Überall auf der Welt prägen Flüsse die Landschaft, die sie durchfließen; sie markieren Grenzen zwischen Ländern, sind Teil von Mythen und Legenden sowie eine Metapher für den Lauf des Lebens schlechthin. Dieser Themenfülle ist die neue Ausstellung „Am großen Strom“ in der Internationalen Jugendbibliothek gewidmet. Die gezeigten Illustrationen entstammen Bilderbüchern aus den vergangenen 15 Jahren, es sind eindrucksvolle Impressionen aus Australien, Belgien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Georgien, Japan, Indien, Italien, Kolumbien, Korea, Nordmazedonien, Portugal, Schweden, Schweiz, Singapur, Slowakei, Spanien, Taiwan, den USA und Vietnam.
Im Foyer befindet man sich zunächst in vertrauten Gefilden. An den Wänden hängen Illustrationen von heimischen Gewässern mit hiesigen Fischarten. Sie gehören zu Thomas Müllers Panoramabilderbuch „Eine Flusswanderung“, lenken den Blick einen Flusslauf entlang, versammeln Libelle, Eisvogel und Fischotter, Sumpfdotterblume, Silberweide und Mädesüß. In der Mitte des Raums lädt ein Ruderboot nebst Angeln mit Haken dazu ein, sich bunte Fische zu schnappen – sozusagen eine XXL-Version des Angelspielklassikers.
Im Treppenaufgang zur Wehrgang-Galerie wird es fantastischer: Da erzählt die argentinische Autorin und Illustratorin Anabella López die Geschichte eines Mannes, der sich so sehr in die fadenartigen Arme eines Flusses verliebt, dass er ihn in eine Kiste sperrt. „Die Bilder des eingezwängten Flusses in der dunklen Kiste haben wir weggelassen, sie wären in dieser Größe zu erschreckend für die Kinder gewesen“, erklärt die Kuratorin Katja Wiebe bei einer Führung. Die gute Nachricht aber: Am Ende von „Der Mann, der Fluss und die Kiste“ entrinnt der Fluss seinem Gefängnis und gelangt in die Freiheit.

Wie schön ein solcher Fluss sich ohne Kiste schlängeln kann, veranschaulichen die Illustrationen im Wehrgang. In dem slowakischen Bilderbuch „Donau – ein magischer Fluss“ erzählt ein Hausen, der größte Fisch in der Donau, von seiner Reise, die ihn durch zehn verschiedene Länder führt. In dem Buch von Michal Hvorecký, das Simona Smatana stimmungsvoll und plakativ illustriert hat, erweist sich die Donau als ein lebendiger Ort: „Jedes Mal, wenn ich den Fluss hinauf- oder hinabschwimme, entdecke ich etwas Neues“, sagt der Hausen. Und kommt auf seiner Reise vom Schwarzwald bis ins Schwarze Meer zum Schluss: „Ich schwimme nie zweimal im selben Fluss.“ Das Kindersachbuch ist auch ein Plädoyer für den Erhalt der Artenvielfalt: Der Hausen kann bis zu fünf Meter Länge erreichen und wurde 2025 als „Fisch des Jahres“ ausgezeichnet. Höchste Zeit, ist doch der sympathische Held dieses Kindersachbuchs vom Aussterben bedroht.

Im Ausstellungsturm dann laden die Bilder aus dem wunderbaren Atlanten-Buch des belgischen Kinderbuchautors und Illustrators Peter Goes zum Festlesen ein: Themse, Elbe, Rhein, Donau, Amazonas, Ganges, Tigris, Nil und Kongo bieten für jüngere Kinder eine Wimmelbuchartige Reise durch alle Kontinente; ältere Kinder entdecken vielfältigste Informationen zu Geografie, Geschichte, Flora und Fauna. Dazu präsentiert Goes die Kulturgeschichte erfreulich wenig zweckorientiert: Da tanzen langhaarige Wassernymphen über die Wellen, in einer Flaschenpost im Persischen Golf wartet ein Teufelchen auf seine Befreiung, und warum die Erde bebt, das erklärt ein japanischer Mythos: Weil der Gott Kashima zuweilen mit dem Riesenwels Namazu ringt, der heftig mit den Flossen schlägt.

