Süddeutsche Zeitung

Opfer der Nazis:"Ich muss es erzählen, ich werd sonst meschugge"

Das Café Zelig ist der einzige Treffpunkt, den es in München für Überlebende des Holocausts gibt. Das Besondere ist: Man kann über alles Erlebte reden. Muss aber nicht.

Von Alex Rühle

Gibt bestimmt nicht viele Menschen, die einem beim ersten Treffen sagen, Auschwitz sei ihr "großes Glück gewesen". Natan Grossmann weiß natürlich, was für eine skandalöse Formulierung das ist. Der 90-Jährige scheint die perplexe Reaktion seines Gegenübers zu genießen. Er nickt in die Stille hinein, und erklärt dann, in Auschwitz sei er ausgewählt worden für das KZ Vechelde bei Braunschweig. "Außenstelle, das einzige KZ mit Ripette."

Wieder so eine verunsicherte Stille auf der einen Seite und gegenüber ein funkelnder Blick. Ripette? Ist das eine Foltermethode? Grossmann lacht tonlos mit zuckenden Schultern. "Nachschlag. Und zwar vom Bodensatz der Suppe, da wo wirklich Zutaten drin rumschwammen." Er spannt die Arme an, als wolle er unter seiner beigen Rentnerjacke die Muskeln zeigen. "Ich war da in der Schmiede. Mein Meister hat mir heimlich was zugesteckt. Nur so hab ich überlebt." Willkommen im Café Zelig. Willkommen bei den Überlebenden.

Bei vielen guten Dingen fragt man sich, wenn sie erst einmal da sind, warum es sie nicht schon viel früher gab. Sitzt man an einem Dienstagnachmittag im Zelig, drängt sich schon nach wenigen Minuten die Frage auf, wo sich all diese Menschen bisher getroffen haben. "Ja, gar nicht", sagt Hilde Grünberg, eine feine Dame, die ein herrlich gediegenes Münchnerisch spricht, "jedenfalls ned so". Sie zeigt in die Runde: Acht Tische, daran sitzen jeweils drei bis fünf Leute, gerade haben sie noch gesungen, aus vollem Hals, eine Pianistin mit spektakulär onduliertem Haargebirge hatte jiddische Lieder gespielt: Bei mir bistu shein. Mir sejnen do. Jetzt hört man das Geklapper von Gabeln und Tassen.

"Café Zelig", das klingt nach hübschem Tresen, Kaffeehaustischchen, Wiener Eleganz. Das hier ist einfach nur ein großes Zimmer in einer Schwabinger Wohnung. Ein paar Tische, ein paar Stühle, vorne links das Klavier. Das Besondere ist also bestimmt nicht das Interieur. Das Besondere sind die Gäste. Das Café Zelig ist der einzige Treffpunkt, den es in München für Überlebende des Holocausts gibt.

"Einen Designpreis werden wir mit dem Zelig nicht gewinnen", sagt Joram Ronel, der Initiator des Cafés. "Es ist nur ein Ort zum Sprechen. Zum Schweigen. Zum Einfachdasein. Ein Raum, an dem es keine Erklärung braucht." Natan Grossmann meint dasselbe, wenn er sagt, hier wüssten alle, "wie das ist, wenn man nachts wach liegt und aus dem Dunkel die Bilder kommen".

Alles fing vor vier Jahren an. Damals richtete die Stadt München für die Kultusgemeinde eine sozialpädagogische Stelle ein. Man dachte an Hilfe bei Behördengängen. "Aber", so Ronel, "schon nach wenigen Wochen war klar: Das Wichtigste für diese alten Menschen ist Ansprache. Austausch. Der oftmals unbedingte Drang, am Ende des Lebens die eigene Biografie zu erzählen." Zusammen mit Olga Albrandt, der Leiterin der Sozialabteilung der Kultusgemeinde, entwickelte er die Idee für dieses Café, das es nun seit einem Jahr gibt.

