Süddeutsche Zeitung

Integration:Gemeinsam neues Vertrauen fassen

Ein 18-jähriger Flüchtling aus Afghanistan und eine 94-jährige Münchnerin unterstützen sich gegenseitig beim Projekt "Alt und Jung"

Wenn Emal Kaliki samstagmorgens seinen Dienst in der Gerner Apotheke beginnt, ist er oft schon eine Zeit lang unterwegs. Er war dann bereits Brot einkaufen. Nicht für sich selbst, sondern für die 94-jährige Frau, um die er sich mehrmals im Monat kümmert. Erst vor einigen Tagen habe sie ihn angerufen und gefragt, ob sie zusammen nach draußen gehen könnten. Alleine schaffe sie das nicht mehr, erklärt er.

18 Jahre ist Kaliki alt, er hat einen Realschulabschluss und steckt gerade in seiner Ausbildung zum pharmazeutisch kaufmännischen Angestellten. Drei Jahre dauert die Ausbildung insgesamt, das erste hat er bereits geschafft. 2015 flüchtete er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder aus Afghanistan nach Deutschland. "Nach meiner Ausbildung möchte ich studieren", sagt er entschlossen und streift sich die dunklen Haare aus dem Gesicht.

Sein Ausbilder Peter Nobis ist sich sicher, dass Kaliki das schaffen wird. Er nahm den 18-Jährigen als Praktikanten in seiner Apotheke an der Gernerstraße auf, als das Münchner Waisenhaus nach einem Platz für den Jungen suchte. Nobis steht dem Waisenhaus schon einige Zeit nahe und unterstützt es in solchen Fällen gerne. Emal Kaliki sei ein Glücksgriff gewesen. Das Team war sofort begeistert, erinnert sich Nobis. Er trägt ein weiß-blau gestreiftes Hemd, in dessen Brusttasche ein Kugelschreiber steckt. Seine Brille hat der 77-Jährige an einem Band befestigt, sie baumelt um seinen Hals. Nobis schaut stolz über den Tisch zu Kaliki. Der lächelt. "Er ist unheimlich fleißig, zu hundert Prozent loyal und freundlich. Und was ich auch so toll finde, ist sein Humor", schwärmt Nobis über seinen Auszubildenden. Peter Nobis selbst ist eigentlich seit zwölf Jahren in Rente, trotzdem ist er noch fast täglich in der Apotheke.

Dass sich Kaliki so gut integrieren konnte, hängt auch mit dem Projekt "Alt und Jung" zusammen. Es ist aus einer Kooperation des Alten- und Servicezentrums Neuhausen, einer Einrichtung der Caritas, und dem Münchner Waisenhaus entstanden. Seit drei Jahren arbeiten die beiden Einrichtungen inzwischen zusammen. "Es ist ein Geben und Nehmen", berichtet Jutta Metzenauer, Pädagogin im Waisenhaus. Die Jungen bieten beispielsweise eine Handy-Sprechstunde an, in der sie den Senioren deren Mobiltelefone erklären. Es wird gemeinsam gekocht, gebacken und gesungen. Inzwischen sind Freundschaften entstanden - die Jungen begleiten die Senioren teilweise sogar ins Krankenhaus.

Emal Kaliki nahm beispielsweise regelmäßig Nachhilfe, übte Vokabeln, und die Senioren lernten mit ihm Geschichte. Jetzt unterstützt er die 94-jährige Frau, die es nicht mehr alleine aus dem Haus schafft. "Durch das Projekt ist auf beiden Seiten schnell Vertrauen entstanden", erzählt Christiane Blum, die Leiterin des Alten- und Servicezentrums.

Acht Angestellte arbeiten in der Gerner Apotheke, zwei davon kommen aus Afghanistan, eine aus Kroatien, eine aus Albanien, vier aus Deutschland. "Wir haben alle ein tolles Verhältnis zueinander", sagt Nobis. Emal Kaliki und seine afghanische Kollegin würden sich oft necken - auf Deutsch. Dass sich die beiden in der Arbeit nicht in ihrer Muttersprache unterhalten, ist für ihn ein Ausdruck von Höflichkeit. "Und ich liebe es, den beiden beim Necken zuzuhören", sagt er.

Kaliki räumt Ware ein, geht ans Telefon, verschickt Bestellungen und schreibt Rechnungen. Die Arbeit mache ihm Spaß, erzählt er. In Afghanistan wäre das nicht möglich gewesen. Es war gefährlich, Kaliki und sein Bruder konnten nicht in die Schule gehen. Daher fragten die Eltern, ob sie fliehen wollten. Die Brüder wussten nicht, was sie erwarten würde, aber sie hatten keine Wahl. Nach Aufenthalten in zwei Flüchtlingsunterkünften kamen Kaliki und sein Bruder ins Waisenhaus. Inzwischen lebt er in einer eigenen Wohnung, die ihm ebenfalls das Waisenhaus vermittelt hat. Der Rest der Familie ist in Kabul, "ich mache mir jede Sekunde Sorgen", sagt Kaliki.

Durch das Projekt "Alt und Jung" sollen sowohl die älteren, als auch die jüngeren Teilnehmer ein Stück Familie erfahren. "Es ist bei uns normal, dass alle zusammenwohnen und wir uns helfen", beschreibt Kaliki das Familienleben in Afghanistan. Durch die Senioren hat Kaliki sich schnell eingelebt und dabei auch die deutsche Küche kennengelernt. Besonders gern mag er Kartoffelsalat - auf bayerische Art, mit Gurken.

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Quelle:
SZ vom 28.08.2019
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