Seit jeher bestand eine enge Beziehung zwischen Flüssen und Menschen. Sie baden darin, campieren an seinen Ufern, nutzen ihn als Nahrungsquelle oder Transportweg. Und verbinden ihr eigenes Wachsen auf poetische Weise mit ihm. Bei der portugiesischen Illustratorin Yolanda Mosquera schimmert das Flusswasser in den verschiedensten Farben von Blau über Grün bis zu Braun und Weiß. Sie hat die Kindheitserinnerungen des Literaturnobelpreisträgers José Saramago in dem Bilderbuch „Die Stille des Wassers“ gezeichnet. „Ich glaube nicht, dass es eine tiefere Stille auf der Welt gibt als die Stille des Wassers. Ich habe sie damals gespürt und nie vergessen“, beginnt Saramago seine Geschichte. Sie handelt von einem Jungen, der am Ufer eines Flusses nahe dem Bauernhof seiner Großeltern im Begriff ist, einen großen Fisch zu fangen. In dem Moment, als er seine Beute, den Barben, verliert, erwacht in ihm die Erkenntnis der Verbundenheit aller Dinge.
Auch die schwedische Kinderbuchautorin und Illustratorin Sara Lundberg erzählt in „Niemand außer mir“ eine poetische Kindheitsgeschichte. Sie zeigt einen kleinen Jungen, der sich in seinem orangefarbenen Schlauchboot ganz allein auf das Wasser wagt. Der Steg und seine Mutter sind beinahe außer Sichtweite, über ihm wölbt sich der Wald als grüner Dschungel, drei Sirenengesichter blicken aus den Baumkronen auf ihn herab. „Mama, weißt du was?“ wird er am Ende seiner fantastischen Reise durch Traum und Wirklichkeit sagen. „Ich bin um die Erde gefahren.“ Eine wunderbare Sommergeschichte vom Aufbrechen, Wachsen und Heimkehren.

Allerdings gehört zur heutigen Realität, dass für viele Flüsse die Idee des beschaulich mäandernden Bandes längst nicht mehr stimmig ist. Weil seine Wasserkraft ein wichtiger Energielieferant ist, wird der Fluss vom Mensch gestaut, überbaut oder begradigt. Die Bilderbücher des französischen Illustrators Nicolas Michel, von Max Velthuijs aus den Niederlanden sowie von Zhuang Yongting aus Taiwan machen deutlich, wie monströse Staudämme das ökologische Gleichgewicht eines Flusses stören.
Häufig ist das Ökosystem Fluss auch durch Verschmutzung bedroht: Etwa wenn die Menschen ihr Abwasser in den Fluss ableiten, wie Peixiu Chen aus Taiwan und Myung-Ae Lee aus Korea in ihren Bilderbüchern zeigen. Was man dagegen unternehmen kann, erzählt Sarah Ang in ihrem Bildersachbuch „The river that brings us life“ über die Maßnahmen zur Reinigung des Singapore Fluss nach jahrzehntelanger Vermüllung.
Am Ende mündet der Wehrgang in einen Raum, in dem Exemplare der erwähnten Bücher ausliegen. In einer Vitrine an der Wand sind Leporellos zu besichtigen. Diese „Ziehharmonikahefte“ sind bestens geeignet, Flussläufe abzubilden und davon zu erzählen, was an ihren Ufern oder auf dem Wasser geschieht. „Ich erfuhr von meinen Kollegen, die Ostasien betreuen, dass eines der berühmtesten Gemälde aus China ‚Entlang des Flusses während des Qingming-Festes’ ist“, erzählt Wiebe. Es befindet sich auf einer mehr als fünf Meter langen Papierrolle und wurde vor fast 1000 Jahren gezeichnet. Viele Künstlerinnen und Künstler hätten es seitdem nachgeahmt, sagt Wiebe, so auch die Illustratorin Yu Rong. In ihrer Version der „Qingming-Rolle“ läuft ein Junge entlang des Flusses einer Glück bringenden Elster hinterher – und durchquert dabei das gesamte Bild.
Am großen Strom, bis 26. September, Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg

