bedeckt München 18°
vgwortpixel

Neuer IAA-Standort München:Bitte recht spielerisch!

Glänzender Auftritt: BMW-Chef Oliver Zipse auf der IAA 2019 in Frankfurt am Main. Künftig findet die Show im Schatten seiner Konzernzentrale statt.

(Foto: Tobias Schwarz/afp)
  • Die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) wird von Herbst 2021 an in München veranstaltet.
  • München hatte sich bei der Vergabe letztlich gegen Berlin und Hamburg durchgesetzt.
  • Um die Münchner Chancen zu erhöhen, hatte Söder vor der Wahl vor allem den Kontakt zu den größten Zweiflern am neuen Austragungsort gesucht, dem Volkswagen-Konzern.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist bekanntlich ein Hollywood-Kenner. Und so fällt ihm ein kleiner Filmvergleich ein, wenn er - gut gelaunt - über die Internationale Automobilausstellung (IAA) spricht, die von Herbst 2021 an in München veranstaltet werden wird: "Es muss ja nicht wie bei Star Wars werden, wo alles automatisch herumfliegt und herumfährt, aber technologieoffen und spielerisch soll das alles schon sein." Tatsächlich sollen ja auch sogenannte Volocopter herumfliegen, ein Art fliegendes Taxi, als "schöne Ergänzung" der Autoschau. Auf jeden Fall ist damit eine weitere Erwartungshaltung an die weltweit bedeutende Industrieschau beschrieben - von einem, der einen guten Teil dazu beigetragen hat, dass München Austragungsort geworden ist.

Am Dienstagnachmittag haben sich die mächtigen Männer der deutschen Automobilbranche und ihre Lobbychefin Hildegard Müller in einer Telefonkonferenz auf München als neuen Veranstaltungsort verständigt. Die Kriterien von Ola Källenius (Daimler), Bram Schot (Audi), Herbert Diess (VW), Oliver Zipse (BMW), Oliver Blume (Porsche) oder Volmar Denner (Bosch) und einem Dutzend anderer Manager, die im Branchenverband VDA zu entscheiden haben: Sicherheit, gute Ideen und eine große "Liebe zum Automobil".

Die ist im Land von Audi und BMW wohl größer als in den beiden Mitbewerberstädten Hamburg und Berlin. Dabei lagen die nicht so schlecht im Rennen. Aus beiden Städten kamen nach der Vergabe Glückwünsche an den Sieger. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) teilte nach der Entscheidung ein bisschen spitz mit: "Auch an der Isar kann die IAA ein neues Kapitel aufschlagen, von der das Industrieland Deutschland im Zeitalter von Digitalisierung und neuer Mobilität profitieren kann." Hamburgs Messechef Bernd Aufderheide gratulierte den Siegern, ließ aber auch ein wenig Enttäuschung durchblicken. "Es war ein ideenreicher, ambitionierter, aber immer fairer Wettbewerb, den wir natürlich gern gewonnen hätten." Die Ideen und Erfahrungen aus dem aufwendigen Bewerbungsprozess sollen nun für "andere Zusammenhänge" später ausgeschöpft werden.

Um die Münchner Chancen zu erhöhen, hatte Söder vor der Wahl vor allem den Kontakt zu den größten Zweiflern am neuen Austragungsort gesucht, dem Volkswagen-Konzern. "Ich habe die Sorgen der anderen Autohersteller verstanden, dass die IAA in München nicht nur eine Automobilfirma bevorzugt", sagt Söder am Mittwoch im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Deshalb begrüße er die symbolische, diplomatische und pragmatische Lösung: die BMW-Logos der Firmenzentrale am Olympiapark werden abgedeckt im Herbst kommenden Jahres. Auch sonst sieht Söder die Staatsregierung unter seiner Leitung als Treiber der Schau, die er für enorm wichtig hält, ob für die Metropolregion München, den Messestandort, aber auch für den Automobilstandort Deutschland insgesamt: 15 Millionen Euro für den VDA gibt es deshalb vom Land Bayern. Und man wolle auch helfen beim Werben um wichtige ausländische Aussteller.

