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Interreligiöser Dialog:Glaube und Gewalt

Theologische Vorlesungsreihe an der Universität

Eines schickt Wolfgang Palaver vorweg: Den schwarzen Peter verdiene die Religion nicht, sagt der Professor für systematische Theologie an der Universität Innsbruck. Gewalt würde es auch geben, wenn es keinen Gottesglauben auf der Welt gäbe. Der Mensch habe einfach eine Disposition zur Gewalt, "das gilt für jeden von uns, auch für Theologen". Religion sei nicht die Wurzel der Gewalt. Aber dass beides nichts miteinander zu tun hätte, so einfach sei es nun auch wieder nicht. Genau darüber spricht Palaver am kommenden Montagabend in München.

Sein Vortrag ist der Auftakt zu einer dreiteiligen Vorlesungsreihe über "Religion und Gewalt" an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Die Uni will damit den interreligiösen Dialog pflegen. Vergleichbare Reihen soll es künftig jedes Jahr geben. Sie ist nur eine Initiative unter vielen, der interreligiöse Dialog nimmt in München derzeit Fahrt auf. Da ist nicht nur der "Rat der Religionen", in dem sich Vertreter von Christen, Muslimen, Juden, Aleviten und Buddhisten zusammengeschlossen haben, wie in anderen Städten auch. Sondern es wirken auch Initiativen wie das 2015 gegründete "Münchner Lehrhaus der Religionen", das mit Seminaren zu religiösen Alltagsthemen wie Essen oder Familie Berührungsängste abbauen will. Geplant ist ein "Haus der Kulturen und Religionen", in dem junge Menschen leben, lernen und miteinander feiern können sollen.

Längst etabliert sind in der Stadt auch Vereine wie die "Freunde Abrahams", die seit 2001 die gemeinsamen Wurzeln von Juden, Christen und Muslimen erforschen und im vergangenen Jahr mit dem Bürgerpreis des bayerischen Landtags ausgezeichnet wurden. Hauptpreisträger war die ebenfalls in München ansässige Eugen-Biser-Stiftung, die seit 2002 den "Dialog aus christlichem Ursprung" vorantreibt. Die Stiftung arbeitet besonders mit Schulen; ihr "Lexikon des Dialogs", das christliche und muslimische Experten erarbeitet haben, ist zum Standardwerk geworden. Auch an der LMU habe der interreligiöse Dialog Tradition, sagt Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der katholisch-theologischen Fakultät. Das Fächerspektrum ist breit, mit zwei christlich-theologischen Fakultäten, einer orthodoxen Lehreinheit und einem Institut für den Nahen und Mittleren Osten gebe es viele Anknüpfungspunkte, schwärmt Vogt. Es habe auch einmal Überlegungen gegeben, einen Zertifikatsstudiengang zum interreligiösen Dialog ins Leben zu rufen.

Vogt hat die Reihe zu "Religion und Gewalt" organisiert, gemeinsam mit dem Lehrstuhl des katholischen Fundamentaltheologen Armin Kreiner und der Eugen-Biser-Stiftung. Es gebe zunehmend religiös aufgeladene Konflikte, sagt er. Die Theologen hätten eine Bringschuld. "Es ist wichtig, aus dem apologetischen Duktus herauszukommen." Aber man dürfe nicht übersehen: Religion könne auch zur Verständigung beitragen. Wolle man die Bibel in nur einem Wort zusammenfassen, dann schlage er dafür vor: "Frieden".

Gewalt und Frieden: Von dieser doppelten Rolle der Religion spricht auch Wolfgang Palaver, nur werde die eine Seite von Extremisten ausgeblendet. Der Theologe wird am Montag von 18.15 Uhr an im Hauptgebäude der LMU den Bogen spannen von urtümlichen Religionen bis hin zu dem Gewaltpotenzial, das die Bibel mit geschaffen habe; zu der Idee legitimer Gewalt, mit der sich Verfolgte gegen ihre Verfolger wehren dürfen. Diese Idee hat Konjunktur. Heutige Terroristen würden sich stets als die eigentlichen Opfer bezeichnen, um ihre Gewalt zu rechtfertigen, sagt Palaver. Dass die Bibel aber auch Vergebung fordere, dass Gott im Koran vor allem der Barmherzige ist, das werde missachtet, die Religion dabei im Grunde zerrissen. Auch deshalb sei es wichtig, die Traditionen der anderen kennenzulernen.

© SZ vom 04.05.2018
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