Kunst-Event:Ein gebändigter Löwe sorgt für Zoff

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Kunst-Event: Um Statuen im öffentlichen Raum und ihre Repräsentationsfunktion geht es bei Julia Klemm. Nun hat sie sich für die Lindau-Biennale "In situ Paradise" den Löwen vorgenommen. Das sorgte für einen Sturm der Entrüstung.

Um Statuen im öffentlichen Raum und ihre Repräsentationsfunktion geht es bei Julia Klemm. Nun hat sie sich für die Lindau-Biennale "In situ Paradise" den Löwen vorgenommen. Das sorgte für einen Sturm der Entrüstung.

(Foto: Peter Zahel)

Bei der 1. Lindau-Biennale "In situ Paradise" hat die Münchner Kuratorin Sophie-Charlotte Bombeck zusammen mit 20 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern das Stadtbild unter die Lupe genommen. Das Ergebnis gefällt nicht jedem. Erst erhebt sich ein Shitstorm, dann folgt Vandalismus. Doch allmählich schwappt auch eine Woge der Begeisterung über die Bodenseeinsel.

Von Evelyn Vogel, Lindau/München

Die Bilder am Theater, die Blumen im Park, die Bojen im See - war alles gut und schön. Aber den Löwen an der Hafeneinfahrt zu bändigen? Das ging zu weit. Einigen Betrachtern jedenfalls. Und so überzog, kaum dass die erste Lindau Biennale im Frühsommer begonnen hatte, ein digitaler Shitstorm das Kulturamt und die verantwortliche Kuratorin Sophie-Charlotte Bombeck. Von "Verschandelung", "Putzlappen" und "Jammerlappen", gar von "Schwachsinn" war angesichts des von Julia Klemm mit roten Bändern umfangenen Löwen die Rede. Und nicht einmal, dass bei einer steifen Brise auf dem Bodensee die roten Bänder im Wind flattern und dem bayerischen Wappentier ein imposantes Aussehen geben, konnte die Kritiker beruhigen. Dem Shitstorm folgte an mehreren Stellen Vandalismus. Und auf der Facebookseite "Du weißt, dass du aus Lindau bist..." wurde geklagt, dass Touristen nun um ihr schönstes Foto von der Hafeneinfahrt mit Löwe und Leuchtturm gebracht seien. - Als ob der Löwe der einzig wahre Grund wäre, um Lindau zu besuchen.

Hinweggewischt, dass Stadttheater und Marionettenoper ebenfalls Anziehungskraft besitzen. Übersehen, dass das Kunstmuseum gerade im Sommer mit seinen Sonderausstellungen wie derzeit "Mythos Natur" immer für Besucher sorgt. Ausgeblendet, dass die traditionelle Nobelpreisträgertagung der Stadt zu Ruhm und Ehre gereicht. Schamlos verschwiegen, dass zahlreiche Sommergäste Lindaus Besucher der Festspiele im benachbarten Bregenz sind, die nicht nur die abendliche Überfahrt mit dem Festspiel-Shuttle direkt zur Seebühne schätzen, sondern eben auch den Umstand, dass Lindau mehr zu bieten hat als Leuchtturm und Löwe.

Kunst-Event: Die Lindauer Hafeneinfahrt mit Leuchtturm und Löwe. Letzterer ist während der Biennale "In situ Paradise" von einem roten Netz umfangen.

Die Lindauer Hafeneinfahrt mit Leuchtturm und Löwe. Letzterer ist während der Biennale "In situ Paradise" von einem roten Netz umfangen.

(Foto: Peter Zahel)

Dass der Löwe ein Wahrzeichen der Stadt ist, steht ja außer Frage. Er und der Leuchtturm umrahmen die Hafeneinfahrt, die vom Stadtmarketing gerne als "die schönste am Bodensee" bezeichnet wird, fangen spektakuläre Sonnenuntergänge und silbrig-leuchtende Vollmonde ein. Seit 1856 bewacht das sechs Meter hohe und mehr als 50 Tonnen schwere Trumm aus Kehlheimer Sandstein von Johann von Halbig den Lindauer Hafen und grüßt hinüber nach Österreich. Aber gerade wegen derlei Beständigkeit im Bodensee-Paradies sollte ein Blickwechsel stattfinden. So die Idee der Kuratorin Sophie-Charlotte Bombeck, die das Konzept "In situ Paradise" für die erste Kunst-Biennale in Lindau entwarf. Eigentlich für 2021 und parallel zur Landesgartenschau geplant, machte Corona dann eine Verschiebung des Kunstevents um ein Jahr notwendig.

