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Opfer der Nazis:Niemand redet pausenlos über den Holocaust

Frau Grünberg, die mit am Tisch sitzt, lebt vielleicht nur noch, weil ein kommunistischer Hausmeister sie und ihre Mutter lange vor Nachforschungen der Gestapo schützte. "Als es dann eng wurde, hamms mich bei den Kinderlandverschickungen einem Bauern in Isen untergejubelt." Ihre Mutter konnte ebenfalls untertauchen, nach dem Krieg fanden sie sich wieder - und lebten zusammen in der früheren Wohnung. Sogar die Großmutter kam zurück. "Die war drei Jahre in Theresienstadt". Frau Rosenthal nickt nur kurz, man muss hier nicht dazusagen, was diese drei Jahre beinhalten.

Es wäre völlig falsch zu glauben, dass im Café Zelig alle permanent über den Holocaust reden müssen. Im Gegenteil, viele wollen das gar nicht und haben noch nie über ihre Erinnerungen gesprochen. Ronel: "Das Besondere am Zelig ist nicht, dass man miteinander reden kann. Sondern dass man sich nicht erklären muss. Weil man eine Vergangenheit teilt." Frau Grünberg und Frau Rosenthal beispielsweise scheinen vorher nicht die Vorgeschichte der jeweils Anderen gekannt zu haben. "Es ist nur wichtig, überhaupt einen Ort zu haben", sagt Grünberg, "zu wissen, dass andere Ähnliches erlebt und überlebt haben."

Ihre Überlebensgeschichte erzählen sie dem Reporter, sie selbst unterhalten sich lieber über den Kuchen. Oder das Zelig: Die Akustik hier sei ja hundsmiserabel, womit sie Recht haben, es hallt extrem und es ist schon für jüngere Ohren schwer, aus dem summenden Gesprächslärm einzelne Stimmen herauszufiltern. "Und die Pianistin vorhin, die war ja viel zu laut", sagt eine der Damen am Nebentisch resolut. Ihre Tischbegleiterinnen nicken heftig. Was doch merkwürdig ist, vorhin schien es allen zu gefallen, ja erst als die Pianistin damit begann, kraftvoll und resolut in den unteren Oktaven herumzuwühlen, fingen alle an mitzusingen: Mir sejnen do! Mir sejnen do! Wir sind alle noch da. Zelig heißt gesegnet. "Es geht auch um Seligkeit, Fröhlichkeit", sagt Ronel.

Es gibt aber auch die Tische, an denen der Holocaust jedesmal Thema ist. Natan Grossmann sitzt meist mit zwei Überlebenden aus Buchenwald zusammen, sie erzählen einander die Details der KZ-Zeit, Grossmann kann sehr krass sein, "ein Wagen Holz, zwei Wagen Menschen", das sei die wichtigste Formel in Auschwitz gewesen. "Und die Asche wurde dann von den Bestien an die Bauern der Umgebung als Dünger verkauft." Grossmann wirkt wütend, empört, aufgewühlt, so als würden all seine seelischen Leitungen offen zutage liegen. Dabei hat er 60 Jahre lang nicht darüber gesprochen. "Kein Wort, ich wollte alles annullieren", sagt er und macht einen Schlussstrich durch die Luft.

Auf Dauer aber kann man die Tatsache, dass man einst selbst annulliert werden sollte, nicht annullieren. Dass es den Nazis gelang, so viele Menschen zunichte zu machen, zu Nichts, ein wenig Asche, und auch die ist längst verschwunden. Eines Tages traf Grossmann in Yad Vashem einen Überlebenden aus Auschwitz, vom dem er überzeugt war, er sei vernichtet worden.

Irgendwie muss das den Stöpsel gezogen haben. Seither spricht er, ja die Geschichten quellen geradezu aus ihm heraus. Er war mit der Filmemacherin Tanja Cummings in Łódź, auf Spurensuche. Mitten in der Stadt hatten die Nazis das zweitgrößte Ghetto auf europäischem Boden errichtet. Alle wussten um die Zustände dort, sie sahen es täglich mit eigenen Augen, schließlich fuhren mehrere Straßenbahnlinien quer durch das Ghetto, abgeschirmt durch einen engen Stacheldrahtkorridor. "Wie aus'm Aquarium die Fische haben sie zu uns geglotzt", sagt Grossmann.

Auch das Ehepaar Theresia und Gideon Rosendahl besucht gerne das improvisierte Café.

(Foto: Stephan Rumpf)

In Cummings' Film "Linie 41" sucht Grossmann nach Hinweisen auf seinen Bruder Ber, den er 1942 zuletzt gesehen hat. Irgendwann findet er heraus, dass Ber wohl in Chełmno umgebracht wurde. Grossmann glaubt, sein Bruder habe sich auf einen Transport geschmuggelt, um in Chełmno auszukundschaften, wie man dort Widerstand organisieren könne. Er konnte nicht ahnen, dass die Nazis dort ihren industriellen Massenmord begannen, dass es von dort keinen Weg zurück gab.

An der dortigen Gedenkstätte geht Grossmann mit einem der Mitarbeiter die Registerbücher durch. Irgendwann stößt er auf einen Transport, der am 6. März 1942 in Łódź losgefahren war. Grossmann hält im Film seinen Finger auf das winzige Bleistiftkästchen: "Da ist er." Das ist alles, was von ihm blieb. Ein Datum. Eine Vermutung. Wie soll man je über diese entsetzliche Lücke adäquat reden? "Ich muss es erzählen", sagt Grossmann, "ich werd sonst meschugge."

Am frühen Abend, als alle wieder nach hause gegangen sind, hört Joram Ronel noch durch einen Zufall von den Beschwerden der alten Damen. Dass es zu laut sei. Und dass die Pianistin nicht perfekt begleitet habe. "Wunderbar", sagt Ronel, der die Pianistin übrigens hervorragend findet. "Das freut mich wirklich zu hören. Das bedeutet, sie sind hier angekommen. Über Einzelheiten beschwert man sich, wenn man das große Ganze akzeptiert." Das große Ganze. Das Café Zelig.

© SZ vom 03.06.2017/bhi
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