Süddeutsche Zeitung

Industriedenkmal:"Die Paketposthalle darf nicht zur Ramschbude werden"

Der Verkauf des riesigen Areals und des spektakulären Gebäudes an der Friedenheimer Brücke eröffnet Perspektiven für ein neues urbanes Stadtgebiet. Er weckt aber auch Ängste.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Stadtlandschaft entlang der Bahngleise zwischen dem Hauptbahnhof und Pasing grundlegend verändert. Auf einstigen Industriearealen fahren längst keine Güterzüge mehr, keine gestapelten Warencontainer warten auf den Abtransport. Es reihen sich stattdessen Wohnungen an Wohnungen, ein neuer Bürokomplex folgt dem anderen.

Zwar gibt es im Arnulfpark mit der Freiheizhalle - einem früheren Turbinenwerk für die Stromerzeugung der Bahn - einen Ort für Veranstaltungen aller Art. Ansonsten sind kulturelle Angebote entlang der modernen Bahnachse jedoch dünn gesät. Mit dem kürzlich erfolgten Kauf des Postareals an der Friedenheimer Brücke durch die Münchner "Büschl Unternehmensgruppe" rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob die riesige ehemalige Paketposthalle, die unter Denkmalschutz steht und in der das Münchner Briefzentrum ist, hier nicht eine Lücke schließen kann.

"Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass die Flächen an der Bahn weitgehend entwickelt sind", sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk, "die Halle eröffnet nun spannende Perspektiven, was erfreulich ist." Erste Gespräche zwischen der Stadt und dem Investor über eine mögliche Nutzung des beeindruckenden Bauwerks aus den Sechzigerjahren haben stattgefunden, aber bis zur Festlegung von Rahmendaten für eine Neuplanung oder der Erstellung einer Machbarkeitsstudie ist ein weiter Weg.

Die Stadtbaurätin beugt sich über die Pläne für das Postareal und die umliegenden Wohnquartiere. Für das Grundstück mit der Halle setzt der Bebauungsplan eine rein postalische Nutzung fest. "Das funktioniert ja bislang alles sehr gut", sagt Merk. Zunächst gehe es darum, dass eine Verlagerung des Briefzentrums auch klappt. Dem Vernehmen nach hat die Post ein Areal im Gewerbegebiet von Germering als neuen Standort vorgesehen.

Wenn dieser Umzug bewerkstelligt ist, kann auf dem Hallenareal ein "Urbanes Gebiet" entwickelt werden, sagt Merk. Unter diesem Stichwort ermöglicht das Baugesetz jetzt einen Quartierstypus mit einer neuen Funktionsmischung: Gewerbe, Wohnungen, Kultur, Veranstaltungen, Gastronomie können dichter aufeinanderrücken, als das bislang möglich war. Wie sich das aber alles mit den umliegenden Wohnvierteln verträgt, muss untersucht werden.

Kühne Ideen für eine neue Nutzung der Halle

Im Zentrum stehen freilich die Möglichkeiten, die sich mit der Paketposthalle eröffnen. Merk nennt das Bauwerk eine raue Schönheit und ein spektakuläres Element im Quartier. Es zählt mit seiner monumentalen bogenförmigen Betonkonstruktion zu einem der weltweit bedeutendsten Ingenieur-Bauwerken und stellt an der Einfahrt nach München mit der Bahn sicher einen der markantesten architektonischen Akzente dar. Das imposante Tragwerk mit einer Spannweite von fast 150 Metern entstand nach den Plänen von Rudolf Rosenfeld, Herbert Zettel, Ulrich Finsterwalder und Helmut Bomhard. "Die Bausubstanz ist gut. Ich mache mir keine Sorgen, dass die Halle baufällig ist und über kurz oder lang abgerissen werden muss", sagt Elisabeth Merk.

