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Immobilien:Wie die Münchner wohnen

Von zwölf bis zu 230 Quadratmetern, vom Wohnwagen über das Hochhaus bis zum Kloster: ein Blick in Münchner Wohnungen.

Von Anna Hoben, Pia Ratzesberger und Alessandra Schellnegger (Fotos)

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Der Turmwächter

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Es wird in dieser Stadt wahnsinnig viel übers Wohnen gesprochen, und natürlich hat jeder seinen eigenen Blick, seine eigene Vorstellung davon, wie er gerne wohnen möchte. Denn es gibt kaum etwas Persönlicheres als die eigene Wohnung. Eine Wohnung erzählt deshalb auch immer viel über die Menschen, die in ihr Leben. Die SZ hat einen Blick in acht ganz unterschiedliche Wohnungen in der Stadt geworfen und mit ihren Bewohnern über das Leben darin gesprochen.

Mit dem Kauf einer Wohnung in einem der Hochhäuser "Friends" an der Friedenheimer Brücke hat sich Michael Ziller einen Traum erfüllt. Seine Frau hatte während ihrer Arbeitsaufenthalte in New York und Singapur auch schon hoch oben gewohnt. Und so beschlossen die beiden, ihre Schwabinger Altbauwohnung aufzugeben für kompakte 68 Quadratmeter im zehnten Stock. Es war eine Entscheidung für Verkleinerung, für die S-Bahn-Anbindung und einen 270-Grad-Blick Richtung Zugspitze und Marienplatz. Der Architekt Ziller ist überzeugt, dass mehr Wohnhochhäuser - an ausgewählten Stellen - der "horizontalen Stadt" München gut täten. Und dass diese Art des Wohnens nicht elitär sein muss, sondern auch wirtschaftlich machbar ist. Die Altbauwohnung in Schwabing vermisst er nicht. Und einen Fernseher braucht er auch nicht mehr.

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Der Asket

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Waschbecken - und natürlich ein Bett, platzsparend zum Runterklappen. In seinem Zimmer im Karmelitenkloster St. Theresia hat Pater Joachim alles, was er braucht. "Nüchterne Wohnkultur ist das", sagt er, "wunderbar". Abgesehen von dem Kreuz und der Muttergottes sind die Wände leer. Eine kleine Bibliothek besitzt er freilich noch und einen Computer, "aber ich bin nicht abhängig von Dingen". Das gebe ihm ein Gefühl von Freiheit, "und ein freier Mensch kann besser Freude erfahren". Wie er wohnt, das hat für Pater Joachim damit zu tun, ob er den richtigen Weg geht, ohne Umwege. Wenn er nicht im Kloster ist, arbeitet er als Seelsorger in Altenheimen und Kliniken.

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Die Camperin

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Als im vergangenen Jahr ihre Beziehung zerbrach, stand Lena Birmoser plötzlich ohne Wohnung da. Weil sie keine bezahlbare Bleibe fand, schlief sie sogar zwei Wochen im Auto. Ein Freund empfahl ihr den Campingplatz Langwieder See, im Oktober lagerte sie ihre Möbel und Habseligkeiten ein und bezog einen Wohnwagen auf dem Platz. Dort hat sie den Winter verbracht, "anstrengend war das", sagt sie lakonisch. Es gibt ein Bett, einen Tisch mit Eckbank und eine Kochnische. Toilette und Dusche sind im Gebäude. 525 Euro bezahlt sie im Monat, nicht weniger als ein WG-Zimmer kosten würde. Dazu kommt Gas zum Kochen und Heizen, 18 Euro kostet eine Flasche. Sich hier heimisch zu fühlen - "das schaffe ich nicht", sagt die 33-Jährige. Sie arbeitet in einem Bioladen, zurzeit ist sie krank geschrieben. Der Wohnwagen, eine Zwischenstation? "Das hoffe ich."

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Die Sammlerin

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Quelle: Alessandra Schellnegger

In der Wohnung von Kati Kugler muss immer ein Teil rausfliegen, wenn ein neues dazukommt, über die Jahre hat sie so manche Schätze gesammelt. Der Automat rechts an der Wand zum Beispiel, ein Original aus den 50ern, ist immer voller Süßwaren. Der Kleiderschrank, in dem sich die Vintage-Klamotten reihen. "Außer Unterwäsche kaufe eigentlich nur altes Zeug". Kati Kugler, 45, ist Erzieherin in einem Behindertenwohnheim, schon mehr als zehn Jahre wohnt sie jetzt in Untergiesing. Ein Zimmer plus Küche. 36,5 Quadratmeter. Sie ist damals von der Schleißheimerstraße hergezogen, die war ihr zu laut, nun wohnt sie in einer kleinen Straße, mit netten Nachbarn. Ihre Vermieter schätzt sie sowieso, in all den Jahren haben die erst einmal die Miete erhöht. Kati Kugler sieht aber auch, wie sich ihr Viertel verändert. Unten auf der Straße parkten immer mehr teure, große Wagen, früher seien da "kleine, schraddelige Autos gestanden". Vor ein paar Jahren hat sie sich mit anderen in der Aktionsgruppe Untergiesing zusammengetan, damals ging es ihr vor allem darum, die Stammkneipe im Viertel zu retten, die Burg Pilgersheim. "Gentrifizierung war für mich selbst damals noch weit weg, außerhalb vom Ring hat das doch keinen Arsch interessiert." Mittlerweile aber fragt sich auch Kati Kugler, was wohl wäre, wenn sie einmal aus dieser Wohnung ausziehen müsste. Sie zahlt 527 Euro im Monat, inklusive Heizöl und sie erinnert sich noch sehr gut daran, als die erste Dachgeschosswohnung im Viertel für eine halbe Million verkauft wurde. Da helfe nur eines: "Die Leute müssen sich zsammtun und zsammhalten."