Vielleicht sei München nicht ganz so inspirativ wie das bunte Berlin, sagt Söder, aber es gebe dort etliche andere Vorzüge, die nach Angaben aus der Industrie tatsächlich auch zum Sieg der Stadt über Hamburg und Berlin beitrugen. "Wer eine Sicherheitskonferenz in Ruhe durchführen kann, bewältigt auch eine IAA gut", sagt Söder. Das zielt darauf ab, dass das Auto bei immer mehr Menschen umstritten ist, ähnlich wie die "Rüstungspolitik" - und hier wie dort soll die bayerische Landespolizei für Ordnung sorgen. In Frankfurt, bei der bislang letzten IAA, hatten die autokritischen Gegendemonstranten vor den Messetoren und in den Messehallen den Lobbyverband VDA und die Autofirmen mächtig geärgert.

Wobei natürlich auch in München Gegenmeinungen ihren legitimen Raum haben dürften, betont Söder. Überhaupt solle die IAA mehr sein als nur eine Automesse mit Teststrecke. "Das wird eine Mobilitäts- und Automobilmesse, aber keine Pirelli-Leistungsschau im Kalenderstil", sagt der CSU-Politiker. Stattdessen solle die Vergabe für die Bürger und die Politik endlich Anlass sein, über Visionen für die Stadt zu diskutieren. Spielerisch, vor einem ernsten Hingrund. Denn auch die IAA wird dazu beitragen, dass München noch stärker wächst, an ihre Grenzen stößt beim Verkehr oder den Wohnpreisen. "Bislang fehlt München ein modernes Leitbild für dieses Wachstum", sagt Söder; schnell vollziehe sich dies, aber es sei das Gefühl abhanden gekommen. Mit dem Zuschlag für die neue Messe müsse nun über große, clevere Lösungen diskutiert werden, denn ein Einfrieren des "Status Quo" sei auch keine Lösung; das würde wirtschaftlich zu einem Desaster führen. Andersherum könnten jedoch Stadt und Land profitieren: "Die Versöhnung von Klimaschutz und Automobilität, von Ökonomie und Ökologie" sei eine "lohnende Herausforderung".

Auch die Autoindustrie sieht offenbar die Chancen, die ein neuer Austragungsort bietet: "Wir freuen uns auf eine gemeinsame IAA in München, die zeigen wird, welche zentrale Rolle die deutsche Automobilindustrie mit ihren Technologien und Produkten für die Zukunft der Mobilität spielen wird", ließ Oliver Zipse, der BMW-Vorstandsvorsitzende, wissen. Nun gelte es, "ein innovatives Konzept" voranzutreiben, "das vor allem zu den Wünschen und Bedürfnissen der vielen Besucher aus aller Welt passt".

"Ich würde mir wünschen", sagt Söder, "dass sich die Politik in München mehr begeistert für Veränderung." Dieses "Mia san Mia" weiter denken - liberaler zumal und humorvoller - anlässlich der künftigen IAA-Gäste, das sei seine Idee. Söders konkretes Bild von der Stadt der Zukunft ist indes eines, das nicht ganz zu dem von seiner Partei passt, die sich im laufenden Kommunalwahlkampf beinahe ausschließlich als Autofahrerpartei geriert: Ein intelligent verwalteter Ballungsraum mit viel unterirdischem Verkehr soll die Stadt sein. Einen starken Personennahverkehr stelle er sich vor, sagt der Ministerpräsident, mit vielen Radfahrern, dichterer Bebauung, bei zugleich entstehenden Grünschneisen. "Und bitte mehr Ästhetik in der Architektur und weniger Spießigkeit."

© SZ vom 05.03.2020
Wirtschaft in München Die Stadt ist auch ohne Autoschau am Anschlag

Contra: IAA in München

Die Stadt ist auch ohne Autoschau am Anschlag

Auf Münchens Straßen geht zu Stoßzeiten nicht mehr viel, die Mietpreise steigen immer weiter, ein gesundes Miteinander wird immer schwieriger. Die IAA wird dazu ihr Übriges beitragen.   Kommentar von Max Hägler

Zur SZ-Startseite