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Integration in München:Deutschkursen für Mütter droht das Aus

Die Deutschkurse für Mütter mit Migrationshintergrund sollen gestoppt werden.

(Foto: Catherina Hess)

Das Bundesamt für Migration bezahlt die Kinderbetreuung während des Sprachunterrichts für Mütter nicht mehr. Jetzt muss das Rathaus entscheiden, ob die Stadt einspringt und die Kosten in Höhe von jährlich 300.000 Euro übernimmt.

Von Melanie Staudinger

Heute liest Zarin Barakzai ihren kleinen Schützlingen etwas vor. Die lauschen gespannt, obwohl die meisten von ihnen selbst noch nicht einmal sprechen können oder überhaupt Deutsch verstehen. Die vier Monate bis drei Jahre alten Kinder, die hier in der Ichoschule dreimal in der Woche betreut werden, stammen aus Sri Lanka, dem Kongo, der Türkei oder Albanien. Während sie bei Zarin Barakzai und ihrer Kollegin Fatma Gür spielen, sitzen ihre Mütter nur ein paar Zimmer weiter und lernen Deutsch. Sie besuchen einen speziellen Sprachkurs für Mütter als Teil der für sie vorgeschriebenen Integrationskurse.

Zarin Barakzai hat dieses Angebot auch wahrgenommen, als sie in den Neunzigerjahren von Afghanistan nach Deutschland kam. Danach ließ sie sich zur Tagesmutter ausbilden. Ihre älteste Tochter studiert mittlerweile, die beiden anderen gehen noch zur Schule. Ohne Kinderbetreuung, sagt Zarin Barakzai, hätte sie den Sprachkurs nicht besuchen können. "Das hätte mit meiner Familie nicht funktioniert."

Optimale Förderung von Kindern - und Müttern

Andere Frauen könnten künftig weniger Glück haben. Das Bundesamt für Migration bezahlt nämlich seit Ende September die Kinderbetreuung während der Kurse nicht mehr. "Unser erklärtes integrationspolitisches Ziel ist es, eine möglichst optimale und professionelle frühkindliche Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund zu gewährleisten", schrieb das Bundesamt im vergangenen Sommer. Die Kinder sollen also in einer regulären Kindertagesstätte untergebracht werden, die andere Qualitätsstandards habe. Die Behörde verweist auf den Ausbau der Betreuungsplätze gerade seit Einführung des Rechtsanspruchs für unter Dreijährige - dieser "biete immense Möglichkeiten, die Integrationschancen dieser Kinder deutlich zu verbessern".

Die Initiativgruppe "Interkulturelle Begegnung und Bildung", die in München Sprachkurse mit Kinderbetreuung für 200 Frauen anbietet, kann diese Entscheidung nicht verstehen. "Das zwingt die Frauen wahrscheinlich dazu, die Kurse abzubrechen", sagt Lourdes Ros, die dem Vorstand des Vereins angehört. Zum einen wollten die Mütter ihre Kinder daheim erziehen und nicht in eine Krippe geben. Zum anderen würden sie bei einem Betreuungsbedarf von zehn Stunden pro Woche bei der umkämpften Platzsituation in der Stadt wohl kaum einen Platz kriegen.

Ein Erfolgsprojekt auf der Kippe

Für Martin Rothenaicher, Leiter der Grundschule an der Ichostraße, steht mit der Entscheidung des Bundesamts ein "Erfolgsprojekt" vor dem Aus. Dadurch, dass die Kurse an der Schule stattfänden, könnten die Mütter auch an das bayerische Schulsystem herangeführt werden. Sie lernten in den Sprachstunden, was ein Elternbrief ist, wie man mit Lehrern spricht oder wie sie ihre Kinder später bei den Hausaufgaben unterstützen können. "Die Mütter sind fast täglich bei uns in der Schule, das baut Hemmungen ab", sagt Rothenaicher. Gemeinsam mit Heidemarie Brückner, die das Projekt "Schule mal anders" früher leitete und an der Mittelschule an der Ichostraße unterrichtet, hat er einen Brief an OB Dieter Reiter geschrieben.

Die Pädagogen fordern, dass die Stadt die Kosten für die Kinderbetreuung übernehmen soll, nicht nur bei der IG, sondern bei allen Anbietern. Etwa 300 000 Euro im Jahr müsste sie laut Ros bezahlen. Mit diesem Ansinnen wird sich der Sozialausschuss des Stadtrats in seiner Sitzung an diesem Donnerstag, 4. Dezember, beschäftigen.

Ganz schlecht stehen die Chancen nicht: CSU und Grüne hatten sich bereits im Vorfeld für die Kurse eingesetzt. Und auch Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) schrieb in ihrem Antwortbrief an Rothaicher und Brückner, dass "Kurse mit Kinderbetreuung einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migrantinnen leisten".

Integrationskurse

Damit Zuwanderer schneller die deutsche Sprache und die Gepflogenheiten im Land lernen und sich damit besser in die Gesellschaft integrieren können, führte die Bundesregierung im Jahr 2005 die Integrationskurse ein. Gerade Mütter von kleinen Kindern hatten aber Probleme, an diesem Angebot teilzunehmen, weil sie niemanden hatten, der in dieser Zeit auf ihre Kinder aufpassen konnte. Deshalb finanzierte das Bundesamt für Migration eine kursbegleitende Betreuung. Diese Praxis beendete das Bundesamt zum 1. Oktober. SZ

© SZ vom 03.12.2014/vewo

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