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Die Großfamilie

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Alexandra Gaßmann (in der Mitte) wäscht in der Woche schon einmal um die 18 Maschinen, denn in ihrer Familie fällt ziemlich viel Wäsche an. Ihr Mann und sie haben neun Kinder, leben deshalb auch in zwei Wohnungen, direkt übereinander, auf insgesamt 230 Quadratmetern in Laim. Die drei ältesten Kinder sind ausgezogen (zwei von ihnen haben eine WG im Nachbarhaus gegründet), doch auch zu acht lohnt sich die Waschküche noch. Die älteren Kinder wohnen oben, sie sind 21, 18 und 17 Jahre alt. Die Eltern leben mit den anderen in der unteren Wohnung, der jüngste Sohn ist zehn. Früher haben Gaßmann, 51, und ihre Familie alleine in der oberen Wohnung gelebt, dann wurde die untere frei - und zum Glück gehört das Haus einer Genossenschaft. Die Mieten sind bezahlbar.

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Die Studentin

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Mareike Neumayr hatte Glück. Viel sogar. Nach ihrem Abitur in Rheinland-Pfalz wollte sie in München studieren, ihre Bedingung aber war: "Nur, wenn ich ein günstiges Zimmer finde." Sie fand nicht nur eines, sondern vier. So viele Wohnheime sagten ihr zu, noch bevor sie sich eingeschrieben hatte. Sie zog schließlich in ein selbstverwaltetes Haus ein, zweieinhalb Jahre ist das nun her. Die Küche, das Bad, die Balkone teilt sie sich mit ihren Mitbewohnern, und wenn es am Abend zu Bett geht, stehen sie selbst beim Zähneputzen manchmal zusammen auf dem Gang. Mareike Neumayr, 21, studiert Jura, sie kommt nun ins sechste Semester, und wenn sie lernen muss, schließt sie ausnahmsweise die Zimmertüre. Die zwölf Quadratmeter nämlich gehören ihr alleine. Für 224 Euro im Monat.

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Der Jobnomade

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Im September zog John Harrison nach München, mit nicht mehr als einem Koffer und seinem Laptop. Über Airbnb mietete er ein überteuertes Zimmer, 1400 Euro bezahlte er für zwei Wochen - "für eine Matratze auf dem Boden in einem Studentenwohnheim". Deshalb ist er froh, dass er über den Anbieter Mr. Lodge eine Wohnung in Bogenhausen gefunden hat. 60 Quadratmeter kosten happige 1650 Euro, dafür ist die Wohnung möbliert. Alle zwei Wochen fliegt er nach England zu seiner Frau und den zwei Söhnen. Vom Wohnort der Familie pendelte er früher täglich nach London, drei Stunden hin, drei zurück. Jetzt fährt er 15 Minuten mit dem Bus nach Unterföhring, dort arbeitet er als Softwareingenieur bei Sky. Nach einem Heimatbesuch hat er die E-Gitarre mitgebracht, für einsame Winterabende. Bald endet sein Arbeitsvertrag, dann wird er wohl nach Hamburg ziehen.

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Das Künstlerpaar

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Seit fünf Jahren wohnen der Künstler Andreas Stetka und die Goldschmiedin Alexandra Bahlmann in der Genossenschaft Kunstwohnwerke in Berg am Laim. 50 Quadratmeter hat ihre Wohnung, Stetkas Atelier schließt direkt daran an, Bahlmanns Werkstatt liegt eine Etage drüber. Bei den beiden gehen Arbeit und Freizeit ineinander über. Das ist mittlerweile bei vielen Menschen so, die meisten finden es irgendwie ungesund. Stetka nicht, er sagt: "Mir ist das lieber." Es ist ihm lieber, morgens nicht erst zur Arbeit fahren zu müssen. Früher hatte er wechselnde Ateliers mit befristeten Verträgen, mit jeder Verlängerung stieg die Miete. Heute genießt er die Sicherheit, die das genossenschaftliche Wohnen ihm bietet. Und er kann sich direkt nach dem Aufstehen an die Arbeit machen.

© SZ vom 31.3.2018/bica
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