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Installation am Haus der Kunst:Gar nicht meschugge

Mel Bochner Haus der Kunst
(Foto: Haus der Kunst)

Von Evelyn Vogel

Klugscheißer, Nörgler, Nervensäge, Trottel, Quälgeist, Bekloppter, alter Knacker, Angeber, Hosenscheißer, Unruhestifter! Ziemlich charmant, was einem da seit wenigen Tagen vom Dachfries des Hauses der Kunst in Gelb auf Schwarz provokant entgegenleuchtet. Wobei nicht jeder, der das monumentale Spruchband von Mel Bochner entdeckt, auch gleich verstehen wird, was dort steht.

Denn tatsächlich sind hoch oben auf einer Länge von 150 Metern die Worte Kibbitzer, Kvetcher, Nudnick, Nebbish, Nudzh, Meshugener, alter Kocker, Plosher und Platke-Macher anbracht. Es sind Begriffe aus der jiddischen Alltagssprache, die einmal mehr deutlich machen, über wie viel Witz und Ironie diese Sprache verfügt - und wie viele Spuren sie im Deutschen hinterlassen hat. Am bekanntesten wohl der Begriff meschugge, der im Deutschen noch lange gebräuchlich war, nachdem die Nationalsozialisten jüdisches Leben in Deutschland zerstört hatten. Bereits 2013 war das Spruchband des amerikanischen Konzeptkünstler Mel Bochner unter dem Titel "The Joys of Yiddish" an der Fassade der Ausstellungshalle zu lesen. Damals an der Straßenseite und begleitend zur Präsentation "Wenn sich die Farbe ändert". Übrigens: Wer den aktuellen Wikipedia-Artikel zum Haus der Kunst aufruft, sieht eine Aufnahme aus jener Zeit, bei der die gelben Worte auf schwarzem Grund durch die winterlich kahlen Bäume recht gut zu erkennen sind. Die Farben hat Bochner gewählt, um an die Armbinden und Aufnäher zu erinnern, mit denen die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung einst stigmatisierten. Er setzt sie damit in Gegensatz zu der kraftvollen Sprache, die die jüdischen Ghettobewohner im Dritten Reich einte. Eine Sprache, die Bochner hier wieder aufleben lässt.

Überraschend ist, dass die Re-Installation nun auf der zum Englischen Garten hin gewandten Rückseite des Hauses stattfindet. Wollte man die provokanten Worte verstecken? Mitnichten. Bochner selbst wollte es so, heißt es. 2013 habe es in München so gut wie keine Resonanz auf die Installation gegeben. Für ihn sei dieses Schweigen ein Zeichen dafür gewesen, dass die Stadt ihrer eigenen Geschichte noch nicht habe ins Auge sehen können, soll Bochner Andrea Lissoni, dem Direktor des Hauses der Kunst, gesagt haben. Die Terrassenseite sei ein Ort für Begegnungen, an dem, wie Bochner feststellte, "die Menschen weniger damit beschäftigt sind, nicht vom Auto überfahren zu werden." Kein Witz.

© SZ vom 22.02.2021
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