bedeckt München 14°

Hygiene in der Pandemie:Hände drunter

Desinfektionsmittelspender prägen das Stadtbild - und mehr. Der Drang zur Reinlichkeit allerorten verändert das tägliche Miteinander in München und raut die Haut auf. Die Bedienung ist an sich denkbar einfach, mancherorten aber ist Vorsicht gefragt: Nicht aus jeder Düse kommt das Erwartete

Von Wolfgang Görl

Die Zeiten sind fürs Erste vorbei, in denen der Mensch öffentliche Räume mit derselben Selbstverständlichkeit betreten kann wie der Bär seine Höhle. Überall könnte das Virus lauern, und nur Narren sind der Überzeugung, man müsste sich nicht wappnen. Das Leben hat seinen Rhythmus geändert, der mittlerweile zu einem permanenten Freiheitstaumel verklärte Alltag der Vor-Corona-Zeit ist nicht mehr. Auf einmal erlangen Utensilien Bedeutung, die man früher ignoriert oder belächelt hat. Der Mund-Nasen-Schutz etwa: Vor der Pandemie galt er als eine Marotte übervorsichtiger Asiaten. Jetzt ist der Gesichtslappen Pflicht und so wichtig wie die Mütze bei Frost.

Im Haus von Thomas Mann begrüßte ein ausgestopfter Bär mit Silberteller die Besucher.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Neben der Maske hat noch ein anderer Gegenstand Allgegenwärtigkeit erreicht, einer, der bis dahin ein Nischendasein in Krankenhäusern oder Arztpraxen geführt hat: der Desinfektionsmittelspender. In diversen Erscheinungsformen steht er am Eingang von Läden, er begrüßt die Kunden der Apotheke, und selbst in der Kirche kommt man ihm nicht aus. Mal ist es eine schlanke Stele mit Sensortechnik, die den Besucher empfängt, mal hängt das Ding an der Wand, in jedem Fall verkörpert es die unerbittliche Forderung: Desinfiziere deine Hände! Ja, das ist auch sinnvoll, und doch sehnt sich der Coronazeit-Mensch nach den Tagen, in denen er beim Betreten eines Geschäfts mit nichts als einem freundlichen Lächeln begrüßt wurde. Auch der im Literaturhaus ausgestellte Thomas-Mann-Bär kommt einem in den Sinn: Der ausgestopfte Meister Petz war gewissermaßen der Empfangsdiener im Hause des Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann, und wer über eine Visitenkarte verfügte, der legte sie in den Silberteller, die das Tier in den Tatzen hielt. Ein Bär mit Silberteller - das ist schon eine andere Art, Besucher zu empfangen, als ihnen mit einem Desinfektionsmittel zu bedeuten, sie mögen bitteschön die Krankheitserreger an ihren Händen beseitigen.

Heute wäre so ein Bär, den natürlich jeder streicheln würde, womöglich ein Superspreader, genauso übrigens wie die Weihwasserbecken in der Kirche. In katholischen Gotteshäusern wie etwa der Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt stehen jetzt zwei Typen von Flüssigkeitsspendern: Der eine enthält Desinfektionsmittel, der andere Weihwasser. Die Behälter sehen sich sehr ähnlich, weshalb Gläubige, ehe sie ihre Hände benetzen, das Etikett lesen sollten - vorsichtshalber, um Verwechslungen zu vermeiden. Auch in Einzelhandelsunternehmen, die sich auf Kaffeeprodukte spezialisiert haben, kam es, als sie noch geöffnet hatten, mitunter zu bösen Überraschungen: wenn die Flaschen mit süßen Sirupzusätzen verkannt wurden und nach einem Hub unerwartet klebrig Süßes über die Finger rann.

Das verdammte Virus. Es zwingt einen dazu, permanent wachsam zu sein und zu akzeptieren, dass die auf Vertrauen beruhenden Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt sind. Man hält Abstand zum Nächsten, macht einen großen Bogen um andere, gibt sich nicht mehr die Hand, verschanzt sich hinter Schutzscheiben. Jeder könnte eine Covid-19-Schleuder sein, das Misstrauen ist allgegenwärtig. Nicht einmal sich selbst darf man vertrauen, wer weiß, vielleicht hat man sich vor ein paar Minuten infiziert. Deshalb die Maske, die ja nicht den Träger schützt, sondern dessen Gegenüber. Du bist, sagt sie, ein potenzieller Spreader. Und auch der Desinfektionsmittelspender, so hilfreich er ist, sendet keine besonders freundliche Botschaft aus. Er signalisiert, dass der Eintretende in virologischer Hinsicht schmutzige Hände haben könnte. Und er fordert: Wasch sie erst mal! Gewiss, das sollte jeder auch tun, Händewaschen ist ja überhaupt das Gebot der Stunde. Was aber schon beunruhigend ist: Geht man vom Zustand seiner Hände aus, ist man im vergangenen Corona-Jahr locker um zehn Jahre gealtert.

© SZ vom 25.01.2021
Zur SZ-Startseite