Internationale Automobilausstellung in München:So sieht das Programm für die IAA aus

Mehr als 500 Aussteller aus rund 30 Ländern kommen im September nach München. Doch das Auto und seine Schöpfer werden längst nicht mehr so bewundert wie früher. Zudem fällt die Messe in einen besonders heiklen Zeitraum.

Von Max Hägler und René Hofmann

Leistungsschau? Jürgen Mindel versucht, den Begriff zu vermeiden. "Schwieriges Wort", sagt er. Der Geschäftsführer des Automobilverbands VDA spricht lieber von einer "Zukunftsschau", wie die Menschen sich künftig durch die Stadt und durch das Land bewegen können.

Am 7. September beginnt die Internationale Automobilausstellung (IAA), die Schau, auf der die deutsche Autoindustrie lange stolz ihre Produkte präsentierte. Aber vieles hat sich geändert. Das Auto und seine Schöpfer werden nicht mehr so bestaunt wie einst, sondern zunehmend skeptisch betrachtet.

Die vorletzte IAA lockte 2017 noch 800 000 Besucher nach Frankfurt am Main, bei der jüngsten Aufführung 2019 wurden nur noch 560 000 gezählt - und weit mehr Aufmerksamkeit als die Schaulustigen erregten die Zehntausenden Nicht-Schaulustigen, die ihren Unmut über die Autoanbetung in die Stadt trugen. Nach dem Frankfurt-Gau suchte der VDA ein neues Konzept und eine neue Heimat für sein Kind. So kam die IAA nach München. An der Art, wie sie kommt, lässt sich nun aber auch schon so einiges ablesen.

Die Messe wird die erste internationale Großveranstaltung in Deutschland seit Beginn der Corona-Pandemie sein. Schon deshalb wird sie viele Blicke auf sich ziehen. Sie könnte eine Gelegenheit sein, Mut und Aufbruchswillen vorzuführen. Doch davon ist wenig zu spüren. Breit angerollt kommt diese IAA nicht.

Auf der Automobilausstellung soll es nun mehr als Autos zu sehen geben, weshalb das Kürzel IAA um den Appendix "Mobility" erweitert wurde. Diese IAA plus soll auch nicht mehr als elitärer Autogipfel inszeniert werden, weshalb der Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich nicht nur das Messegelände in Riem umfasst, sondern zudem ein halbes Dutzend Plätze in der Innenstadt. Verbunden werden die beiden Messebereiche über eine extra Fahrspur, die sogenannte blue lane, auf der sich einige der gezeigten Produkte auch gleich ausprobieren lassen und generell nur umweltfreundliche Fahrzeuge rollen sollen oder solche, in denen mindestens drei Menschen sitzen.

In dieser Woche gaben die Veranstalter zu all diesen Ideen mehr Details bekannt. Dabei war so viel und so ausführlich von Nachhaltigkeitsansätzen, Co₂-Bilanzen und Fahrradherstellern die Rede, dass sich Verbandsvertreter Mindel irgendwann fragen lassen musste, ob es denn überhaupt noch ein Gefährt mit einem klassischen Verbrennungsmotor zu sehen geben werde. Derlei ist natürlich weiter im Programm. Nur darüber reden mögen die Automesse-Menschen halt nicht so gerne.

Klettern die Pandemie-Werte bis zur Ausstellung wieder in hohe Bereiche, droht eine heftige öffentliche Debatte

Und dann gibt es da ja noch ein heikles Thema: Corona. Wie es mit der Messewirtschaft weitergeht, war in dieser Woche Thema im bayerischen Kabinett. Dem galt die Einrichtungs-Fachmesse "TrendSet", die vom 10. bis 12. Juli in München abgehalten wurde, als Pilot-Projekt. Dieses sei geglückt, beschied Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU), weshalb von August an wieder Ausstellungen stattfinden dürfen.

Die IAA aber fällt in einen heiklen Zeitraum: Sie geht vom 7. bis zum 12. September. Das ist die letzte Sommerferien-Woche. Klettern die Pandemie-Werte bis dahin wieder in Bereiche, die Schulöffnungen in Frage stellen, dürfte eine heftige öffentliche Debatte drohen.

