Diakonie:Ein Rheinländer in sozialer Mission

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Am 1. Juni tritt Pfarrer Thorsten Nolting sein neues Amt als Vorstand der Inneren Mission München an

Thorsten Nolting ist neuer Chef der Inneren Mission in München und damit für rund 5000 Mitarbeiter zuständig.

(Foto: Florian Peljak)

Der 56-jährige Theologe und Philosoph Thorsten Nolting wechselt von Düsseldorf nach München und hat hier den Chefposten der Inneren Mission übernommen. Er will das Ehrenamt stärken, die Jugendhilfe bündeln und Erzieherinnen unterstützen

Von Thomas Anlauf

Wenn ein Rheinländer beruflich und privat an die Isar zieht, kann das durchaus ein kleiner Kulturschock sein. An Düsseldorf fließt der Rhein als mächtiger Strom vorbei, in München rauscht die vergleichsweise kleine Isar, auf der statt der Weißen Flotte höchstens Holzflöße und Gummiboote fahren. Die rheinische Geselligkeit tauscht der Zuagroaste gegen die gemütliche Münchner Art ein, und statt eines gepflegten Protestantismus herrscht in München vor allem der barocke Katholizismus.

Thorsten Nolting scheint die bayerische Landeshauptstadt trotzdem schon kurz nach seinem Amtsantritt zu faszinieren, obwohl der neue Chef der Inneren Mission in München als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Diakonie in Düsseldorf dort seit Jahrzehnten tief verwurzelt ist. "Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter", sagt der Theologe und Philosoph. Und der Charakter Münchens scheint dem 56-Jährigen zu gefallen. Vor allem, dass es hier "unglaublich viel bürgerschaftliches Engagement und Solidarität" gebe, beeindruckt den Neumünchner. Und Nolting betont "den tollen Koalitionsvertrag", den die neue grün-rote Stadtratsmehrheit verabschiedet hat.

Die starke Betonung auf soziale und ökologische Themen der Vereinbarung mit dem Titel "Mit Mut, Visionen und Zuversicht: Ganz München im Blick" scheinen den Düsseldorfer zuversichtlich zu machen, in München auf offene Ohren für seine Ideen zu stoßen. Eines seiner wichtigsten Anliegen ist es, in den kommenden drei Monaten eine Freiwilligenzentrale bei der Diakonie in München zu etablieren und generell das Ehrenamt in der Stadt weiter zu stärken. Nolting geht es darum, die bisherigen Anstrengungen bei der Stadt und den Sozialverbänden und -vereinen zu bündeln und sich bei der Förderung von Ehrenamtlichen eng abzustimmen. Die Aufteilung könne thematisch erfolgen und auch regional innerhalb der Stadt. Allerdings räumt Nolting ein, dass er erst seit zwei Wochen in München ist und noch nicht allzu viele Kontakte knüpfen konnte. Aber er hofft auch, dass er aus seiner Arbeit in Düsseldorf, wo er seit 2002 die dortige Diakonie zu einem großen sozialen Unternehmen mit 2800 Mitarbeitern gemacht hat, viele Ideen und Ansätze auch in München einbringen kann.

Innerhalb der Inneren Mission will der zweifache Familienvater auch die Jugendhilfe stärker bündeln. "Hilfe aus einer Hand bei der Jugendhilfe ist eine Gesamtaufgabe", betonte Nolting bei seinem ersten Münchner Pressegespräch am Montagvormittag. Dabei setzt er offenbar auch auf seinen Vorstandskollegen Wilfried Knorr von der Herzogsägmühle im Landkreis Weilheim-Schongau, der als Direktor der mehrfach ausgezeichneten sozialen Einrichtung auch auf Bundesebene für erfolgreiche Jugendhilfe stehe.

Den dritten Schwerpunkt als Vorstand der Inneren Mission München, dem neben ihm und Knorr auch Hans Rock (Finanzen und Zentrale Dienste) angehören, will Nolting in den kommenden Monaten auf die politische Unterstützung von systemrelevanten Berufen wie Erzieherinnen und Pfleger legen. "Diese Dienste braucht die Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass ihre Systemrelevanz in Erinnerung bleibt." Gerade in der Corona-Krise hätten Politik und Gesellschaft die Bedeutung dieser Berufsgruppen erkannt. Er wolle dafür sorgen, "dass die Wertschätzung bleibt".

Noch ist der Neue aus Düsseldorf natürlich ganz in der Anfangsphase der Einarbeitung. Erst kürzlich hat er seine Vorstandswohnung in Gern bezogen, seine beiden Kinder und die Ehefrau sind noch gar nicht in München, schließlich gehen sie noch bis zum Sommer in Düsseldorf in die Schule. Doch seit seinem offiziellen Amtsantritt bei der Inneren Mission am 1. Juni habe er sich zwei Wochen lang intensiv in die Strukturen des Sozialunternehmens der Diakonie einarbeiten können. Seine erste Bilanz: "Es ist sehr überzeugend, was wir hier machen - ob in der Herzogsägmühle oder hier in München."

Nolting sieht sich in seiner neuen Rolle als Chef der Inneren Mission in München allerdings weniger als einer, der bei konkreten Fällen persönlich eingreift, "auch wenn die Versuchung immer groß ist, selbst die Ärmel hochzukrempeln". Er verstehe seine Aufgabe vielmehr darin, "zu wissen, was wir vor Ort machen" sowie in der Personalentwicklung, etwa Mitarbeiter in ihren Aufgaben zu unterstützen. Mehr als 3000 Menschen arbeiten derzeit hauptberuflich und 2000 ehrenamtlich bei der Inneren Mission im Münchner Bereich. Dazu zählen auch die gemeinnützigen Tochtergesellschaften Hilfe im Alter, das Evangelische Hilfswerk München und die Diakonia Dienstleistungsbetriebe.

Für den Düsseldorfer, der seinem Vorgänger Günther Bauer im Amt folgt, ist der Neuanfang in München günstig. Denn während Bauer, der ein Vierteljahrhundert lang die Geschicke der Inneren Mission lenkte und zudem die Bezirksstelle München des Diakonischen Werkes leitete, ist Nolting nun ausschließlich für die Innere Mission als größte von 80 Trägerinnen der Diakonie zuständig. Seit 1. März ist Andrea Betz, die bei der Inneren Mission die Abteilung für Migration und Integration leitet, spitzenverbandliche Vertreterin der Diakonie - sowohl fachlich, als auch sozialpolitisch. Sie sitzt damit auch in den zuständigen Ausschüssen im Stadtrat. Zudem ist die Sozialpädagogin seit Oktober 2019 bis Ende dieses Jahres Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände und damit eine wichtige sozialpolitische Stimme in der Stadt.

Das verschafft dem neuen Missions-Vorstand Nolting etwas Zeit, um sich in seine neue Aufgabe in München einzuarbeiten. Der als kulturaffin geltende Rheinländer freut sich deshalb auch schon darauf, wenn der Münchner Kulturbetrieb mit weiteren Corona-Lockerungen endlich wieder Fahrt aufnehmen kann. Bis dahin joggt er in seiner Freizeit oder geht auch gerne in Münchner Cafés. Was ihn dort beeindruckt: "Die Bedienungen dort sind alle so freundlich."

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