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Hundestaffel in Zamdorf:Im absoluten Schnüffel-Modus

Hundestaffel Zamdorf

Im Keller sucht Golden-Retriever-Rüde Marley nach einer versteckten Person - und findet sie.

(Foto: Catherina Hess)

Die Freiwillige Feuerwehr Pastetten bildet Rettungshunde aus. Ein ehemaliges Fabrikgebäude steht der Staffel für ein Jahr zur Zwischennutzung frei.

Von Nicole Graner

Es tropft von der Decke. Die Tropfen landen in einer großen Pfütze auf dem Boden, die bei dem spärlichen Licht viel größer aussieht, als sie eigentlich ist. Und dann hängen auch noch dicke Kabelstränge aus den Wänden. Als ob einer mit Macht die einst dazu gehörenden Geräte herausgerissen hätte. Es riecht muffig und modrig. Kein Wunder, bei dieser Feuchtigkeit überall. Und nach altem Motorenöl. Ein paar Löcher werfen im Betonboden Kanten auf, Putz bröckelt von einem Sockelvorsprung.

Rosi ist das alles egal. Sie ist "im Einsatz". Und soll Menschen finden, die bei dieser Übung in der alten Motorenhalle an der Eggenfeldener Straße verschüttet sein oder irgendwo verletzt in einer Nische liegen könnten. Ihre Ohren hat die dreijährige Berner Sennenhündin nach vorne gerichtet, ihre Rute ist entspannt nach oben gestellt. Die Nase ist nach vorne gestreckt und im absoluten Schnüffel-Modus. Die ganze Körperhaltung signalisiert: "Ich bin voll und ganz dabei". Sophia Hilsenbeck geht voraus, in voller Montur der Freiwilligen Feuerwehr Pastetten. Durch Pfützen und Dreck. Und mit Taschenlampe. Sie öffnet die Türen und schickt ihren Hund hinein in das Ungewisse, in das Dunkel. "Rosi, such!"

Die Glocke an Rosis fluoreszierendem Geschirr bimmelt in einem fort. Aber sie findet nichts. Es geht von einer Tür zur nächsten, von einem Raum in den anderen. Nach einigen Minuten ruft Staffelführer Alexander Adam seiner Kollegin zu: "Du bist der Hundeführer, Du musst mitdenken. Wo war Dein Hund noch nicht?" Der 52-Jährige sagt das in einem klaren Ton, bestimmt, aber nicht vorwurfsvoll. Er will Anweisungen geben, aber nicht demotivieren. Und er will, dass Sophia Hilsenbeck ihren Hund gut beobachtet.

Tatsächlich hat Rosi in einem Raum gebellt. Die Hundeführerin ist zwar hinein, hat aber das Bellen nicht weiter verfolgt und dann eine Tür übersehen. Ganz hinten. Sie öffnet sie jetzt. Rosi schnüffelt wie verrückt und springt an einem Mauervorsprung nach oben. Und wieder herunter. Sophia Hilsenbeck überlegt. Rosi bellt erneut. Ist das jetzt was, oder nicht? "Geh dem nach", sagt Adam. "Schau auf Deinen Hund!". Und oben, hinter einer Mauer, entdeckt Rosi ihn dann: den Kollegen von der Feuerwehr, der sich als "Opfer" dort versteckt hat. Bellen, bellen und nochmals bellen. Dann wird Rosi mit vielen Leckerlis aus dem Futterbeutel belohnt. "Prima", lobt Sophia Hilsenbeck und wuschelt durch Rosis Fell. Zufrieden ist die 20-Jährige nicht, dass es so lange gedauert hat, bis sie das versteckte Opfer gefunden hat. "Das war nicht Rosis Schuld. Ich hätte besser auf sie schauen müssen." Sie weiß: Im Ernstfall geht es um Zeit, manchmal nur um Minuten.

Hundestaffel Zamdorf

Alle Hunde müssen im Ernstfall auf einer großen Fläche Menschen suchen können: Vermisste, Kinder, Kranke oder Suizidgefährdete.

(Foto: Catherina Hess)

Seit einem Jahr ist sie mit Rosi bei der Rettungshundestaffel der Freiwilligen Feuerwehr Pastetten, die gerade diese Staffel neu aufbaut. Alle Hunde müssen im Ernstfall auf einer großen Fläche Menschen suchen können: Vermisste, Kinder, Kranke oder Suizidgefährdete. Beim sogenannten Mantrailing nimmt der Hund mit Hilfe eines Gegenstands der verschwundenen Person den Individualgeruch auf. Und er muss sich auf schwerem Terrain, wie zum Beispiel in Trümmerfeldern, sicher bewegen können und dort nach Verschütteten suchen. Jeder Hund muss also alles können und legt für jedes Gebiet, also für "Fläche" und für "Trümmer" je zwei Prüfungen ab. Abgesehen von der obligatorischen Begleithundeprüfung. "Damit wir im Notfall als Staffel angefunkt werden, brauchen wir vier fertig ausgebildete Trümmerhunde", sagt Staffelleiterin Carmen Adam. Die Ausbildung ist zeitintensiv, dauert zwei bis drei Jahre. Zehn Hundeführer und elf Hunde trainieren bei der Freiwilligen Feuerwehr Pastetten. Und alle lassen sich ausbilden. Der Nachwuchs ist also gesichert.

