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Impftourismus:"Es kann nicht sein, dass Deutschland zum Impf-Basar wird"

Das Hilton Hotel am Flughafen in München 09.12.2016

Die Impfung erfolgte im Hilton-Hotel am Flughafen.

(Foto: Waldmüller/Imago)

Ein italienisches Luxusresort lässt seine Mitarbeiter in München immunisieren. Stadtpolitik und Opposition im Landtag fordern Aufklärung, die Kassenärztliche Vereinigung untersucht den Vorfall.

Von Andreas Glas, Klaus Ott und Francesca Polistina

Der Fall von Impftourismus nach München sorgt für Aufregung. Wie von der SZ berichtet, sind mehr als hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des italienischen Luxusresorts "Forte Village" am 21. Mai in die bayerische Landeshauptstadt geflogen, um dort gegen Covid-19 geimpft zu werden. Die Impfungen sollen im Hilton-Hotel am Münchner Flughafen stattgefunden haben, wo die Italiener eigenen Angaben zufolge den Biontech-Impfstoff bekommen haben - um kurz danach wieder in die Heimat zurückzufliegen. Geplant in München war wohl die erste "Etappe" der Impfung, sagte ein Manager des Luxushotels im Interview mit dem italienischen Sender Rai 3.

Viele Fragen rund um das Geschehnis bleiben offen: Woher kamen die Impfdosen für die Beschäftigten des Forte-Village-Resorts? Wer hat in München das Ganze organisiert? Das Hotel Hilton will sich zu den Details der Buchungen nicht äußern, sagt aber, "dass uns keine zukünftigen Buchungen dieser Art in unseren Managed Hilton Hotels in München oder anderen Destinationen in Deutschland bekannt sind". Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) teilt mit, dass der Vorgang inzwischen an die Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen der KVB weitergeleitet wurde. Diese prüft, ob ein mögliches Fehlverhalten vorliegt und informiert die Staatsanwaltschaft bei Unregelmäßigkeiten.

Auch die Politik reagiert auf den Fall des Impftourismus. So sagt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD): "Es würde schon Sinn machen, die Impfreihenfolge einzuhalten, die gibt es aus gutem Grund. Wenn die Prioritäten nicht eingehalten werden, führt das zu Verdruss bei Leuten, die lange auf eine Impfung warten und auch mehr Berechtigung dafür haben." In Bayern haben etwa 45 Prozent der Menschen eine Erstimpfung bekommen, die Zahl derjenigen in der Bevölkerung, die noch auf ein Corona-Impfangebot warten, ist also hoch.

Nur wer eine deutsche Krankenversicherung hat oder dauerhaft in Deutschland wohnt, hat Anspruch auf eine Covid-Impfung in Deutschland, heißt es aus dem bayerischen Gesundheitsministerium. Das ist nach eigenen Angaben nur zuständig für die Organisation der staatlichen Impfzentren, hat aber keine Ermittlungszuständigkeit. Letztendlich könne der Impfstoff daher "nur über eine Apotheke weitergegeben worden sein", teilt das Ministerium mit, über einen "grauen Markt" sei nichts bekannt. Wie konnten also italienische Beschäftigte eines Luxusresorts in München geimpft werden?

"Hier wurde das Personal der Schönen und Reichen geimpft"

Von der CSU gab es am Donnerstag keine Stellungnahme. Die Opposition forderte dagegen Erklärungen. "Das muss unbedingt aufgeklärt werden. Es kann nicht sein, dass Deutschland zum Impf-Basar für ausländische Reisegruppen wird, während große Teile unserer Bevölkerung noch auf ihren Impfstoff warten," sagte FDP-Fraktionschef Martin Hagen. Für SPD-Fraktionschef Florian von Brunn handelt es sich um eine "Folge der schlecht vorbereiteten Aufhebung der Impfpriorisierung in Bayern". Er fügte hinzu: "Einfach abstoßend: Hier wurde das Personal der Schönen und Reichen geimpft, während alle anderen Nichtgeimpften in die Röhre schauen. Die Ärztekammer sollte manche Mitglieder dringend an Prinzipien erinnern."

Das Forte Village ist eine direkt am Meer gelegene, luxuriöse Urlaubsanlage auf Sardinien. Dort hat sich Ende Mai die italienische Mannschaft auf die Fußball-Europameisterschaft vorbereitet.

Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze fordert vom Gesundheitsministerium schnelle Aufklärung: "Woher kam der verwendete Impfstoff und wer hat ihn zur Verfügung gestellt? Kontrolliert das Ministerium den Verbleib des Impfstoffes und gibt es weitere solche Fälle?" Ludwig Hartmann, neben Schulze zweiter Fraktionsvorsitzender, erwartet Antworten von der CSU: "Wenn die Staatsregierung den Eindruck entstehen lassen will, dass Privilegierte Vorzugsrechte auf Impfstoff haben, dann soll sie es weiter beim Schulterzucken belassen."

© SZ vom 11.06.2021/van/infu
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