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Interview mit Sönke Wortmann:Die Deutschen sind ja gar nicht so nörgelig

Sönke Wortmann verteidigt seinen Film "Deutschland. Dein Selbstporträt". Dass dieser nur aus Amateuraufnahmen meist gut gelaunter Menschen besteht, sei keine Schönfärberei. "Kein Schauspieler" würde das so hinbekommen.

Von Bernhard Blöchl

Sönke Wortmann hat bei seiner Arbeit an dem Filmprojekt "Deutschland. Dein Selbstporträt" einiges über seine Mitbürger gelernt. Vor allem ist der Regisseur, 56, überrascht darüber, dass viele Menschen erkannt hätten, wie gut es ihnen geht. "Ich hatte die Deutschen immer so in Erinnerung, dass sie doch eher nörgelig sind und nie zufrieden mit dem, was ist und was sie haben", sagt Wortmann im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Dieser Grad der Zufriedenheit hat mich erstaunt und gefreut."

Die ungewöhnliche Produktion, die auf dem Filmfest München uraufgeführt wurde und am 14. Juli in den Kinos anläuft, ist eine Kompilation aus Hunderten Amateuraufnahmen. Jedermann war aufgerufen, sich selbst am 20. Juni 2015 zu filmen. Aus mehr als 10 000 Einsendungen haben Wortmann und der Cutter Ueli Christen ein filmisches Panoptikum mit etwa 2000 Mitwirkenden gemacht.

Das Werk ist ein Festival der Selfies, eine schlaglichtartige Momentaufnahme aus Deutschland, die vereinzelte Schicksale, aber größtenteils gut gelaunte Menschen zeigt. Den Vorwurf, der Zusammenschnitt sei schöngefärbt, weist Wortmann zurück. "Wir wollten keine positive Botschaft senden, sondern einen Querschnitt zeigen. Und in dem Querschnitt kommen auch kritische Stimmen vor."

Begeistert zeigte sich Sönke Wortmann von der guten Qualität der Beiträge und der Authentizität. "Kein Schauspieler würde diese Wahrhaftigkeit hinbekommen", schwärmte er und würdigte das Engagement seines Kollegen, mit dem er schon lange zusammenarbeitet: "Ich finde, man kann den Film gut finden oder nicht, das ist ja immer Geschmackssache. Aber er ist grandios geschnitten. Und wenn im nächsten Jahr deutsche Filmpreise verteilt werden und Ueli Christen nicht mal nominiert wäre, dann wäre ich echt sauer."

Wortmann, der mit Christen einst an der HFF München studierte und mit "Kleine Haie" oder "Der bewegte Mann" frühe Hits landete, gilt seit ein paar Jahren als "Volksregisseur". Populäre Stoffe wie "Das Wunder von Bern" oder "Deutschland. Ein Sommermärchen" haben den Ruf untermauert. Zuletzt war von ihm die Komödie "Frau Müller ist weg!" im Kino zu sehen, derzeit verfilmt Sönke Wortmann Frank Goosens Roman "Sommerfest".

© SZ.de/sim
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