Schon um halb elf am Dienstag, also eine halbe Stunde vor Beginn der IAA im Stadtzentrum, hat sich vor dem BMW-Pavillon am Max-Joseph-Platz eine Schlange gebildet. Sie reicht von der Residenzstraße bis zum Eingang des Residenztheaters, das dürften um die 100 Meter sein. Als die Security-Mitarbeiter um 11 Uhr dann die Sperre beseitigen, setzt sich die Menge langsam in Bewegung, drinnen erwartet einen zunächst eine Taschenkontrolle, die die Besucher geduldig über sich ergehen lassen.
Und dann: Das angekündigte Londoner Flair geht wohl unter in der Menschenmenge, vor lauter Gedränge dauert es, bis man mal einen Blick auf die Fahrzeuge erhaschen kann. Der elektrische iX3, der aus Sicht des Autobauers eine neue Ära einläuten soll, ist aber bereits von Weitem zu erkennen. Er steht auf einem mehrere Meter hohen Podest. Ansonsten präsentiert sich dort auch die Marke Mini – in einem Maxi-Umfeld. Auf einem Sonnendeck, am Eröffnungstag eher ein Nieselregendeck, gibt es kostenlos Wasser und Kaffee, viele Besucher nehmen direkt die Treppen nach oben, ohne sich groß um die Autos zu kümmern.
Die IAA sprengt diesmal alle Dimensionen. 748 Aussteller aus 37 Ländern sind es auf dem Messegelände in Riem und in der Stadt. Doch nicht jedem gefällt, dass die Autoindustrie sich von Dienstag bis Sonntag im Zentrum so breit machen darf. Die Grünen etwa haben am Dienstag per Mitteilung gefordert, dass die Aussteller mehr Standmiete an die Stadt zahlen sollen, aktuell kostet ein Stand tatsächlich nicht mehr als 30 Cent Sondernutzungsgebühr pro Quadratmeter.
Das ist für die Grünen, die die IAA Mobility am liebsten komplett aufs Messegelände verlegen würden, ein Spottpreis. Ebenfalls am Eröffnungstag verkündete der Verband der Automobilindustrie, die IAA auch bei den kommenden drei Ausgaben bis 2031 in München zu belassen.
XPENG oder BYD dürften vielen noch kein Begriff sein
Die vielen Besucher dürfte das politische Gerangel ebenso wenig kümmern wie die Proteste der IAA-Gegner. Die Stadt ist schon kurz nach der Eröffnung voll, die teils pompösen Pavillons ziehen die Menschen in Scharen an. Auffällig sind die vielen Hersteller aus Asien, die ihre hierzulande bislang nicht allzu populären Marken in Szene setzen. XPENG oder BYD, beides chinesische Hersteller, und andere Marken dürften vielen noch kein Begriff sein.
Das könnte sich nach der IAA in München ändern. Um dagegenzuhalten, versuchen die altbekannten Aussteller umso mehr, Eindruck zu schinden. Mercedes zum Beispiel zeigt seine Autos wieder im Apothekenhof der Residenz, der Stand hat die Form eines riesigen Kühlergrills. Die Hauptrolle spielt dieses Jahr der vollelektrische GLC, ein eher unspektakulär wirkender SUV, der mit einem Preis um die 70 000 Euro in etwa so teuer ist wie der neue Konkurrent aus München. Nicht jeder kann und will sich das leisten, „schauen kostet nichts“, sagt ein Mann, der vielleicht Mitte 50 ist und es dann den anderen Menschen gleichtut, die von einer Empore herab die Fahrzeuge fotografieren.

Man zeigt, was man hat auf der IAA. Das gilt auch für den Hersteller Cupra, dessen Pavillon wie eine Bienenwabe aussieht. Drinnen gibt es kostenlose Brezen in Form des Cupra-Logos, freundliche Menschen verteilen Energy-Drinks in Dosen. Kostenlose Werbeartikel sind, wie bei allen Messen, auch auf der IAA schwer gefragt. Drinks und Stofftaschen sowie Gratiskaffee gibt es auch am Odeonsplatz bei Volkswagen.
Bei Porsche verteilen sie Poster und Aufkleber, der Stand am Wittelsbacherplatz hat dieses Jahr die Gestalt des Porsche-Logos. Echte Fans freilich, das gilt für alle Aussteller, die so etwas anbieten, decken sich mit Artikeln ein, für die sie nicht gerade wenig bezahlen. Ein Baseball-Käppi vom Autobauer aus Zuffenhausen für 59 Euro? Kein Problem, wozu ist man Fan.