Erste kühne Ideen für eine neue Nutzung der Halle waren im Sommer vor drei Jahren aufgetaucht. Eine Gruppe um den Anwalt Josef Nachmann und den Investor Martin Niemeier wollte unter das geschwungene Dach mit seiner faltenartigen Ausbildung eine Musikstadt mit einem großen Konzertsaal bauen. Es fehle an der Bahnachse Hauptbahnhof-Laim-Pasing eine Stelle, die jedem ins Auge sticht, meinte die Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard. Die Paketposthalle habe das Potenzial für so einen markanten Punkt. Für die Musik könnte etwas Ähnliches entstehen, wie es das Pinakotheken-Viertel für die Kunst ist, sagte sie damals.

Ein Anziehungspunkt und ein spezieller Lebensraum

Doch die Pläne zerschlugen sich, der Konzertsaal soll im Werksviertel beim Ostbahnhof gebaut werden. Auch Stadtbaurätin Merk macht deutlich, dass sie von Großprojekten der Hochkultur - etwa einem Museum - in der Halle nicht viel hält: "Wir wollen eine lebendig Nutzungsmischung und eine Öffnung hin zum Quartier."

Merk verweist auf Beispiele aus dem Ausland. In Kopenhagen sorgt das von dem Architekten Rem Koolhaas entworfene neue Architekturzentrum namens Blox für Aufsehen. Neben dem Architekturzentrum bietet der Komplex auch Büros, einen Buchladen, Wohnungen, Gastronomie und einem Fitnessstudio Platz. Oder in Rotterdam fällt eine Markthalle auf, die mit ihrer Nutzungsmischung ein Anziehungspunkt und ein spezieller Lebensraum ist.

Solche Beispiele müsse man auch für München ins Auge fassen, erklärt die Stadtbaurätin. Ein ganz besonderes Kreativquartier mit kulturellem Schwerpunkt neben vielen anderen Angeboten könne damit an der Friedenheimer Brücke entstehen: "Wobei die Paketposthalle natürlich nicht zur Ramschbude werden darf."

Und auch außergewöhnliche architektonische Veränderungen der Halle haben bei der Stadtbaurätin keine Chance. Das Münchner Architektenbüro "Allmann Sattler Wappner" lieferte vor einiger Zeit den aufsehenerregenden Vorschlag, auf dem Dach der Halle terrassenförmig angelegte Wohnungen zu errichten. Es wird sich eine andere Frage stellen: Wie hoch darf man im künftigen Quartier bauen? Merk kann sich "verdichtetes Wohnen" mit Hochhäusern vorstellen, die zusätzliche architektonische Akzente am Stadteingang setzen. Zumal auch für den neuen Hauptbahnhof ein Hochhaus geplant ist. Doch für konkrete Aussagen zu diesem Thema ist es Merk noch viel zu früh. Vor allem will sie auch erst die Erkenntnisse und Ergebnisse der neuen Hochhaus-Studie abwarten, die die Stadt demnächst in Auftrag geben will.

Für konkrete Konzepte sei es zu früh

Rechtsanwalt Josef Nachmann arbeitet inzwischen mit der Büschl Unternehmensgruppe zusammen. Dass er dabei seine früheren Planungserfahrungen mit der Halle einbringt, liegt auf der Hand. Über konkrete Konzepte erfährt man allerdings nichts. Noch ist es eher ein Vortasten bei der Stadtbaurätin, dem Stadtrat und den in der Umgebung lebenden Bürgern, was überhaupt möglich ist. Von einem Grundstück mit viel Potenzial, einer verantwortungsvollen Herausforderung und einer eindrucksvollen Aufgabe spricht der Investor.

Elisabeth Merk will im kommenden Jahr wieder zur Stadtbaurätin gewählt werden. Die Chancen im Stadtrat stehen nicht schlecht: "Die Halle wird das spektakulärste Projekt meiner dritten Amtszeit."

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SZ vom 04.10.2018/smb
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