Immobilien Warum Münchner auf alternative Wohnformen setzen

Malerin Monika Reinhart wohnt im "Streitfeld" in Berg am Laim. Die Künstlerin ist seit 2009 Mitglied in der Genossenschaft "Kunstwohnwerke".

(Foto: Robert Haas)

Genossenschaften und Baugemeinschaften versprechen günstiges und geselliges Wohnen. Aber wie lebt es sich dort im Alltag?

Von Anna Hoben

Ohne Genossenschaften wird es nicht gehen. Das ist die Botschaft, die in den vergangenen Jahren in nahezu jeder politischen Diskussion um ausreichend bezahlbaren Wohnraum in München ausgesandt wurde. Mitunter konnte, überspitzt gesagt, der Eindruck entstehen, als sei da ein neues Wundermittel entdeckt worden, als bedeuteten Genossenschaften für das Münchner Wohnungsproblem das, was das Penicillin einst für die Lungenentzündung bedeutete.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren viele gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte entstanden, genossenschaftliche, aber auch von privaten Baugemeinschaften und Vereinen initiierte. Seit 2014 steht die Beratungsstelle "Mitbauzentrale" im Auftrag der Stadt Menschen zur Seite, die selbst eine solche Initiative gründen oder sich einer anschließen wollen. Am Samstag koordinierte die Mitbauzentrale den "Tag der offenen Wohnprojekte", bei dem Interessierte sich über unterschiedliche Baukonzepte und den Alltag in einem Wohnprojekt informieren können.

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Etwa fünf Prozent aller Wohnungen in München gehören Genossenschaften. Die meisten dieser rund 40 000 Wohnungen sind allerdings in den Händen von Alt-Genossenschaften, die heute hauptsächlich ihren Bestand verwalten und kaum neu bauen. Mit Wogeno, Wagnis und anderen sind in den letzten Jahrzehnten auch umtriebige neue Genossenschaften gegründet worden. Doch welche Bedeutung kommt dem gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen tatsächlich zu?

"Neben den städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind gerade auch Genossenschaften ein Garant für langfristig bezahlbare Wohnungen", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Deshalb geben wir einen großen Anteil unserer städtischen Flächen an Genossenschaften." Sie dürfen auf mindestens 20 Prozent der Flächen bauen. Er habe sich einige Projekte selbst angesehen, so Reiter, und sei "begeistert, wie zukunftsfähig dort Wohnen gestaltet wird".

Dass Genossenschaften der "Königsweg" sind, findet Walter Zöller, planungspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Stadtrat. "Wir müssen froh sein um jede Wohnung, die sie bauen." Das findet auch Michael Mattar (FDP), der Vorsitzende der Stadtratsfraktion von FDP, Piraten und Wählergruppe Hut. Allerdings müsse man realistisch bleiben: "Die Genossenschaften sind ein Baustein, aber sie lösen das Problem nicht." Also, das Problem im Großen. Im Kleinen lösen sie jede Menge Probleme, wie die drei folgenden Beispiele zeigen.

Die Wohnkünstler

Berg am Laim, Gewerbegebiet. Auf einem Schild am Eingang steht: "Streitfeld". Der Name, den die Künstlerkolonie sich gegeben hat, rührt von der Adresse der Immobilie her, Streitfeldstraße 33. Er beschreibt aber auch ziemlich pointiert, was hier vor sich geht. Nämlich, erstens, das Zusammentreffen von Künstlern verschiedener Sparten an diesem Ort, fortwährender Austausch, ein Streiten im besten Sinne. Und zweitens, die Münchner Herausforderung: Wie wollen, sollen, können wir in Zukunft wohnen? Auch diese Debatte ist ja, wenn man so will, ein Streitfeld.

Für freischaffende Künstler haben die Mietpreise in einer Stadt wie München eine existenzielle Bedeutung. Einige taten sich deshalb vor Jahren zusammen und gründeten erst einen Verein, dann eine Genossenschaft, die "Kunstwohnwerke". In Berg am Laim begannen sie, eine alte Textilfabrik samt Verwaltungsgebäude umzubauen, das heutige "Streitfeld".

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Die Malerin Monika Reinhart ist seit 2009 Genossenschaftsmitglied; 2011 zog sie vom 19 000-Einwohner-Städtchen Mühldorf am Inn nach München, um endlich in einer Stadt zu leben, in der es eine Kunstszene gibt. 2012 bezog sie schließlich ihr Wohnatelier, einen 77 Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Raum.

Besuch im Homeoffice der Malerin. Blick nach links: Leinwände, die an Wänden lehnen. Blick nach rechts: Schreibtisch, Hochbett, Küchennische. Wohnen und Arbeiten sind untrennbar miteinander verbunden. Den kurzen Arbeitsweg hat Monika Reinhart sich nicht ganz billig erkauft: 1500 Euro Pflichtanteil, eine Art Mitgliedsbeitrag, zahlte sie an die Genossenschaft. Dazu kommen weitere Anteile von etwa 300 Euro pro Quadratmeter. Auch die Miete, sagt Reinhard, falle im Moment noch relativ hoch aus. "Dafür wird sie künftig konstant bleiben."

Rund 50 Designer, Maler, Fotografen, Musiker und Bildhauer arbeiten im "Streitfeld". Das Modell Wohnen und Arbeiten in einem Raum praktizieren nur vier von ihnen. Alle zusammen kümmern sie sich um die Grünflächen, organisieren Konzerte und Lesungen oder treffen sich im Gemeinschaftsraum. Wenn Monika Reinhart irgendwann ausziehen wollte, bekäme sie ihre Genossenschaftsanteile zurück.

Doch so schnell will sie nicht wieder weg.