Es wird vielleicht seine letzte Reise sein. Sie wird ihn noch einmal in das Land führen, in dem sie ihm nach dem Leben trachteten. Nach Deutschland, ausgerechnet. Und dann auch noch in die Stadt, in der die Nazis sich heimisch fühlten, der "Hauptstadt der Bewegung". Von Haifa in Israel, wo Jurek Rotenberg jetzt noch wohnt, will er nach München ziehen. Um dort zu sterben. Und um vorher noch ein wenig zu leben.
"In München kann man so gut leben", sagt der 87-Jährige. "Es ist eine lebenswerte Stadt. Und eine liebenswürdige." Und Rotenberg ist ein besonders liebenswürdiger Mann. Als er ein Junge von 14 Jahren war, hat ein berühmter Deutscher ihm das Leben gerettet. Seitdem ist Rotenberg ein dem Leben auf berührende Weise zugewandter Mann. Er ist in allem, was er tut, noch immer ein Lebensdurstiger. Und wenn er lächelt, dann mit seinem ganzen, von Alter und Sonne braun gesprenkelten Gesicht.
Rotenbergs Retter war Berthold Beitz, der Patriarch des Stahlgiganten Krupp. Er leitete damals in Rotenbergs Heimatstadt Boryslaw die Karpathen-Öl AG im von den Deutschen besetzten Polen und rettete 1500 Juden. Auch Jurek Rotenberg und dessen Mutter beschäftigte Beitz in seiner Fabrik und bewahrte sie so vor der Gaskammer. Seine besten Freunde und viele Familienmitglieder hat er aber verloren. "Sie gingen alle zum Himmelskommando", sagt Rotenberg. Und meint damit den Holocaust.
Vor einem Jahr ist Rotenberg schon einmal probeweise von Haifa nach München gereist. Er will sich damals ein paar Wohnungen anschauen. In der Thierschstraße im Lehel bleibt er vor dem Haus mit der Nummer 41 stehen, in der Fassade ist eine Nische mit einer Madonnenstatue eingelassen. Hier wohnte Hitler von 1920 bis 1929, bis er an den Prinzregentenplatz zog. "Ja, aber dafür kann dieses schöne Haus ja nichts", sagt Rotenberg, zuckt mit den Schultern und lacht: "Wenn ich nach München ziehe, streichen wir alle Häuserwände blau, grün und rot!"
Solche Sätze sagt er manchmal, wenn er die vielen kleinen Melancholien in sich selbst verbergen will. "Ich bin ein fröhlicher Mensch und weine selten. Aber hier drinnen", sagt er und deutet auf seine Brust, "hier drinnen weint es manchmal." Er hat immer versucht, trotz allem eine besondere Leichtigkeit des Seins zu leben. Vielleicht wird ihm München mit seiner Unbeschwertheit dabei helfen.
Als vor drei Jahren Rotenbergs Beschützer Berthold Beitz starb, luden ihn dessen Kinder zur Trauerfeier in die Essener Villa Hügel. Sie wünschten sich, dass er eine Rede auf Beitz hielte. Die tausend Ehrengäste an diesem Tag waren so bewegt von Rotenbergs Worten, dass sie sich für ihn erhoben. Auch Bundespräsident Joachim Gauck. Der ging auf ihn zu und schloss Rotenberg in seine Arme.
Auf seiner Besichtigungstour durch München besucht Rotenberg auch ein Seniorenheim am Stadtrand von München, das Augustinum in Neufriedenheim. Welch Zufall: Dort wohnt Hans-Erdmann Schönbeck, ein ähnlich feiner Herr wie Rotenberg mit einer so ganz anderen Biografie. Er hat Stalingrad und den 20. Juli 1944 als Freund der Verschwörer überlebt.
Im großen Saal des Augustinums setzt sich Rotenberg dann spontan an den Flügel und spielt ein paar Jazzmelodien. Ja, sagt er, hier könnte er sich vorstellen zu leben. Aber die Warteliste für ein Apartment ist lang.