Das leer stehende Gebäude an der Eggenfeldener Straße 104 mit seinen vielen Türen, Räumen, Nischen und Zwischenstockwerken ist zum Üben ideal. In so großen Hallen sei es für die Hunde richtig schwer, erklärt die Staffelleiterin. Denn der Geruch menschlicher Hautschuppen wird zum Beispiel durch Luftschächte gern absorbiert. Oben oder unten? Der Hund riecht, aber der Hundeführer muss abstrahieren. Warum schlägt er genau hier an, obwohl da nichts ist? "Immer wieder suchen wir neue Gelände", sagt die 51-Jährige. "Denn die Hunde wissen natürlich mit der Zeit, wie es wo aussieht. Abwechslung ist wichtig." Daher ist sie sehr froh über das neue Gelände. Gerade wenn in den Wintermonaten das Wetter schlecht wird und das Training im Freien eine echte Herausforderung darstellt.

Staffelführerin Carmen Adam bildet mit ihrem Mann Flächen- und Trümmerhunde aus.

(Foto: Catherina Hess)

Für ein Jahr darf es die Hundestaffel nutzen. Der Projektentwickler Ehret + Klein hat der Staffel aus dem Landkreis Erding die Zwischennutzung angeboten. "Ich finde es toll, dass dieser vor Jahren stillgelegte Motoren-Entwicklungsstandort so gut genutzt werden kann", sagt Geschäftsführer Michael Ehret. Nachdem das Institut für Motorenbau Prof. Huber GmbH im Jahr 2016 aus dem Gebäude ausgezogen war, hat im Juni 2019 Ehret + Klein das 2900 Quadratmeter große Grundstück erworben. Ehret, selbst Hundebesitzer, freut sich, dass das Ganze derzeit einem guten Zweck dient. "Ich finde es ein schönes Gefühl, und so eine Zwischennutzung haucht einem toten Gebäude doch Leben ein." Überhaupt müsste man in einer so teuren Stadt wie München noch mehr Zwischennutzungen ermöglichen. Denn sie prägten ja auch Standorte wie eine Art "Pop-up-Store" und sie rehabilitierten, glaubt der 51-Jährige, Brachlagen auch.

Vor dem Gebäude stehen viele Autos. In jedem ist eine Hundebox. Die Hundeführerinnen und Hundeführer unterhalten sich, tauschen sich aus oder analysieren ihren Lauf. Ganz ruhig liegen die Tiere in ihren Auto-"Körbchen" und warten, bis sie dran sind. So als ob sie genau wüssten, dass es mal wieder Samstag ist - Trainingszeit.

"So wie ich meine Feuerwehr-Uniform anziehe, steht mein Hund aber so was von bei Fuß neben mir", sagt Hannah Naefe. Die 25-Jährige ist nicht zur Hundestaffel gegangen, damit man den Hund "schön auslastet", wie sie sagt. Sie ist dabei, weil sie etwas Sinnvolles machen und einmal mit ihrer Lina, einer Labrador-Hündin, richtige Einsätze gehen möchte. Dafür muss sie noch intensiv trainieren, am besten dreimal die Woche, denn sie hat bei Null angefangen. Die Begleithundeprüfung braucht sie auch noch, also den Nachweis, dass Lina aufs Wort folgt, sofort kommt, Sitz und Platz macht und warten kann. Und sie ist dabei, weil hier im Team gearbeitet wird. "Jeder schaut auf jeden, und es ist egal, wer wie wann was findet", sagt Hannah Naefe. "Wir freuen uns, wenn die Hunde einfach gut sind." Also auch die Hundeführer.

Einen nach dem anderen schicken Carmen und Alexander Adam mit Herrchen oder Frauchen in das Gebäude. Auch Sophia Hilsenbeck ist wieder dran. Diesmal ist es besonders schwer. Das "Opfer" hat seinen Arm durch ein Bodenloch im Zwischengeschoss gesteckt. Rosi muss also auch nach oben schauen. Und sie schlägt genau da an, wo der Statist die Leiter angelegt hat, um auf seine Position zu kommen. "Gut gemacht", sagt Alexander Adam. Sophia Hilsenbeck lächelt. Und Rosi knabbert Leckerlis.

© SZ vom 31.10.2020/kafe
Training für die Rettungshundestaffel in Hochbrück, 2020

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Text: Gudrun Passarge Fotos: Alessandra Schellnegger

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