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Interview:Feiern fürs Volk

Das Backstage amüsiert und politisiert "Free & Easy"´.

Von Jochen Temsch

Soziales Backstage: Erst gibt es die Mass Bier zum Kampfpreis von 1,99 Euro, dann auch noch Kultur für lau. Von diesem Sonntag an bis 7. September veranstaltet der von Existenzsorgen geplagte Club an der Friedenheimer Brücke sein "Free & Easy"-Festival: zwei Wochen lang Konzerte, Filme und Parties bei freiem Eintritt. Neu in diesem Jahr ist die Diskussionsreihe "Free Easy Politics".

Dabei geht es zum Beispiel um Globalisierung, Asyl und am 30. August - dem von der Grünen Jugend ausgerufenen "1. Münchner Hanftag" - um die Legalisierung von Cannabis. Hans Georg Stocker ist der Betreiber des Clubs.

SZ: Wird das Backstage jetzt die Volkshochschule der Szene? Stocker: Ich würde eher sagen, das waren wir schon immer. Im Ernst: Grundsätzlich wollen wir mit "Free & Easy" konzentriert rüberbringen, was wir das ganze Jahr über machen oder besser: machen wollen. Leider waren wir ja die vergangenen Jahre viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt, was die inhaltliche Arbeit gelähmt hat.

SZ: Wie ist der Stand der Dinge? Stocker: Wir debattieren mit der Stadt und der Bahn-Tochter Aurelis um eine Mietvertragsverlängerung. Wir haben noch immer keinen endgültigen Standort für das Backstage. Wir müssen unsere Veranstaltungen bis April 2005 einstellen, bis 30. Juni weg sein. Es gibt noch nicht einmal eine endgültige Baufreigabe, weshalb wir überhaupt nur hoffen können, dass das Festival auch wirklich stattfinden darf. Komisch finde ich schon, dass es ausgerechnet immer vor so einer großen Veranstaltung Spielchen mit uns gibt und wir uns einer Willkür ausgesetzt fühlen müssen.

SZ: Eine der "Politics"-Runden behandelt das Thema "Staatliche Repression gegen politisches Engagement". Erkennen Sie sich darin wieder? Stocker: Ich weiß nicht, ob wir Probleme haben, weil wir politisch den Mund aufmachen. Wir machen das Backstage aus einem sozio-kulturellen Ansatz heraus. Wir stellen den Club gesellschaftlich engagierten Gruppen zur Verfügung. Die Jugend ist nicht unpolitisch, es ist nur die Frage, mit welchen Formen man sie erreicht.Wir wollen eine Nische schaffen für Leute, die es nicht so leicht haben in München, und dazu gehört auch eine bestimmte Form von politischer Auseinandersetzung, auch mit extremeren Meinungen und provokativen Gedanken.

SZ: Zum Beispiel über Hanf-Freigabe. Stocker: Dazu kann ich voll stehen. Es geht ja nicht nur ums Kiffen, sondern um die Nutzpflanze. Das Verbot von Cannabis hat eine Geschichte: Die Industrie ist daran interessiert, die Entwicklung von bestimmten Fasern und Textilien zu unterdrücken. Natürlich dulden wir keinen illegalen Drogenkonsum im Club. Aber das gesetzliche Verbot ist auch heuchlerisch: Alle können sich bis zum Umfallen besaufen.

SZ: Im Backstage neuerdings für 1,99 Euro die Mass. Stocker: Die jetzt zu Ende gehende "Biergarten-Revolution" war ja kein Massenbesäufnis. Wir haben ein Musik-, Grill- und Filmprogramm geboten. Das Publikum war total gemischt: Sogar Rentner sind gekommen und haben sich Hip-Hop angehört. Hinter der Sache steckte der Protest gegen das drohende Clubsterben, weil sich durch den teuren Euro und die Habgier Einzelner keiner mehr das große Ausgehen leisten kann. Stattdessen feiern alle in den Parks und Isarauen, was ökologisch nicht so toll ist. Außerdem haben wir die Münchner Tradition gepflegt: Der Biergarten war schon immer etwas fürs Volk.

SZ: Trinken für den Sozialismus? Stocker: Wir gelten immer als linker Laden. Was immer das sein soll, es stimmt mitnichten. Das Backstage versucht ein offener Club zu sein, für ein möglichst unterschiedliches Publikum. Sicher kommt ein Großteil aus der alternativen linken Szene. Wir wollen Heimat sein für Gruppen, die Subkultur und Minderheit sind. Aber wir haben unter den Stammgästen auch überzeugte Junge-Union-Mitglieder. So soll es auch sein.

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