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Influenza und Norovirus:Ungewöhnlich viele Grippe-Fälle in München

Erkältung

Im Winter 2014/15 sind deutschlandweit 20 000 Menschen an der Grippe gestorben, schätzt das Robert-Koch-Institut. Experten raten daher allen Menschen, sich impfen zu lassen.

(Foto: dpa)
  • In den ersten vier Wochen des Jahres sind dem Gesundheitsreferat 1450 Fälle von Influenza gemeldet worden.
  • Vergangenes Jahr waren es im selben Zeitraum nur 117 Fälle.
  • Entsprechend voll sind die Warteräume in Krankenhäusern und Arztpraxen.

Die Grippe-Welle hat München fest im Griff. In den ersten vier Wochen des Jahres sind dem Gesundheitsreferat 1450 Fälle von Influenza gemeldet worden. Vergangenes Jahr waren es im selben Zeitraum nur 117 Fälle, berichtet Referatssprecherin Bernadette Felsch. Während der Norovirus mittlerweile rückläufig sei, grassiere die so genannte echte Grippe stärker und früher als üblich.

Entsprechend voll sind die Warteräume in Krankenhäusern und Arztpraxen. "Vergangene Woche war's brutal", sagt ein Allgemeinarzt über den Andrang in seiner Praxis im Münchner Norden. "Anfang der Woche war ein Riesenansturm. Am Montag kamen 60 Patienten zur Sprechstunde, am Dienstag 50. Normal sind's 25." Auch am Freitag musste er noch Überstunden schieben. "Die Patienten-Liste wurde immer länger."

Manchen Patienten dauert die Wartezeit offenbar zu lange: In der Hoffnung auf schnellere Behandlung würden sie dann einfach in die Notaufnahmen gehen, beobachtet der Hausarzt. Konsequenz: Auch die Notaufnahmen sind überfüllt. "Viele der Patienten gehören aber nicht in Notfallzentren, sondern erst zum Hausarzt", sagt der Sprecher des Städtischen Klinikums, Raphael Diecke. Dort werden derzeit einige schwer kranke Patienten versorgt, die infolge einer Grippe eine Lungenentzündung entwickelt haben. Bei älteren und geschwächten Menschen könne eine solche Erkrankung lebensgefährlich werden.

Im Winter 2014/15 seien deutschlandweit 20 000 Menschen an der Grippe gestorben, schätzt das Robert-Koch-Institut. Experten raten daher allen Menschen, sich impfen zu lassen. "Wer noch nicht geimpft ist, kann sich immer noch durch eine Impfung vor der Influenza schützen", rät Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs. Auch die Münchner Kliniken setzen vor allem auf Prävention, damit erst gar nicht so viele Menschen krank werden.

Denn in den Notaufnahmen ist ohnehin viel los. "Wir arbeiten am Limit", sagt der Leiter der medizinischen Notaufnahme des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität, Markus Wörnle. Für die starke Belastung nennt er mehrere Gründe. "Die Patientenzahlen werden über die Jahre immer höher. Und jetzt kommen noch saisonale Probleme dazu." Atemwegserkrankungen, Grippe und Norovirus. Auch Mitarbeiter seien krank, sagt Wörnle. Nicht nur in München: In der Klinik Agatharied im Kreis Miesbach musste der Betrieb zwischenzeitlich auf das Nötigste zurückgefahren werden.

"Jeder Influenza-Patient wird isoliert behandelt", erklärt Wörnle die besondere Herausforderung für Kliniken. "Wir müssen das zweite Bett sperren. Dann fallen gleich mal 50 Prozent der Behandlungskapazität weg. Genauso beim Norovirus." Krankenschwestern müssten zur Hygiene extra einen Schutzkittel anziehen und eine Maske aufsetzen. Diese Sicherheitsvorkehrungen seien schon beim bloßen Verdacht auf Grippe nötig.

Bis eine sichere Diagnose vorliege, könnten zwei, drei Stunden vergehen, sagt der Oberarzt in der internistischen Notaufnahme des Klinikums rechts der Isar, Michael Dommasch. "Das verzögert vieles. Und es gibt mehr Menschen, die stationär da bleiben müssen." Die internistische Notaufnahme sei am Anschlag, sagt Dommasch. "Und die Rettungsdienste wissen nicht, wohin mit den Patienten."

Momentan rufen besonders viele Menschen den Krankenwagen. Koordiniert werden die Einsätze von der Integrierten Leitstelle (ILS). "In der Regel klingelt das Telefon 2500 Mal pro Tag. Jetzt sind's 3000 Anrufer", sagt Sprecher Florian Hörhammer. Schon morgens seien doppelt so viele Fahrten angemeldet wie normal. Wenn eine Klinik keinen Platz mehr frei hat, meldet sie sich bei der Leitstelle ab; Großhadern und Rechts der Isar sind die einzigen, die sich nicht abmelden dürfen. Unter www.ivena-muenchen.de lässt sich live mitverfolgen, welche der 21 gelisteten Kliniken noch Kapazitäten frei haben. Zuletzt war da viel Rot zu sehen und nur wenig Grün.

"Sie kommen geballt und schlagartig"

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Zwangsbelegungen. "Wenn alles rot ist, ist es für die ILS so, als wäre alles grün", sagt Wörnle von der LMU-Klinik. Notfälle müssen ja trotzdem irgendwo behandelt werden. "Wenn volle Notaufnahmen angefahren werden, steigert das den Stress." Und zwar bei allen Beteiligten. Manche Patienten berichten, sie seien im Bett auf dem Klinik-Flur abgestellt worden. Krankenschwestern beschweren sich über Stress. "Viele hier sind an der Grenze angekommen", sagt Wörnle. Und das Bayerische Rote Kreuz kritisiert, dass ihre Fahrdienste lange auf der Station warten müssen, bis ein Patient von der Klinik übernommen werde. "Die Situation ist durch die Grippe angespannt", sagt eine BRK-Sprecherin. Manchmal müsse man noch eine zweite und dritte Klinik ansteuern, bis ein Platz gefunden sei.

"Es ist halt Hauptsaison", sagt der Ärztliche Direktor im Krankenhaus Neuwittelsbach, Michael Weis. Im Notfall müsse man eben Betten umschieben und neuen Platz auf der Station schaffen. "Aber das erleben wir im Jahresvergleich immer wieder." Bemerkenswert seien lediglich Frequenz und Häufigkeit der Fälle: "Sie kommen geballt und schlagartig", so Weis. Wie lange die Welle noch andauert, könne niemand sagen, meint Raphael Diecke vom Städtischen Klinikum. "Es ist von Tag zu Tag eine neue Momentaufnahme."

© SZ vom 30.01.2017/kbl

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