Süddeutsche Zeitung

Integration:Übergriffe von Flüchtlingen darf man nicht nur ansprechen - man muss es sogar

Zwischenfälle bei einer Rathaus-Party zeigen: Integration ist nichts Abstraktes für Wohlfahrtsorganisationen - sondern der manchmal steinige Weg zu einer funktionierenden Gesellschaft.

Kommentar von Heiner Effern

Eine junge Frau geht ins Rathaus zum Clubbing, voller Vorfreude auf einen Abend mit Gleichaltrigen, und landet hart im politischen und gesellschaftlichen Alltag. Auf einmal sind Flüchtlinge keine abstrakten Personen mehr, die hinter Zäunen in Containern wohnen oder an Wlan-Hotspots herumhängen, sondern sie feiern auf der gleichen Party. Und sie feiern nicht nur, sondern sie überschreiten zumindest gefühlt an diesem Abend geballt die Grenzen, die sich Frauen in Deutschland mühsam erkämpft haben.

Wie sensibel die Lage gerade ist, bemerkt man schon daran, dass sich die junge Frau ziemlich lange die Frage gestellt hat, ob man das überhaupt öffentlich sagen darf. Man darf und man muss es sogar, weil dahinwabernde Animositäten und Probleme viel gefährlicher sind als offen angesprochene Schwierigkeiten bei der Integration. Wenn solche Vorfälle sich auch noch in einem geschützten, politischen Raum wie dem Rathaus ereignen, gilt das gleich doppelt.

Wie sich die Situation derzeit präsentiert, hat aber auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) als Gastgeber nichts falsch gemacht. Im Gegenteil, sein toleranter und verantwortungsvoller Umgang mit Flüchtlingen steht dieser Stadt bestens zu Gesicht. Dazu gehört selbstverständlich, sie zur Feier der Volljährigen ins Rathaus einzuladen wie jede Pasingerin oder jeden Giesinger. Auch in seinen Worten nach den Vorfällen trifft Reiter den richtigen Ton. Auf der Party selbst griffen die Security-Mitarbeiter bei Bedarf schnell und konsequent ein.

Was aufzuarbeiten bleibt, sind zwei gesellschaftliche Phänomene, die an diesem Abend zusammengetroffen sind. Zum einen steigt der Alkoholpegel beim Ausgehen bedrohlich an. Das Vorglühen mit Schnaps hat sich etabliert, auch weil gerade junge Menschen die Preise in den Clubs oft nicht bezahlen können.

Das führt dazu, dass Frauen von enthemmten Männern, die aus dem Oberland genauso stammen wie aus der Stadt oder aus Bürgerkriegsländern, viel zu oft viel zu übel bedrängt werden. Zum anderen zeigt sich einmal mehr, dass Integration nichts Abstraktes für Wohlfahrtsorganisationen ist, sondern ein unverzichtbarer, manchmal auch steiniger Weg zu einer funktionierenden Gemeinschaft.

Diese muss noch viel mehr um ihre neuen Mitbürger kämpfen, ihnen den Alltag erklären, sie einbinden. Sie muss aber auch die Regeln klar definieren, die es hier einzuhalten gilt. Zu einer offenen Gesellschaft gehört auch, das ansprechen zu dürfen, ohne sich vom womöglich folgenden fremdenfeindlichen Gejaule beeindrucken zu lassen.

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SZ vom 01.12.2016/eca
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