Der Weg zurück in die Innenstadt führt an der Isar entlang, die sich ausbreitet in ihrem Kiesbett, verzweigt und verästelt. Unter leuchtend gelben Kastanien, durch still stehende Biergärten hinein in die Weite des Englischen Gartens, hinter dessen Bäumen die Türme der Stadt aufragen. Rotenberg sagt: "Ich mag dieses München. Es ist eine weltoffene und freundliche Stadt."
Er hat nie in Deutschland gelebt, sich aber immer nach Deutschland gesehnt. In Polen wuchs er mit der deutschen Kultur auf. Was ist es nun, das ihn, den Juristen und Pianisten, nach München zieht?
Gegen Ende seines Lebens fühlt er sich oft allein in Israel, sagt er, während er vor gepackten Kisten und einem großen Koffer in seiner Wohnung in Haifa sitzt. Er liebt die deutsche Sprache. Und noch mehr die deutsche Musik. So sehr, dass dieser wortgewandte Herr diese Liebe schwer beschreiben kann. Er deutet stattdessen auf sein Herz und klopft ein paar Mal mit seiner Faust auf die Rippen: "Da drinnen wohnen Schumann und Beethoven." Dann deutet er auf seine Stirn: "Und hier oben leben Schopenhauer und Bach", sagt er. Ihre Kompositionen, ihre Schriften und ihr Geist. Auch deswegen muss er jetzt nicht viel mitnehmen nach Deutschland.
Er überlegt, was er wohl noch braucht für die große Reise. Fast so wie damals vor 74 Jahren, als alle Wege ins Nichts wiesen. Heute sind da kaum Dinge, von denen einer wie er sich nicht trennen könnte. Sein guter Anzug kommt mit, ein paar Bücher, die Blutdrucksenker.
Und diese Blätter hier. "Ich habe das bisher nicht vielen Menschen gezeigt", sagt er, als er einen Papierstapel aus seinem Schreibtisch hervorzieht. Mehr als tausend Namen sind auf den Blättern verzeichnet. Jurek Rotenberg fährt behutsam mit seinem Zeigefinger die einzelnen Namen entlang. "Auf dieser Liste stehen die Namen meiner Familie und meiner Freunde, die nach Auschwitz gingen", sagt er leise. Diejenigen Namen, die er rot umrandet hat, gehörten seinen Liebsten.
Jurek Rotenberg hat sich trotz allem früh in seinem Leben für das Lächeln entschieden, als er mit 14 Jahren dem Tod entkam. Seitdem kehrt es in vielen Variationen in sein Gesicht zurück. Und nun, am Ende seines Lebens, wird er es sich doch nicht noch anders überlegen! Sicher, ein wenig lastet der nahe Abschied von Israel auf ihm. Aber ebenso erleichtert ihn auch der Gedanke. Denn sicher fühlt er sich dort schon seit Längerem nicht mehr. Die vielen Terrorangriffe, die Vergeltungsschläge, die Messerattacken auf offener Straße, die Kriege. München bedeutet für ihn Frieden. Er will jetzt diesen Frieden und noch ein wenig Gegenwart genießen. Er trägt ein großes, weites Gemüt in sich und München ist doch voller Gemüt. "Manchmal ist die Erinnerung eine Last, die schwer wiegt auf meinen Schultern", sagt er, "manchmal ist sie so schwer, dass ich sie gerne im Meer versenken möchte."
Auf seinem Münchenspaziergang vor einem Jahr war er auch an St. Michael vorbeigekommen. Er ließ sich von der Pracht des Gotteshauses hineinziehen. Schaute lange in die Lichter der Kerzen, die unter einem Kreuz hin- und herflackerten und ihren Schein in sein Gesicht warfen. Er schwieg lange. Dann zündete er eine Kerze an. "Für Berthold Beitz. Und für das Leben."