Isarphilharmonie:"Ich kann den Applaus schon spüren"

Baustelle Gasteig- Isarphilharmonie

Hoch oben auf der Galerie der künftigen Isarphilharmonie steht Daniel Müller-Schott und blickt runter zur Bühne, auf der er bald spielen wird.

(Foto: Catherina Hess)

Was hält ein Spitzenmusiker von der werdenden Isarphilharmonie? Daniel Müller-Schott ist einer der größten Cellisten dieser Zeit. Sein erster Eindruck von Münchens wichtigster Kulturbaustelle.

Von Susanne Hermanski

Rhythmisches Hämmern, Schleifen, singende Sägen. Noch hallt die übliche Lärm-Kakophonie durch den Raum, aber die Baustelle ist schon weit fortgeschritten. Unter knisternden Schutzhüllen warten die Sessel auf ihre allabendlich wechselnden Besitzer. Die Bühne mit ihren raffiniert versenkbaren Stufenpodesten hebt sich in lichtem kanadischen Ahorn ab von dem fast schwarz gebeizten Holz des übrigens Raums. "Überwältigend", sagt Daniel Müller-Schott. "Ich kann den Applaus schon spüren." Der Cellist nimmt für einen Moment den gelben Plastikhelm ab, auf dem "Der Neue Gasteig" steht.

Daniel Müller-Schott kennt die großen Konzertsäle von Sydney bis Berlin, von Tokio, Moskau, New York, Los Angeles, Bogotá bis Paris. Zu der Baustellen-Tour mit Max Wagner, dem Gasteig-Chef, ist er auf dem Fahrrad gekommen, auf dem Gepäckträger den Kindersitz. Eindeutig zu klein für sein Cello, das "Ex Shapiro", das Matteo Goffriller 1727 in Venedig gefertigt hat.

Baustelle Gasteig- Isarphilharmonie

Reichlich Schutz: die Helme für Bauarbeiter und Besucher tragen die Aufschrift "Der Neue Gasteig".

(Foto: Catherina Hess)

Zum Glück im Unglück der Pandemie gehört, dass der 44-Jährige in der Folge von zwei abgesagten Asien- und Amerika-Tourneen in dieser Saison einmal Zeit hat für Momente wie diesen. Auf einer anderen Konzerthaus-Baustelle war er noch nie. Aber er wagt eine Prognose aus dem Bauch heraus. "Hier entsteht etwas ganz ganz Großes". Und damit meint er nicht das Raumvolumen. "Der Raum hat jetzt schon eine tolle Atmosphäre. Für mich ist das Wichtigste, wenn ich auf der Bühne bin, diese Konzentration zu haben, den Fokus auf die Musik, und gleichzeitig die Verbindung zu all den Menschen zu spüren, die zuhören. Ich habe den Eindruck, das kann hier besonders gut gelingen."

Die Distanzen von der Bühne aus zu den Plätzen bis in die hintersten Reihen erschienen ihm kurz, die Plätze hinter der Bühne ebenfalls sehr gut angebunden. Im Weinberg der Elbphilharmonie habe er als Musiker immer den Eindruck: "Das verläuft sich alles um mich herum irgendwie." Obwohl er die Akustik der Elphi durchaus schätze, "für ihre Klarheit, da hört man im Publikum jede Orchesterstimme ganz eindeutig durch". Konzipiert hat die Akustik unterdessen auch für die "Iphie" derselbe Mann, der Japaner Yasuhisa Toyota. "Darüber kann man im Moment freilich nur spekulieren", sagt Müller-Schott. "Aber ich glaube, dass die Akustik eine bestimmte Wärme haben wird, auf die ich auch hoffe. Denn viele moderne Säle lassen die im Vergleich zu den alten vermissen, dem Concertgebouw oder dem Musikverein in Wien etwa." Das viele verbaute Holz und die Form des Saals versprächen ein gewisse "Intimität". Müller-Schott sucht das Zentrum der Bühne - ein Techniker mit einem feschen T-Shirt der Firma "Bühnenbau Wertheim" wirbelt um ihn mit dem Akkuschrauber.

Isarphilharmonie: In der Waldeinsamkeit: Daniel Müller-Schott mit seinem Ex-Shapiro-Cello aus dem Jahr 1727.

In der Waldeinsamkeit: Daniel Müller-Schott mit seinem Ex-Shapiro-Cello aus dem Jahr 1727.

(Foto: Uwe Ahrens)

"Dass die Bühne nicht so hoch ist wie zum Beispiel im Herkulessaal, wo der Klang über die ersten Reihen regelrecht hinweggeht, dürfte auch hilfreich sein." Er schaut auf 1900 Plätze, die der Raum fasst. "Sehr kompakt erscheint mir das. Das Sydney Opera House sieht von außen ja wirklich spektakulär aus, aber im Inneren ist es viel zu groß, da musste man mit allen möglichen Tricks der Akustiker nachhelfen", erzählt er. "Hier wirken sogar die leeren Stühle auf mich gemütlich." Das Gesamtbild passe ideal zu dem Ort, für den es bestimmt ist: "Es steht für die Herzlichkeit der Stadt."

Und ein bisschen steht es wohl auch für die guten finanziellen Möglichkeiten Münchens und die Wertschätzung, die es seinen Philharmonikern entgegen bringt. Das Orchester soll hier für mindestens sieben Jahre eine Heimstatt finden. Rund 40 Millionen Euro kostet diese Interimsphilharmonie, in die aber auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und private Konzertveranstaltungen mit umziehen. Nach dem Wunsch der Politik soll sie auch dann noch stehen bleiben, wenn der Gasteig in der Innenstadt wieder bezugsbereit ist. Die 40 Millionen sind mehr als die Hälfte der Kosten für die gesamte Planung und den Bau des Ausweichquartiers HP8 in der Sendlinger Hans-Preisinger-Straße, die mit rund 70 Millionen berechnet sind.

Baustelle Gasteig- Isarphilharmonie

Die historische Backstein-Halle bildet das Foyer der Isarphilharmonie. Die beiden Gebäude sind - aus dieser Perspektive unsichtbar - durch zwei Himmelsleitern miteinander verbunden.

(Foto: Catherina Hess)

Auch in der historischen "Halle E", dem Backsteinbau, der das Foyer zur Isarphilharmonie bilden wird, schreiten die Arbeiten deutlich voran. Das gewaltige Gerüst, das für die Reparatur des Glasdachs aufgestellt worden war, ist gewichen. Unten werden schon die Tresen für die Bar und die allzeit geöffnete Bibliothek abgezirkelt. Und Daniel Müller-Schott macht sich wieder auf den Weg zu seinem Fahrrad. Der führt ihn vorbei am Interimsbau der Musikhochschule, der ebenfalls täglich weiter wächst. Bis Schott wieder kommt, um sein erstes Konzert hier auf dem Gelände zu spielen, wird auch der bezogen sein.

© SZ/chj/blö
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