Unterhält man sich mit den Leuten in den Schlangen vor den Pavillons, ist die Stimmung eindeutig Pro-Auto, was wenig überrascht. Wer sonst kauft sich schon Porsche-Kapperl oder GTI-Socken am Merchandising-Stand? VW zeigt natürlich seine aktuellen E-Modelle, der Blickfang des Pavillons ist aber ein großer, roter GTI-Schriftzug, drinnen steht dann auch einer, der laut Werbung ein „markantes Klangbild“ hat. Da sind sie also noch, die Verbrenner, die auf der IAA trotz groß zur Schau gestellter Elektromobilität immer noch eine Rolle spielen.
Doch nicht überall sind Autos aufgebaut. Vor der Feldherrnhalle etwa hat die Stadt wieder eine „Stadtoase“ geschaffen, wo Menschen es sich auf Liegestühlen bequem machen, während sie an ihren Cupra-Brezen knabbern. Am Königsplatz ist alternativer Mobilität viel Platz eingeräumt, hier ist der Pavillon „Zukunft Nahverkehr“, bei dem es in verschiedenen Vorträgen, etwa zum Thema Mobilitätswende oder Nachhaltigkeit, darum geht, auch ohne eigenes Fahrzeug mobil zu bleiben. Nebenan stehen die Besucher vor einem Fahrsimulator der Münchner S-Bahn Schlange. Auch das Modell der künftigen S-Bahnen zieht viele Neugierige an.
Fahrräder haben auf der IAA Mobility ebenso wieder ihren festen Platz. Einen ziemlich exklusiven hat sich der Hersteller Bosch mit seinen „E-Bike Systems“ ergattert – direkt im Eingangsbereich der IAA auf der Ludwigsstraße. Die Bikes in dem hölzernen Ausstellungsraum sind auf Hochglanz poliert und bereits kurz nach der offiziellen Eröffnung füllt sich der Showroom mit Interessierten.

Der Name Bosch steht eigentlich wie kein Zweiter für das in Deutschland so wichtige Kerngeschäft der Zulieferer hinter den großen Automobilkonzernen. Längst hat sich Bosch aber auch auf andere Geschäftsfelder verlegt und produziert etwa für zahlreiche Hersteller von E-Bikes Antriebssysteme.
Die Fahrradhersteller und -verleiher sind in diesem Jahr insbesondere auf der Ludwigstraße präsenter als noch vor zwei Jahren, wenngleich sie durch die großen Autopaläste etwa des chinesischen Herstellers BYD oder Hyundai aus Südkorea förmlich erdrückt werden. Anbieter wie Bikeleasing, einer der großen Verleiher von Firmen-Fahrrädern und auch privat genutzten Bikes, wirbt daher mit dem Slogan „Endorphin ohne Benzin“ weithin sichtbar gegen die Übermacht der Automobilhersteller an.
Direkt neben dem Stand des Verleihers brettern im Minutentakt Radler über die dort aufgebaute Teststrecke und probieren unterschiedliche Bikes aus. Und beim Anbieter Jobrad Loop wirbt einer der adrett gekleideten Verkäufer für die eigenen Fahrräder – sogenannte refurbished Bike, also Radl, die wieder instandgesetzt wurden. „Die sind top in Schuss und du hast zwei Wochen Zeit, dich zu entscheiden, ob du es nimmst“, sagt er. Preislich ist selbst bei den wieder aufbereiteten Fahrrädern nach oben kaum eine Grenze gesetzt. Aber selbst mit den teuren Modellen im Angebot wissen die Fahrradhersteller und -verleiher, dass sie genau bei diesem Thema ein schlagendes Argument in der Konkurrenz mit den Autobauern um sich herum haben.

