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Inklusives Theater:Mehr als nur ein Spiel

Nashörner

Luisa Wöllisch und Dennis Fell-Hernandez spielen seit Jahren gemeinsam Theater – hier begegnen sie sich seit März zum ersten Mal wieder.

(Foto: Benjamin Schmidt)

Die inklusive Theaterszene leidet sehr unter den Corona-Beschränkungen. Viele Gruppen fürchten um ihr Überleben

Von Christiane Lutz

Schon von Weitem ist Gelächter aus dem Hinterhof des Pathos zu hören. Das Lachen einer ausgelassenen Gruppe. Die "Freie Bühne München" (FBM) trifft sich an diesem sonnigen Septembertag zum Fototermin für ihr neues Stück "Die Nashörner". An sich nichts besonders. Allerdings: Es ist das erste Mal seit März, dass sie sich analog sehen. Die gesamten Proben fanden digital statt. Viele Spielerinnen und Spieler der FBM haben körperliche oder geistige Einschränkungen, manche gehören zur Corona-Risikogruppe und müssen sich schützen. Da kann man beim Wiedersehen schon mal jubeln.

Im Frühjahr war klar, Proben wie immer, das geht nicht mehr, schon gar nicht mit Menschen mit Downsyndrom, wo niemand weiß, wie sich ein Virus auswirken würde. Angelica Fell, Gründerin und Leiterin der "Freien Bühne", sagt: "Also stand die Frage im Raum: gar nicht spielen, oder digital spielen? Dann haben wir gesagt: Wir kriegen das hin." Also brachte die Regieassistentin zu jedem Schauspieler eine schwarze Wand und eine Webcam nach Hause, jeden Tag wurde von zehn bis 17 Uhr davor geprobt. Regisseur Jan Meyer, zum Glück technisch versiert, dirigierte alles, auch von zuhause aus. "Es ist ein besonders Wir-alle-in-einem-Boot-Gefühl entstanden, das hat den Schauspielern geholfen. Sie wirken sehr dankbar dafür, dass sie in der seltsamen Zeit etwas gemeinsam erlebt haben", sagt Fell.

Für Menschen mit Beeinträchtigung bedeutet Theaterspielen in den inklusiven Gruppen mehr als nur Theaterspielen. Es gibt ihnen Struktur, Selbstbewusstsein. Für manche ist eine Probe das einzige soziale Treffen der Woche. In München sind das etwa die FBM oder das Theater Apropos, bei dem Menschen mit und ohne Psychiatrie-Erfahrung spielen. Corona ist zwar kein Wettbewerb, aber wenn es städtische und staatliche Theater schwer haben in der Krise, private noch schwerer, dann haben es inklusive Gruppen am schwersten. Eben weil das so wichtige Ritual der Probenarbeit fehlt, weil sie oft selbst zur Risikogruppe gehören, so wie auch Teile ihres inklusiven Publikums. Weil inklusive Gruppen ohnehin immer schon wenig Geld und viel Mühe hatten, Proberäume oder Bühnen zu finden. Angelica Fell sagt: "Wenn das so weitergeht, ist das existenzbedrohend." Im Herbst soll die Schauspielausbildung beginnen, die die FBM für Menschen mit Beeinträchtigung anbietet. Das geht nicht digital. Einen Probenraum hat das Theater auch nicht. Geschweige denn Personal, jemanden zum Überwachen der Abstandsregeln abzustellen, wie das die großen Häuser machen.

Die Verbindung zur Stadtpolitik immerhin sei gut, sagt Angelica Fell. Das Kulturreferat suchte gerade während der Ausgangsbeschränkungen den Kontakt zu den Gruppen, etwa bei einem digitalen "Runden Tisch" zum Thema "Darstellende Künste und Inklusion." Beim nächsten Termin kommende Woche soll gemeinsam mit den Akteuren überlegt werden, wie das Kulturreferat den inklusiven Künstlern noch in diesem Jahr helfen und sie unterstützen kann.

Die FBM erhält derzeit eine dreijährige Optionsförderung der Stadt München von rund 90 000 Euro pro Jahr, die bis Ende 2021 läuft. "Ein Riesenglück", sagt Fell, "das rettet uns - erst mal." Sie ist aber vorsichtig zuversichtlich, dass sich in der Wahrnehmung des Publikums etwas unumkehrbar verändert hat. In der Saison 2020/2021 werden vier Schauspieler der FBM auch im Ensemble der Kammerspiele sein, jetzt unter der Intendanz von Barbara Mundel. Luisa Wöllisch etwa, die an der FBM ausgebildet wurde und inzwischen in vielen Filmen gespielt hat, zuletzt in der Komödie "Die Goldfische". Mit Nele Jahnke, einstige Leiterin des Theater Hora in Zürich, arbeitet nun eine Expertin für inklusives Theater an den Kammerspielen. Auch wenn Inklusion gerade schick scheint, "ich habe das Gefühl, sie meinen es sehr ernst", sagt Fell. Ihr Sohn Dennis, 30 und Schauspieler, ist mit dem Downsyndrom geboren. Monatelang isolierte sie sich mit ihm. Während er am Computer probte, konnte sie keine Waschmaschine laufen lassen, zu laut. Und nichts streamen, zu schwache Verbindung. Machte ihr nichts, sie weiß ja, was das Spielen für ihn bedeutet.

Ähnliches erlebte auch Burchard Dabinnus, der spontan eine Rolle in "Die Nashörner" übernahm und parallel mit dem Theater Apropos das Stück "Nehmen Sie die Untersuchungspille" inszenierte (Premiere am Sonntag, 13. September, Tams). Während der Probenauszeit versuchte er, Kontakt zu seinen Schauspielern zu halten, von denen einige Psychiatrieerfahrung haben. "Manche wurden soziophob", sagt er, "bei anderen kam der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander. Vielen fehlte der Raum, Sorgen oder Ängste auszutauschen." Als die Proben wieder anfingen, taten sich manche schwer, zurück zu finden in die Routine und die Gruppe. Bei der Premiere stehen nun sechs Spieler auf der Bühne vor 24 Zuschauern. "Ob das gut geht?", sagt Dabinnus. "Es bleibt eine Diskrepanz zwischen dem, was das Theater bieten kann an Lebensqualität und dem Risiko, dass sich was ausbreitet." Die Vorstellungen der "Nashörner" werden alle digital und live gespielt. Angelica Fell hat aber ein gemeinsames Stream-Schauen im Gasteig organisiert, damit ein paar Zuschauer ein wenig Normalität erleben können. Sie selbst muss zuhause bleiben, ihrem Sohn assistieren.

© SZ vom 09.09.2020
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