"Was ist, wenn wir die 50er oder sogar 100er Marke bei den Inzidenzen reißen sollten, so wie jetzt schon in Frankreich oder Spanien?", heißt es von einem maßgeblichen deutschen Autohersteller. Man habe das ausführlich mit dem VDA diskutiert, aber dort regiere das Prinzip: Wir ziehen es jetzt durch. Die Folge: Womöglich müsse man Zäune um die Außenstände stellen und Einlasskontrollen einrichten. "Das wäre dann nicht gerade die Idee einer offenen Plattform zum Austausch", so die Kritik aus der Industrie.

Offiziell zeigen sich die Verantwortlichen gelassen. Ein IAA-Besuch dürfe "nicht gefährlicher sein als ein Gang zum Supermarkt" gibt Tobias Gröber, der Geschäftsbereichsleiter der Messe München, als Losung aus. Geplant wird entlang des 3-G-Konzeptes: Zutritt also nur für Getestete, Geimpfte oder Genesene. Vorgesehen sind außerdem Kontakterfassung, klare Abstands- und Maskenregeln und viele Desinfektionsmittelspender. Man sei mit den Behörden im Austausch und auf alle Szenarien vorbereitet.

Viele Details werden sich wohl erst kurzfristig klären, nur ein Szenario gibt es offenbar nicht: die Messe rein in den virtuellen Raum zu verlegen. So gibt es zwar für 199 Euro ein "Virtual Ticket", das den Zugriff auf alle Konferenz-Stream und alle digitalen Präsentationen ermöglicht, aber im Prinzip ist das Ganze doch als "Happening" mit "Festivalcharakter" (Messemanager Gröber) angelegt.

Wer kommt zur IAA - und wer fehlt?

Inzwischen zeichnet sich auch ab, wer mitmacht. Mercedes wird vor der Feldherrenhalle repräsentieren, BMW mit seinen Marken ein paar Meter weiter auf dem Max-Joseph-Platz. Audi und Porsche arrangieren sich mit Siemens auf dem Wittelsbacher Platz. Mehr als 500 Aussteller aus rund 30 Ländern haben sich eingeschrieben. Bisher nicht dabei: Toyota, der neue Stellantis-Konzern, in dem sich Peugeot/PSA und FiatChrysler zusammengeschlossen haben - und damit auch die dort dazugehörige deutsche Tochter Opel nicht. General Motors, Volvo oder innovative Player wie Tesla oder Nio aus China fehlen ebenso.

"Die IAA ist wie die Branche selbst inmitten einer großen Transformation", sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management. Das neue Konzept, bei dem über das Auto hinaus gedacht werde, könnte aber "eine spannende Mischung werden" - sofern sich auch die Politik daran beteilige: "Es braucht gerade in den Städten eine politische Orchestrierung bei der Mobilität der Zukunft, das kann man nicht den Autoherstellern und Unternehmen alleine überlassen und aufbürden."

Sein Kollege Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research in Duisburg begrüßt ebenfalls das "breite und vielfältige" IAA-Programm. Ihn erinnert es "an eine Art Weltausstellung mit Pavillons für die einzelnen Länder statt an die klassische Autoausstellung".

Raum für öffentliche Diskussionen soll es bei dieser Weltausstellung auch geben: auf dem Marienplatz wird eine Bühne errichtet. "Eine Art Speakers Corner mit Programm", so stellen es die IAA-Macher dar. Es wirkt ein wenig wie der Versuch, die Kritiker einzuhausen. Ob dies gelingt, darf aber bezweifelt werden. Gruppierungen mit klingenden Namen wie "Sand im Getriebe" oder "Smash IAA" haben bereits Aktionen gestartet: "Konzerne entmachten und enteignen" lautet eine der vielen Forderungen, die weit über reine Verkehrspolitik hinausreichen. Im Feierwerk ist ein Alternativkongress mit mehr als 30 Veranstaltungen geplant.

Eröffnet wird die IAA wieder - und zum letzten Mal als Bundeskanzlerin - von Angela Merkel. In Frankfurt waren bei ihrem Rundgang 2019 Demonstranten auf die Dächer der auf Hochglanz polierten Autos geklettert. Die Aussicht, dass dies in München ausbleiben könnte, war einer der Gründe, wieso die Automanager es nun hier versuchen wollen.

© SZ vom 24.07.2021/van, kafe
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