Süddeutsche Zeitung

Ausländer in München:Gemischte Bilanz des Integrationsberichts

Der neue Bericht zeigt, wie Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt leben. Trotz mancher Erfolge gibt es vor allem bei der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt Probleme.

Die Stadt wächst und wird immer internationaler, doch werden die vielen neuen Bürger aus dem Ausland hier auch heimisch? Schaffen die Kinder einen Schulabschluss, finden die Erwachsenen Arbeit, nehmen sie ihre politischen Rechte wahr? Fühlen sich diejenigen, die schon lange hier leben und auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, in München verwurzelt? Zum dritten Mal hat die Stadt zu diesen Fragen eine Studie veröffentlicht, den 308 Seiten starken Integrationsbericht der Jahre 2013 bis 2016. Am Dienstag diskutiert der Stadtrat über die Ergebnisse. Ein Überblick.

Fast jeder zweite Münchner hat einen Migrationshintergrund

Wie wichtig Integration war, ist und bleiben wird, belegen alleine die Zahlen. Ende 2017 lebten 1,52 Millionen Menschen in der Stadt. Von diesen hat fast ein Drittel, nämlich 421 832 Bürger, einen ausländischen Pass. Dazu kommen noch einmal 236 547 Münchner, die über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen, aber einen Migrationshintergrund haben. Damit beträgt die Quote der Bürger mit ausländischen Wurzeln 43,1 Prozent.

Nimmt man die Werte der beiden bisherigen Berichte als Basis für eine Tendenz (2010: 35,9 Prozent, 2013: 38,6 Prozent), dann wird in den kommenden Jahren die Hälfte aller Münchner einen Migrationshintergrund haben. Den Zuzug in den Jahren 2013 bis 2016 haben mehrere politische Großereignisse geprägt: etwa die Aufnahme der Kroaten in die Europäische Union (EU), die die freie Wahl des Arbeitsplatzes ebenso wie viele Rumänen und Bulgaren stark nutzten. Dazu kam der starke Zuzug von Asylsuchenden in den Jahren 2014 bis 2016.

In den Kitas und Schulen gibt es einige Erfolge, aber auch viele Probleme

In den Krippen stieg der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Trippelschritten - seit dem letzten Bericht vor vier Jahren um gut zwei Punkte auf 35,2 Prozent. Im Kindergarten dagegen macht diese Gruppe fast die Hälfte aus und kommt ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung in der Altersgruppe schon nahe (57,5 Prozent). Bei der wichtigsten Weichenstellung in der Schullaufbahn, dem Übertritt nach der vierten Klasse, gab es kaum Fortschritte: Die Zahl der Übertritte ausländischer Schüler in Realschule (knapp ein Fünftel) und Gymnasium (gut ein Drittel) stieg um nur jeweils gut einen Prozentpunkt.

"Der Abstand zu den deutschen Schülerinnen und Schülern ist nach wie vor zu groß", heißt es in dem Bericht. Einen absoluten Boom bei ausländischen Schülern erlebt die Fachoberschule, die Anmeldungen haben sich fast verdoppelt. Allerdings scheitern dort sehr viele dieser Schüler, fast die Hälfte verlässt sie ohne Abschluss. Diese Quote sei "alarmierend" schreiben die Verfasser der Studie. Insgesamt gebe es bei den Problemen ausländischer Schüler "keine Entwarnung".

Die blaue Karte für Hochqualifizierte sticht, der Anteil von Ausländern unter den Arbeitslosen ist dennoch gestiegen

Als Erfolgsmodell auf dem Arbeitsmarkt erweist sich die blaue Karte der EU. Mit dieser können Hochschulabsolventen aus anderen Ländern einwandern, sofern ihr Abschluss anerkannt wird und sie eine Stelle nachweisen können. Im Jahr 2014 machten in München davon 911 Personen gebrauch, im Jahr 2016 waren es schon 1958. Die meisten von ihnen kommen aus China, viele auch aus Indien, Russland, Pakistan und den USA. Ganz anders sieht es am unteren Ende des Arbeitsmarktes aus: In den vergangenen Jahren zogen auch viele kaum oder gar nicht beruflich qualifizierte Menschen etwa aus Rumänien und Bulgarien in die Stadt.