Ronel ist ein feiner Mensch, ironisch, diskret, zugewandt. Und doch merkt man dem 45-jährigen Psychoanalytiker und Oberarzt der Psychosomatischen Klinik am Rechts der Isar an, dass die Sponsorensuche eine eher unangenehme Erfahrung war. "Für ein Memorial findet man sofort Geld", sagt er. "Tote sind ja auch praktisch. Sie stören niemanden mehr, machen keine Kosten, man kann einfach ein wenig gedenken und gut ist." Kurzum: Es sei viel leichter, für Gedenkkultur Geld aufzutreiben als für diejenigen, die noch am Leben sind.

Ronel ließ nicht locker. Und fand am Ende sowohl einen Raum als auch Geldgeber: Die B'nai-Brith-Loge München e.V. stellt seit einem Jahr jeden Dienstag diese Wohnung zur Verfügung. Die Stiftung "Erinnerung Verantwortung Zukunft" finanziert das Café - was in erster Linie bedeutet, dass ein kleines Team von Sozialarbeitern und Helfern bezahlt und Taxifahrten ermöglicht werden, die Gäste sind ja alle hochbetagt. Dazu kommen Einzelspenden und Geld von der Kultusgemeinde. Deren Präsidentin Charlotte Knobloch schob hinter den Kulissen kräftig mit an.

Jeder hat seine eigene Rettungsgeschichte

800 bis 1000 Menschen leben noch im Großraum München, die dem Vernichtungsprogramm der Nazis entkommen sind. An diesem Dienstag sind etwa 25 von ihnen hier versammelt. Was sie eint, ist der Zufall des Entkommens. Überlebt zu haben.

An einem der hinteren Tische sitzt Theresia Johewet Rosendahl neben ihrem Mann Gideon. Die beiden merkwürdig ökumenischen Vornamen geben einen diskreten Hinweis auf die Rettungsgeschichte der Frau Rosendahl: Johewet hieß ihre Großmutter. Auf den Namen Theresia haben die Nonnen sie getauft. Sie wurde im Ghetto Sosnowiec geboren. Ihr Vater gab sie an eine katholische Familie, die sie wiederum einem Kloster anvertraute. "Die Nonnen haben mich in der Sakristei großgezogen. Ich hab laufen gelernt in der Kirche. Nach dem Krieg bin ich in der ersten Zeit jeder Nonne nachgerannt."

Niemand redet pausenlos über den Holocaust

Frau Grünberg, die mit am Tisch sitzt, lebt vielleicht nur noch, weil ein kommunistischer Hausmeister sie und ihre Mutter lange vor Nachforschungen der Gestapo schützte. "Als es dann eng wurde, hamms mich bei den Kinderlandverschickungen einem Bauern in Isen untergejubelt." Ihre Mutter konnte ebenfalls untertauchen, nach dem Krieg fanden sie sich wieder - und lebten zusammen in der früheren Wohnung. Sogar die Großmutter kam zurück. "Die war drei Jahre in Theresienstadt". Frau Rosenthal nickt nur kurz, man muss hier nicht dazusagen, was diese drei Jahre beinhalten.

Es wäre völlig falsch zu glauben, dass im Café Zelig alle permanent über den Holocaust reden müssen. Im Gegenteil, viele wollen das gar nicht und haben noch nie über ihre Erinnerungen gesprochen. Ronel: "Das Besondere am Zelig ist nicht, dass man miteinander reden kann. Sondern dass man sich nicht erklären muss. Weil man eine Vergangenheit teilt." Frau Grünberg und Frau Rosenthal beispielsweise scheinen vorher nicht die Vorgeschichte der jeweils Anderen gekannt zu haben. "Es ist nur wichtig, überhaupt einen Ort zu haben", sagt Grünberg, "zu wissen, dass andere Ähnliches erlebt und überlebt haben."