Kunst-Event: Die Münchner Kuratorin Sophie-Charlotte Bombeck ist verantwortlich für die 1. Biennale Lindau "In situ Paradise", die noch bis September zu sehen sein wird.

Die Münchner Kuratorin Sophie-Charlotte Bombeck ist verantwortlich für die 1. Biennale Lindau "In situ Paradise", die noch bis September zu sehen sein wird.

(Foto: Magdalena Jooss)

Für die 1991 geborene Kunsthistorikerin aus München, die auch Leiterin des Off-Spaces Super+Centercourt ist, kam der Aufschub gar nicht ungelegen. Zwar ist sie gut vernetzt, doch ein derart großes Projekt hat sie noch nicht realisiert. Das Kulturamt vertraute ihr jedoch und gab ihr künstlerisch "carte blanche", wie sie sagt. Weil es die erste Lindau-Biennale ist, war noch keine Infrastruktur vorhanden, auf die sie hätte aufbauen können. Die personelle Unterstützung war minimal, und 30 000 Euro als Startkapital, um eine halbjährige, inselweite Kunstaktion zu finanzieren, ist nicht gerade üppig. Die Sache entwickelte sich mehr oder minder zu einer One-Woman-Show. "90 Prozent der Drittmittel haben wir selbst eingeworben", sagt Bombeck deshalb auch nicht ohne Stolz. In Zusammenarbeit mit den anderen Kultureinrichtungen der Stadt wurde ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und zahlreichen Events gestemmt. Im Hof des Kunstmuseums hat der Biennale-Shop Einzug gehalten und ist Kunstwerk, Info-Stand und Ausstellungsfläche zugleich.

Kunst-Event: Die "Flaschenpost" von Manuel Strauß bei der Biennale "In situ Paradise" in Lindau.

Die "Flaschenpost" von Manuel Strauß bei der Biennale "In situ Paradise" in Lindau.

(Foto: Peter Zahel)

Mit mehr als 20 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern machte sich Bombeck also auf die Spuren des Lindauer Paradieses. Und stellte sich zugleich die Frage: Was bedeutet in Zeiten von Klima- und Energiekrise das Paradies für jeden einzelnen, und wie kann man es mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst sichtbar machen? Es wurden keine fertigen Kunstwerke nach Lindau verfrachtet, sondern die Auseinandersetzung entstand "in situ", vor Ort also. So kann man die Insel umwandern auf den Spuren zeitgenössischer Kunst, die sich mit dem Ort auseinander setzt. Booklets und Lagepläne, eine gut gemachte Website und eine AR-App helfen dabei.

Kunst-Event: Toshihiko Mitsuya hat im Luitpoldpark aus 100 detailgetreuen Aluminiumpflanzen einen "Aluminium Garden" geschaffen.

Toshihiko Mitsuya hat im Luitpoldpark aus 100 detailgetreuen Aluminiumpflanzen einen "Aluminium Garden" geschaffen.

(Foto: Stefanie Bernhard-Lentz)

Es ist kein internationales Großereignis geworden, das sich mit Venedig vergleichen könnte, sondern eine Biennale, die vor allem von nationalen und regionalen Künstlern bespielt wird. Aber die Ansätze sind gut, und der frische Blick auf Liebgewordenes und Altvertrautes bietet Chancen zur Neuentdeckung. Etwa, wenn Dana Greiner auf der Brücke, die auf die Insel führt, das gar nicht so paradiesisch duftende Pumpenhäuschen knallbunt eingefärbt und mit ihrer Soundinstallation "Parajenseits hier!" ironisch bespielt. Dass auf dem See Bojen schwimmen ist normal. Aber die bunt leuchtende "Flaschenpost" von Manuel Strauß jenseits der Brücke eckt denn doch an. Und Maria Anwander hat es mit ihrem "Public Dancefloor" an der Lindenschanze geschafft, dass an einem sozial schwierigen Hot-Spot der Stadt Menschen unterschiedlichster Herkunft verträumt zu einer Playlist tanzen.

