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Indie-Pop:Signale vom Mutterschiff

Die Band "The Notwist" meldet sich mit neuen Songs zurück

Von Martin Pfnür

Die Landung in der digitalen Sphäre verlief so geräuschlos und unvermittelt, wie man es von dieser ebenso experimentierfreudigen wie unprätentiösen Band wohl hätte erwarten können. Plötzlich stand es einfach im Netz, dieses "Ship", mit dem The Notwist Ende Juli nach sechs Jahren ohne neuen Song ihre Wiederkehr einläuteten. Wobei "Wiederkehr" es dann wohl doch nicht ganz trifft. Denn als zwar eher punktuell und doch konstant tourende Live-Formation war die 1989 im bleischweren Punkrock- und Metal-Geiste in Weilheim gegründete und spätestens mit ihrem indietronisch verfrickelten Meisterwerk "Neon Golden" von 2002 in die Geschichtsbücher des Pop eingegangene Band in den vergangenen Jahren ebenso präsent wie als Gastgeber des wunderbaren Nischenmusikfestivals "Alien Disko" in den Münchner Kammerspielen.

Notwist

Nach sechs Jahren ohne neue Songs haben Cico Beck, Micha Acher und Markus Acher (von links) erstmals wieder eine EP mit "The Notwist" veröffentlicht.

(Foto: Morr Music)

Und dann gab es da ja auch noch all die jüngeren Satellitenprojekte, auf die sich der Schaffensfokus der seit jeher immens umtriebigen Brüder Markus und Micha Acher zuletzt verschob. So etwa der live gerne mal im Bierzelt oder draußen in den Isarauen kredenzte Rumpeljazz der Hochzeitskapelle, für den die beiden am Schlagzeug respektive am Sousaphon in neue musikalische Rollen schlüpften; oder auch der zart elektrifizierte Indiefolk der im Rahmen der "Alien Disko" gegründeten Kollaborationsband Spirit Fest, mit welcher Markus Acher und Cico Beck (der 2014 für Martin Gretschmann die Notwist-Elektronik übernahm) im Verbund mit dem japanischen Duo Tennis Coats und dem Briten Mat Fowler bereits drei Alben aufnahmen.

So gesehen verwundert es denn auch nicht, dass "Ship" als Single der gleichnamigen und kürzlich via Morr Music/Alien Transistor erscheinenden EP zusammen mit Saya Ueno von den Tennis Coats entstand. Glockenhell schwebt ihre Stimme im Zusammenklang mit jener des deutlich zurückgenommenen Markus Acher über einem unterkühlten, perkussiv kräftig angeschobenem elektronischen Loop, der diesem ersten auf japanisch eingesungenen Notwist-Song seine hypnotisch zirkulierende Struktur verleiht.

Ihre einzigartige Tiefenwirkung, die ihnen auch auf ihrem letzten Studioalbum "Close To The Glass" von 2014 etwas im Soundsammelsurium verloren ging, entfalten The Notwist allerdings erst mit "Loose Ends", dem zweiten der drei Songs auf der EP, der bei den Aufnahmen der Filmmusik zu Bastian Günthers Drama "One Of These Days" entstand und zwischen "Ship" und der verspielten instrumentalen Miniatur "Avalanche" so etwas wie das Herzstück der Veröffentlichung bildet. Markus Acher, mittlerweile auch schon 53 Jahre alt, singt darin mit dieser unverwechselbar sachten, gedämpften und immer noch seltsam jungenhaften Stimme von seinen Spuren, die er nun alle vor sich habe, von Gleisen, die ihn immer wieder zum Ausgangspunkt zurückbrächten, und während die Band einen wie zu ihren allerbesten Zeiten mit jedem Takt ein bisschen mehr in einen Kokon aus fragiler Schönheit und tiefster Melancholie einwebt, freut man sich mit jedem Takt dieses brillanten Songs auch ein bisschen mehr auf ihr neues, offenbar bereits fertig aufgenommenes Album, das im Laufe des kommenden Winters erscheinen soll.

© SZ vom 24.08.2020
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