Süddeutsche Zeitung

Kinderliteratur:Sprung in unbekannte Welten

Die Internationale Jugendbibliothek empfiehlt arabischsprachige Kinderbücher - Abschluss und Bilanz eines dreijährigen Pionierprojekts.

Von Barbara Hordych, München

Das Problemfeld ist schnell umrissen: Die Flüchtlingswelle von 2015, in deren Zuge verstärkt Menschen etwa aus Syrien, dem Irak und nordafrikanischen Ländern nach Deutschland kamen, warf für Bibliotheken, für Pädagogen und Pädagoginnen sowie Literaturvermittler jeder Art die Frage auf: Welche arabischsprachigen Kinderbücher sollten sie für ihre Einrichtungen anschaffen, auf welche Lektüre sollten sie zugreifen? "Die Ratlosigkeit war groß, die Bibliotheken hatten ja keine Ahnung, was sie sich in die Regale stellen könnten", sagt Jochen Weber, Cheflektor in der Internationalen Jugendbibliothek. Mit welcher Lektüre sollte man gerade die jungen Leser und Leserinnen versorgen? Um hier Orientierungshilfe zu geben, initiierte die Internationale Jugendbibliothek 2017 ein von der Landeshauptstadt München gefördertes Pionierprojekt mit dem Ziel, einen Einblick in die Kinderliteratur arabischsprachiger Länder zu geben und Bücher zu empfehlen.

Als Mitarbeiter des Projekts gewann die IJB dafür den in München ansässigen, promovierten syrischen Orientalisten und Kulturhistoriker Azad Hamoto. Er sichtete über mehrere Jahre hinweg aktuelle Titel aus Verlagsprogrammen der arabischen Welt: Nach den 2018 und 2019 erschienenen Empfehlungsbroschüren liegt nun die dritte und abschließende Publikation des Projekts vor, in der erneut 40 Kinder- und Jugendbücher aus Ägypten, Libanon, Marokko, den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren Ländern vorgestellt werden. Die Kriterien, nach denen Hamoto und Weber ihre Auswahl zusammenstellten, ähneln zunächst einmal denjenigen, die normalerweise an die Qualität von Kinderbüchern angelegt werden. "Ich habe beim Text Sprache und Inhalt begutachtet, bei der Bildgestaltung sollten die Illustrationen selbstverständlich ein hohes Niveau haben", sagt Hamoto bei einem gemeinsamen Treffen mit Jochen Weber in der IJB in Schloss Blutenburg, das an diesem Septembertag verwunschen im Spätsommerlicht liegt. So weit, so erwartbar. Doch dann verweist Hamoto auf ein Kriterium, das für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich klingt: "Die Bücher sollten keine religiöse Einweisung darstellen, keine Einführung in den islamischen Glauben enthalten", sagt Hamoto. Tatsächlich fielen damit rund 60 Prozent der begutachteten arabischsprachigen Kinderbuchliteratur durch das Raster.

Oft geht es in den Büchern um universelle Träume

Was hatte indes vor seinen Augen Bestand? Grundsätzlich ließen sich die ausgewählten Bücher in zwei Kategorien aufteilen, erklärt Hamoto: Die einen behandelten universelle Träume, Fantasien und Gefühle, erzählten von Trennung in der Familie, Freude und Verlust, "sie könnten eigentlich überall auf der Welt entstanden sein und können genau so auch überall verstanden werden", so Hamoto. Das Bilderbuch des Kuwaiters Hussain Almutawaa "Mein Traum ist es, ein Zementmischer zu werden" erzähle beispielsweise von dem dringenden Wunsch, sich neu zu erfinden. Hier in der Gestalt einer Abrissbirne, die anders als ihre Kollegen Planierraupe und Schaufelbagger davon träumt, eine Betonmischmaschine zu werden, weil sie lieber Gebäude bauen will, anstatt sie plattzumachen.

Weiter gäbe es die Bücher, mit deren Hilfe man einen Ausflug in den jeweiligen Kulturraum unternehmen könne. Herausragend seien beispielsweise die exzellenten Sachbilderbücher der in Beirut geborenen Fatima Sharafeddine, die zu den bekanntesten arabischsprachigen Kinderbuchautorinnen gehört. Sie war als Universitätsdozentin in den USA tätig und lebt seit 2001 in Brüssel. Von ihr finden sich gleich fünf Bände in den Empfehlungslisten. Sie schildern das Leben und Wirken des Schifffahrtkundlers "Ibn Majed" im 15. Jahrhundert. Oder erzählen von "Ibn Sina", dem legendären persischen Universalgelehrten des 11. Jahrhunderts, der als Arzt und Denker in der westlichen Welt unter dem Namen Avicenna bekannt wurde, "das Vorbild für Noah Gordons Roman ,Der Medicus'", sagt Hamoto.

Spannende Einblicke bieten die 120 Buchempfehlungen - doch auf sie zuzugreifen, ist nicht so einfach. "Alle Empfehlungen gibt es zwar bei uns in der Stadtbibliothek, darüber hinaus ist es aber mit den Bestellungen nicht so einfach", erklärt Weber. "Es ist nicht wie bei uns, dass ich an einem Tag in die Buchhandlung gehen, ein Buch bestellen und es am nächsten Tag abholen kann", sagt er. Die Vertriebswege seien kompliziert, langwierig und dadurch leider auch teuer. Hamoto, der viele Bücher durch persönliche Kontakte mit Autoren und Kleinverlagen bekam, erzählt, dass gegenwärtig Beirut die Drehscheibe für den arabischsprachigen Raum sei. "Da gibt es zwei, drei Plattformen, die man mit Amazon vergleichen kann; in der Pandemie kam dann aber erschwerend dazu, dass viele Verkehrswege stilllagen."

Eine weitere Hürde ist natürlich die Sprache. Denn die empfohlenen Bücher sind bislang bis auf eine Ausnahme nicht auf Deutsch erschienen. Was Weber und Hamoto sehr bedauern. Eigentlich war es beider Hoffnung, die deutschsprachigen Verlage zu Übersetzungen anzuregen. "Interesse war zwar da, aber dann entschieden die Verlage sich doch dafür, lieber die Kinderbücher der eigenen Autoren ins Arabische übersetzen zu lassen. Leider ist es bis heute eine Einbahnstraße geblieben", sagt Weber. Auch wenn die Zusammenarbeit nun nach drei Jahren beendet ist, sind die beiden noch gemeinsam zu erleben: Wichtige Trends der arabischsprachigen Kinderliteratur präsentieren sie anhand ausgewählter Titel aus allen drei Empfehlungsbroschüren in einem Video, das auf der Homepage unter https://www.ijb.de/publikationen/single/arabischsprachige-kinderbuecher-2021 zu finden ist.

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