Kunst-Event: Aus der Drohnenperspektive: Das rote Haus im Wasser "My Floating Home" der Land-Art-Künstlerin Karolin Schwab.

Aus der Drohnenperspektive: Das rote Haus im Wasser "My Floating Home" der Land-Art-Künstlerin Karolin Schwab.

(Foto: Peter Zahel)
Kunst-Event: Schwimmern dient das rote Haus im Wasser von Karolin Schwab als Zwischenstopp. Doch auch als instataugliches Motiv wurde es schnell entdeckt.

Schwimmern dient das rote Haus im Wasser von Karolin Schwab als Zwischenstopp. Doch auch als instataugliches Motiv wurde es schnell entdeckt.

(Foto: Peter Zahel)

Camill von Egloffsteins "Garten der Lüste" in der Peterskirche, Schirin Kretschmanns Werk im Eiskeller, Felix Rodewaldts und Thilan Stillers "Honig"-Arbeit an der Thierschbrücke oder Martin Pfeifles Busbahnhof-Gestaltung - es sind Auseinandersetzungen mit Geschichte, Räumen und Plätzen der Stadt. Als Tummelplatz für Kinder hat sich die blau-rote Schneckenskulptur von Esther Zahel auf der Casinowiese etabliert, ebenso wie der "Aluminium Garden" von Toshihiko Mitsuya im Luitpoldpark. Und zum Eye-Catcher der Biennale wurde längst das Land-Art-Projekt "My Floating Home" von Karolin Schwab. Das rote Haus im Wasser dient Schwimmern als Ziel und Zwischenstopp und hat sich als perfekt instataugliches Motiv entpuppt.

Kunst-Event: "Jedem Ende geht ein Anfang voraus" hat die Künstlerin und Mathematikerin Esther Zahel ihre mit mathematischen Gleichungen beschriftete schneckenförmige Skulptur auf der Casinowiese genannt.

"Jedem Ende geht ein Anfang voraus" hat die Künstlerin und Mathematikerin Esther Zahel ihre mit mathematischen Gleichungen beschriftete schneckenförmige Skulptur auf der Casinowiese genannt.

(Foto: Peter Zahel)

So gibt es zahlreiche Kunstwerke, die jenen, die Augen und Ohren nicht verschließen, neue Sichtweisen eröffnen und mitunter fast paradiesische Auszeiten ermöglichen. Dazu zählt auch Peter Zahels Kontemplationsschale, die temporär dazu einlädt, sich auf dem Bodensee treiben zu lassen. Und gerade dort, wo man meint, die Dinge bestens zu kennen, empfiehlt es sich, einen Blick durch einen der "Frames" von Olga Golos zu werfen. Etliche von ihnen wurden vandalisiert. Durch einen kann man aber den von Julia Klemm gebändigten und deshalb so umstrittenen Löwen sehen. Von dem ungleichmäßigen Goldrahmen eingefasst wird er in den Fokus gerückt. Und siehe da: Er wirkt fast noch imposanter als sonst.

Vielleicht wird sich am Ende sogar die Edition der Mini-Löwen verkaufen, die im Biennale-Shop als ironische Reminiszenz an das typisch touristische Souvenir angeboten wird. Immerhin: Mittlerweile haben etliche User auf Facebook begeisterte Fotos vom gebändigten Löwen, von den silbrig glitzernden Alu-Blumen oder vom Haus am See bei Sonnenuntergang gepostet - inklusive vieler Herzchen, Likes und "Amazing"-Kommentare. Und wenn nicht, auch gut. Die Vorstellungen vom Paradies sind nun mal unterschiedlich und Hauptsache, man denkt darüber nach. Dann hat die erste Biennale für Lindau ihr wichtigstes Ziel erreicht.

In situ Paradise, 1. Biennale Lindau, bis September

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