Diese leben oft in prekären Verhältnissen und müssten zunehmend aufgrund ihrer Armut in den "Fokus kommunalen Handelns" rücken, heißt es im Bericht. Dazu bleibt es auch in Zeiten der florierenden Wirtschaft dabei, dass Ausländer deutlich öfter arbeitslos werden als Deutsche. Fast jeder zweite Erwerbslose kommt nicht aus Deutschland. Ebenfalls mit Sorge blicken die Verfasser auf die Zahl der Gründer aus dem Ausland: Diese sei zwar in München noch auf einem hohen Niveau, sank jedoch um neun Punkte auf 40 Prozent aller Neu-Selbständigen.

Bei der Stadt arbeiten Ausländer vor allem in den unteren Lohngruppen

Bei der Stadt arbeiten Ausländer vor allem in den unteren Lohngruppen

Wie schwierig Integration sein kann, erfährt die Stadt als Arbeitgeberin bei sich selbst. Im Jahr 2016 befanden sich unter ihren Beschäftigten lediglich 12,2 Prozent Ausländer. Trotz intensiver Bemühung entspricht das nur einer Steigerung von 2,4 Prozentpunkten in zehn Jahren. Von diesen arbeiten zudem fast alle in gering qualifizierten Bereichen. Dort stellen sie fast die Hälfte aller Mitarbeiter. In den Führungspositionen ist gerade mal jeder fünfzigste Ausländer, in den vergangenen vier Jahren stieg der Anteil lediglich um 0,4 Prozentpunkte. Positiver sieht es bei der Ausbildung aus. Mehr als ein Viertel der knapp 1000 Auszubildenden hat einen Migrationshintergrund.

Die Zahl der Stadträte mit Migrationshintergrund ist gesunken

Der Integrationsbericht untersucht auch, ob Menschen mit ausländischen Wurzeln nicht nur in der Stadt, sondern auch in den "politisch zentralen Gremien" angekommen sind. Das Fazit ist ernüchternd: Während in der vergangenen Wahlperiode von 2008 bis 2014 noch 11,3 Prozent der Stadträte einen Migrationshintergrund hatten, sind es aktuell nur noch 8,7 Prozent. Dabei stellt diese Gruppe fast ein Drittel der Wahlberechtigten bei Kommunalwahlen.

Viele Ausländer in München erleben im Alltag Diskriminierung

Niemand wird in München häufiger herabgewürdigt, beleidigt oder belästigt als Menschen mit Migrationshintergrund. Jeder zweite aus dieser Gruppe berichtet von solchen Vorfällen. In der Gesamtbevölkerung ist es gut jeder Dritte. Am häufigsten werden Münchner in der Arbeit diskriminiert, dort allerdings hauptsächlich wegen des Geschlechts oder des Alters. In der Freizeit und in der Öffentlichkeit wird man am häufigsten wegen seiner Herkunft verletzt. Mit am meisten zu ertragen haben Migranten, die schwul oder lesbisch sind.

München braucht ein neues Integrationskonzept

Vieles läuft gut, manches rumpelt, einiges darf noch besser werden. So lässt sich der dritte Integrationsbericht zusammenfassen. Auch wenn München im Vergleich zu vielen anderen Großstädten gut dasteht, müsse das aus dem Jahr 2008 stammende Integrationskonzept auf den Prüfstand, fordern die Verfasser des Berichts. Eine engere Verzahnung mit dem Gesamtplan der Integration von Flüchtlingen sei zum Beispiel ratsam. Damit das Motto des Berichts weiter gilt: "München lebt Vielfalt."

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SZ vom 02.07.2018/huy
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