Ihre Überlebensgeschichte erzählen sie dem Reporter, sie selbst unterhalten sich lieber über den Kuchen. Oder das Zelig: Die Akustik hier sei ja hundsmiserabel, womit sie Recht haben, es hallt extrem und es ist schon für jüngere Ohren schwer, aus dem summenden Gesprächslärm einzelne Stimmen herauszufiltern. "Und die Pianistin vorhin, die war ja viel zu laut", sagt eine der Damen am Nebentisch resolut. Ihre Tischbegleiterinnen nicken heftig. Was doch merkwürdig ist, vorhin schien es allen zu gefallen, ja erst als die Pianistin damit begann, kraftvoll und resolut in den unteren Oktaven herumzuwühlen, fingen alle an mitzusingen: Mir sejnen do! Mir sejnen do! Wir sind alle noch da. Zelig heißt gesegnet. "Es geht auch um Seligkeit, Fröhlichkeit", sagt Ronel.

Es gibt aber auch die Tische, an denen der Holocaust jedesmal Thema ist. Natan Grossmann sitzt meist mit zwei Überlebenden aus Buchenwald zusammen, sie erzählen einander die Details der KZ-Zeit, Grossmann kann sehr krass sein, "ein Wagen Holz, zwei Wagen Menschen", das sei die wichtigste Formel in Auschwitz gewesen. "Und die Asche wurde dann von den Bestien an die Bauern der Umgebung als Dünger verkauft." Grossmann wirkt wütend, empört, aufgewühlt, so als würden all seine seelischen Leitungen offen zutage liegen. Dabei hat er 60 Jahre lang nicht darüber gesprochen. "Kein Wort, ich wollte alles annullieren", sagt er und macht einen Schlussstrich durch die Luft.

Auf Dauer aber kann man die Tatsache, dass man einst selbst annulliert werden sollte, nicht annullieren. Dass es den Nazis gelang, so viele Menschen zunichte zu machen, zu Nichts, ein wenig Asche, und auch die ist längst verschwunden. Eines Tages traf Grossmann in Yad Vashem einen Überlebenden aus Auschwitz, vom dem er überzeugt war, er sei vernichtet worden.

Irgendwie muss das den Stöpsel gezogen haben. Seither spricht er, ja die Geschichten quellen geradezu aus ihm heraus. Er war mit der Filmemacherin Tanja Cummings in Łódź, auf Spurensuche. Mitten in der Stadt hatten die Nazis das zweitgrößte Ghetto auf europäischem Boden errichtet. Alle wussten um die Zustände dort, sie sahen es täglich mit eigenen Augen, schließlich fuhren mehrere Straßenbahnlinien quer durch das Ghetto, abgeschirmt durch einen engen Stacheldrahtkorridor. "Wie aus'm Aquarium die Fische haben sie zu uns geglotzt", sagt Grossmann.

In Cummings' Film "Linie 41" sucht Grossmann nach Hinweisen auf seinen Bruder Ber, den er 1942 zuletzt gesehen hat. Irgendwann findet er heraus, dass Ber wohl in Chełmno umgebracht wurde. Grossmann glaubt, sein Bruder habe sich auf einen Transport geschmuggelt, um in Chełmno auszukundschaften, wie man dort Widerstand organisieren könne. Er konnte nicht ahnen, dass die Nazis dort ihren industriellen Massenmord begannen, dass es von dort keinen Weg zurück gab.

An der dortigen Gedenkstätte geht Grossmann mit einem der Mitarbeiter die Registerbücher durch. Irgendwann stößt er auf einen Transport, der am 6. März 1942 in Łódź losgefahren war. Grossmann hält im Film seinen Finger auf das winzige Bleistiftkästchen: "Da ist er." Das ist alles, was von ihm blieb. Ein Datum. Eine Vermutung. Wie soll man je über diese entsetzliche Lücke adäquat reden? "Ich muss es erzählen", sagt Grossmann, "ich werd sonst meschugge."

Am frühen Abend, als alle wieder nach hause gegangen sind, hört Joram Ronel noch durch einen Zufall von den Beschwerden der alten Damen. Dass es zu laut sei. Und dass die Pianistin nicht perfekt begleitet habe. "Wunderbar", sagt Ronel, der die Pianistin übrigens hervorragend findet. "Das freut mich wirklich zu hören. Das bedeutet, sie sind hier angekommen. Über Einzelheiten beschwert man sich, wenn man das große Ganze akzeptiert." Das große Ganze. Das Café Zelig.

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SZ vom 03.06.2017/bhi
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