Innenansicht "Gar ned so zwida"

Von wegen "linkes Bladl": Warum man in der Redaktion der Ebersberger SZ fast ein bisschen neidisch auf die CSU ist und welche Geschichten in die Zeitung finden.

Von Karin Kampwerth

Wenn das Kistchen leer blieb, in dem die gute Seele der Redaktion und heimliche Chefin Frau Klenk 1977 sammelte, was die Leser so zu lesen wünschten, dann stellten sich die fünf Gründungsredakteure der Ebersberger Landkreisausgabe durchaus die Frage, "ob wir, was eigentlich für den Mittag ins Auge gefasst war, nicht sofort erledigen sollten: ins Forsthaus Hubertus hinauszufahren und uns dort richtig zuzuschütten". Das schrieb einst Hermann Unterstöger, heute Streiflichtautor, vor 40 Jahren SZ-Pionier in Ebersberg.

Die Ebersberger Redaktion am Konferenz-Tisch. Sind alle Kollegen vor Ort, wird eng zusammengearbeitet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Damals hieß die Zeitung noch Ebersberger Neueste Nachrichten. Längst ist daraus eine echte SZ geworden, die Ebersberger SZ eben. Und aus dem Meldungskästchen wurde ein E-Mail-Postfach. Vor allem aber ist das kulinarische Angebot in der Kreisstadt durchaus auf ein abwechslungsreiches Maß gewachsen. Der Alkoholkonsum hingegen beschränkt sich auf offizielle Anlässe, weil die Redaktion spätestens bis zur Mittagspause auf elektronischem Weg mit Mitteilungen aller Art zugeschüttet wird. Vielen Absendern ist es nämlich herzlich wurscht, ob die Geschichte einer von japanischen und deutschen Geheimdiensten Verfolgten aus der Landeshauptstadt irgendeinen Bezug zum spionagefreien Landkreis hat. Oder unsere Leser sich vielleicht gar nicht so für das neueste Produkt eines bekannten Putzmittelherstellers aus dem Norden der Republik interessieren. Glauben wir zumindest.

Andere Möbel, anderes Team, selbes Büro. Die Ebersberger Redaktions-Konferenz von 1997.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Insofern beginnt der Redaktionsalltag mit dem Ausmisten des E-Mail-Postfachs und der Suche nach der berichtenswerten Nachricht, der politischen Neuigkeit, der lesenswerten Geschichte, dem besonderen Menschen. Wobei: Ganz stimmt das nicht. Denn alleine auf dem Weg in die Redaktion fällt dem Lokalreporter so manches ins Auge, worüber man mal schreiben sollte. Das abgerissene Haus, die kaputte Fußgängerampel, die neue Kiesgrube...Vor allem aber kann man bei den Kollegen, die die S-Bahn nutzen, sicher sein, dass pro Strecke irgendeine Glosse für die Seite 1 herausspringt. In dieser Beziehung ist auf die Bahn tatsächlich Verlass.

Auch Streiflichtautor Hermann Unterstöger war mal Ebersberger. Illustration: Bernd Schifferdecker

(Foto: )

Aber zurück zu den Menschen: Da werden die Journalisten und Journalistinnen der Ebersberger SZ, die Unterstögers Erinnerungen zufolge vor 40 Jahren durchaus für ein "linkes Bladl" gehalten wurde, ein wenig neidisch auf die CSU. Die hat nämlich den genial gefühligen Spruch "Näher am Menschen" erfunden, der doch so gut auch zur Redaktion passen würde. Schließlich sind es die Landkreisbürger, die so viele spannende Geschichten über ihr Leben, ihr Engagement, ihre Berufungen zu erzählen haben, dass sich daraus überraschende, berührende und vor allem lesenswerte Reportagen schreiben lassen.

Worauf wir stolz sind: großzügige Leser, starke Künstler, talentierte Sportler

Wie gut, dass die Ebersberger SZ sich in den 40 Jahren seit der ersten Ausgabe einen durchaus passablen journalistischen Ruf erarbeitet hat. Und dass längst nicht mehr, wie Pionier Unterstöger einst einräumte, vom Merkur abgeschrieben werden muss.

Im Gegenteil: Während es im allgemeinen Nachrichtenrauschen eine gewisse ausgeglichene Berichterstattung gibt, ist die Ebersberger SZ mitsamt der anderen Landkreisausgaben stolz auf viele exklusive Themen, allen voran die Pflege und Unterstützung der kulturellen Szene mit dem Tassilo-Preis, der alle zwei Jahre im Wechsel mit der Talentiade-Auszeichnung für junge Sportler vergeben wird.

Stolz sind wir auch auf das soziale Engagement der Leser im Landkreis. Mit deren großzügigen Spenden kann der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung sich um Menschen kümmern, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Die Ebersberger SZ ist also "gar ned so zwida", wie es Hermann Unterstöger zufolge schon in den Anfängen eine Grafinger Trachtlerin erkannt hat.