen Komponisten, von magischen Klanglandschaften und wildem Orchesteraufbrausen und einer vitalen Lust am Klangerfinden. Riesenbeifall für eine gelungene Inszenierung dieser durchaus theatralischen, wunderbar eigentümlichen Musik.

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