Die Zeit vergeht, im wahren Leben wie im Kino. Filmfans sehen das vielleicht schon morgens im Spiegel, ganz sicher aber abends auf der Leinwand: Filme spiegeln oft den Moment ihres Entstehens, sie sind Zeugnisse des Zeitgeists. Durfte in Hollywood-Hits früher tatsächlich noch geraucht werden? War Til Schweiger einmal Deutschlands größter Filmstar? Und warum gibt es die „American Independents“ beim Filmfest München nicht mehr? Bis 2012 liefen in dieser Reihe unabhängig produzierte Filme aus Amerika, die findige Ulla Rapp holte die Debüts von Steven Soderbergh, Richard Linklater oder einem Jungspund namens Quentin Tarantino nach München. Letzterer war 1994 zu Gast – kurz bevor er mit „Pulp Fiction“ zum Weltstar wurde.
Das ist lange her. Heute sind Filme internationaler, deshalb gibt es beim Filmfest jetzt die „International Independents“. Das US-Kino hat man auf mehrere Reihen aufgeteilt. Bei den „Cinemasters“ etwa läuft der neue Film von Richard Linklater („Nouvelle Vague“) oder die jüngste Regiearbeit des filmischen Multitalents Jay Duplass: „The Baltimorons“ ist eine hinreißende Tragikomödie über einen depressiven Stand-up-Comedian (Michael Strassner), der sich am Weihnachtstag einen Zahn ausschlägt und im Behandlungsstuhl einer Notfall-Zahnärztin (Liz Larsen) landet. Wie er die rund dreißig Jahre ältere Frau erst in den Finger beißt und sie ihn dann um ebenjenen wickelt, wie er sie bei einer fast verunglückten Comedy-Nummer auf die Bühne holt und sie ihn zu einer Familienfeier mitnimmt: Das passiert ganz beiläufig, das ist in bester American-Indie-Tradition erzählt.
„You are trying to seduce me“, sagt er einmal, sie versuche ihn also zu verführen. Da werden Erinnerungen wach an den Sechzigerjahre-Hit „Die Reifeprüfung“, in dem der junge Dustin Hoffman zu Anne Bancroft exakt denselben Satz sagte. Das sei natürlich kein Zufall, gestanden Jay Duplass und sein Hauptdarsteller am ersten Filmfest-Wochenende in München. „The Baltimorons“ feierte hier seine Europapremiere, dafür reisten beide eigens aus Los Angeles an. Die Story sei nicht autobiografisch, basiere aber auf einigen Erlebnissen aus Strassners Leben, der in Baltimore aufgewachsen ist – und am Drehbuch mitgeschrieben hat. In München schaffte er es, einen unfassbar dicken Wollanzug zu tragen und trotz Affenhitze nicht zu schwitzen.
Für Michael Strassner ist es die erste Hauptrolle in einem Kinofilm, sein Regisseur hat mehr Erfahrung: Jay Duplass prägte in den Nullerjahren mit seinem jüngeren Bruder Mark Duplass die „Mumblecore“-Bewegung, die innerhalb der Indie-Szene mit niedrigen Budgets, Handkamerabildern und improvisierten Szenen auffiel. Bekannt wurden sie allerdings erst als Schauspieler: Jay spielte in Serien wie „Transparent“ oder „Dying for Sex“, Mark ist einer der Stars der Apple-TV-Vorzeigeserie „The Morning Show“. Als „Duplass Brothers“ machen sie weiterhin Independent-Filme, auch „The Baltimorons“ haben sie gemeinsam produziert.
Heute sei die Technik viel besser, erzählte Jay Duplass in München, selbst mit günstigen Kameras oder Handys könne man große Kinobilder erschaffen. „Gleichzeitig ist es sehr viel schwerer geworden, Filme zu verkaufen“, sagte er und verwies auf die übermächtige Streaming-Konkurrenz: „Wir konkurrieren sogar gegen Tiktok.“ Selbst seine eigenen Kinder würden lieber auf Bildschirme starren, statt ins Kino zu gehen, fügte er seufzend hinzu.
Das Kinogeschäft war schon immer riskant, man kann viel gewinnen – und noch mehr verlieren. Der 52-Jährige mit dem angegrauten Lockenkopf will trotzdem weitermachen. Er weiß auch schon wie: Seinen nächsten, bereits abgedrehten, aber noch unveröffentlichten Film habe überwiegend ein vermögender Privatmann finanziert. Das sei eine der wenigen positiven Seiten der ungleichen Vermögensverteilung, sagte er: „Da draußen gibt es so viele reiche Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld machen sollen.“
Das ist wohl amerikanischer Pragmatismus, als unabhängiger Filmemacher hat man davon wohl besonders viel abbekommen. Daran habe sich in all den Jahren auch nichts verändert, sagte er. Vielleicht wollte er auch deshalb nicht die Politik der aktuellen US-Regierung kommentieren. Das belaste ihn nur, er wolle sich lieber auf die Arbeit konzentrieren. Der Mann im dicken Wollanzug neben ihm nickte und fügte hinzu: „Man muss die Filme einfach so machen, wie man sie machen will. Wenn sie andere nicht interessieren, ist das okay. Dann sucht man eben weiter.“
The Baltimorons, USA 2025, Regie: Jay Duplass, läuft beim Filmfest am 5. Juli um 19 Uhr, sowie am 6. Juli um 16 Uhr, Cinema, Nymphenburger Straße 31
